Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-11-24 · Heft 93 (24.11.1898) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 93 (24.11.1898)
Date
1898-11-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448943--47175-2497518
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1725 Feuilleton. —verkauft. — ' Eine Erzählung aus Ungarn. 27) Von Samuel B. Rosner. Nachdruck verboten- Rudolf begann zuerst mit der Einkehr, und zwar mit einem Eifer, der dem Bewußtsein entsprang, ein begangenes Unrecht gut machen zu müssen. Die ersten nach dieser Richtung hin unternommenen Schritte jedoch genügten, um Schulamit wieder in ihrer Schroffheit zu bestärken. Sie erblickte in seiner Einlenkung die Bestätigung dafür, daß sie richtig calkulirt habe. Der eitle Thor meinte also in der Thal, daß sie sich wegen seiner Unhöflichkeit tief unglücklich fühle und schien aus Erbarmen mit ihr geneigt zu sein, ihr wieder seine Gnade zuzuwenden! Oho — er soll von seinem Hochmuth schon gründlich curirt werden! Eine jede Rücksicht beiseite lastend, zog sie sich wieder schroffer als früher auf sich selbst zurück. Rudolf wieder, sehend, wie wenig Werth sie seinem Umgänge beilegte, glaubte sich nun vor seinem Gewissen einer jeden weiteren Pflicht ihr gegenüber enthoben, und überließ sich um so ungeteilter seinem früheren Unmuthe. Ein stiller, aber verbissen geführter Krieg entspann sich zwischen Beiden, der allmählich mit jedem Tage mehr an Schärfe gewann. Die Hausgenossen hatten keine Ahnung von dem, was sich zwischen den jungen Leuten abspielte. Nur das scharfe Auge der Mutter gewahrte bekümmert an dem sonst lebensfrohen, schaffensfreudigen Sohne die Zeichen tiefer Beunruhigung und geheimer Leiden und spähte vergebens nach dem Grunde derselben. Ja, Rudolf litt im Geheimen. Es war um seine Ruhe geschehen, deren er zur erfolgreichen Beendigung seiner Studien so sehr benöthigt hätte. Bei aller eisigen Kälte, die er Schulamit gegenüber zur Schau trug, spann sich doch ein Netz von tausend unsichtbaren Fäden von seiner Seele zu dem Mädchen. Unwillkürlich war sie ihm überall gegenwärtig. Er war sich längst im Klaren über den Ursprung dieses Seelenzustandes und sein Mannesstolz fühlte sich tief gekränkt durch das Bewußtsein seiner Abhängigkeit von diesem unreifen, leichtsinnigen Kinde. Es hatte sich nämlich bei ihm, was seine Meinung von Schulamit betraf, eine vollständige Umwandlung vollzogen. Seit dem Augenblicke, als seine Leidenschaft ihm vorgespiegelt hatte, daß sie sich mehr als gebührlich für den renegatenhaften Juristen interessirte, war sie in seinen Augen von ihrer einstigen Höhe gestürzt und zu einem hassenswürdigen Geschöpfe geworden. Alle ihre einstigen edlen Eigenschaften waren wie mit einem Schlage verschwunden; nur ihre stolze, sieghafte Schönheit glänzte unverückbar, wie eine Sonne am Zenite und sandte ihm ihre sengenden Strahlen in die wunde Seele. Er empfand ihren Einfluß als eine schwere Bürde, welche abzuschütteln er eine tiefe Sehnsucht empfand. Er fühlte aber zugleich, daß so lange sie in seiner Nähe war, er machtlos gegen ihren Zauber sei und deßhalb wünschte er, oder glaubte doch zu wünschen, daß wenigstens ein Erdtheil sie von ihm trennen möchte. Schulamits sanftes Gemüth hatte nichts gemein mit dem Empfinden voll tiefer, fast düsterer Gluth des Jünglings. Ihr Groll war derjenige eines schmollenden Kindes, der sich in dem Erspähen von Gelegenheiten zu kleinen Nadelstichen erschöpfte. Ihr Feuer war ein bengalisches Raketenfeuer, welches trotz allen Sprühens und Zischens nicht fähig war, ernstlichen Schaden anzurichten. Nun das Austheilen dieser Nadelstiche fiel der kleinen Schelmin nur zu leicht, denn sie hatte es bald herausgebracht, daß er sie heimlich mit Argusaugen beobachte und daß ihm nichts entging, was sie thun oder lassen mochte. Als Rudolf eines Tages von der Universität heimkehrte, da betrat er eben noch rechtzeitig den Hausflur, um zu sehen, wie durch das Fenster der Portiersloge eine Hand zum Vorschein kam, von welcher Schulamit, die einige Augenblicke vor ihm eingetreten war, ein Billet in Empfang nahm. Im ersten Momente verwirrt, wollte sie das Billet in ihren Muff verbergen. Sie schien sich jedoch sofort eines andern zu besinnen, nahm das Billet wieder hervor und öffnete den Umschlag, während sie sich langsam bis zum Treppenaufgang vorwärtsbewegte. Hier blieb sie stehen und entfaltete das Billet, um es zu lesen. Rudolf blieb, um sie beobachten zu können, bei der Portiersloge stehen und richtete an den Portier einige Worte. Dann setzte er seinen Weg fort und warf von der Entfernung einiger Schritte einen forschenden Blick auf das Billet, welchem ein starker Feilchenduft entströmte. Er konnte weiter nichts wahrnehmen, als daß es von einer kräftigen Männerhand geschrieben sein mußte. Sie schien keine besondere Eile zu haben, das Billet vor ihm zu verbergen. Als er, wie gewöhnlich, höflich aber förmlich grüßend an ihr vorüberschritt, da wandte sie ihm in auffälliger Weise und mit einem Ausdruck triumphirender Herausforderung das Antlitz zu, welches in einer unverkennbaren Erregung glühte. Rudolf schritt in Gedanken vertieft die Treppe hinauf. Wer konnte das stark parfümirte Billet an

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.