Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 93 (24.11.1898)
- Date
- 1898-11-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448943--47172-2497515- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1722 ein beleidigender Artikel erschienen, in dem behauptet wurde, Liebermann von Sonnenberg sei zuerst der wüthendste und wildeste Kulturkämpfer gewesen, der die katholische Religion in häßlichen Liedern angriff; erst später habe er den Antisemitismus betrieben. Der Artikel sei mit „Oscar Lehmann" unterzeichnet gewesen. Liebermann von Sonnenberg habe eine Berichtigung eingesandt des Inhalts, daß er nie Kulturkämpfer gewesen sei und nie die katholische Religion angegriffen habe; zum Schluß der Berichtigung habe es geheißen: Klage gegen Oscar Lehmann folgt. Sie sei aber nicht gefolgt ic. Das. kennzeichne so recht den „Mann mit dem stark entwickelten deutschen Ehrgefühl und der echt antisemitischen Wahrheitsliebe." — Das bekannte „markige" Gedicht des Klägers, das den Angriff gegen die katholische Religion enthielt, wurde zur Verlesung gebracht. Der Kläger bestritt, daß es, das vor dem Culturkampf gedichtet wurde, die katholische Religion beleidige, und betonte noch einmal, daß er niemals Culturkämpfer gewesen sei; er gehöre zu den allergemäßigtesten und allerhöflichsten Politikern, sein Bestreben sei stets auf Versöhnung der beiden christlichen Confessionen gerichtet gewesen. Er bitte um eine exemplarische Bestrafung des Beklagten, da gerade die „Mittheilungen" dauernd Angriffe gegen ihn richteten; sie trügen alles zusammen, was gegen ihn gesagt und geschrieben worden, und sie seien eigentlich eine Erleichterung für ihn, da er jede Woche alles dort zusammenfände, was seine Person anbeträfe. — Der Gerichtshof erkannte auf 50 Mark Geldbuße und Publication in den „Miltheilungen"; wie der Vorsitzende ausführte, handle eS sich um schwere Beleidigungen einer im politischen Leben stehenden Persönlichkeit, um Behauptungen, die der Beklagte geständlich nicht aufrecht erhalten kann. Der Gerichtshof habe ihm jedoch geglaubt, daß er sich beim Abdruck des Artikels in gutem Glauben befunden habe, und deßhalb auf die Hälfte jener Strafe erkannt, zu der der Mainzer Redacteur verurtheilt wurde. Soweit die „Staatsbürgerzeitung". Mit all den Verurtheilungen, die Liebermann von Sonnenberg jetzt erzielt, kann er die Thatsache nicht aus der Welt schaffen, daß er s. Z. dem Redacteur des „Israelit" öffentlich mit Klage drohte, thatsächlich aber alle Behauptungen über sich ergehen ließ, ohne zu klagen. Damit ist in den Augen der öffentlichen Meinung Herr Liebermann von Sonnenberg der Verurtheilte und nicht die Herren Schorf und Malten. Hamburg, 21. Noo. Der Vorstand des J-r. Stellenvermittelungsvereins hatte zum 16. c. im Hotel Continental seine Mitglieder und sonstigen Freunde zu einer Generalversammlung eingeladen. Der Verein hat ein Cartell mit den gleiche Zwecke verfolgenden Vereinen in Berlin, Breslau und Frankfurt a. M. abgeschlossen und mit dem Verein zur Versicherung gegen Stellenlosigkeit in Frankfurt a. M. einen Vertrag gemacht, der den hiesigen Mitgliedern große Boriheile sichert. Im verflossenen Geschäftsjahr waren beim Vorstand 270 Vakanzen gemeldet; von 155 Bewerbern konnte fast die Hälfte in Stellung gebracht werden. Die Zahl der Mitglieder beträgt zur Zeit 307. Der Vorstand wurde per Acclamation wiedergewählt. Ein Antrag des Vorstandes, für vermittelte Stellungen 6 Mk. zu erheben, wofür die Betreffenden die Mitgliedschaft auf zwei Jahre erwerben, wurde ohne Debatte angenommen. Da diese Versammlungen nach bisheriger G pflogenheit nur schwach besucht gewesen, hielt es der einladende Vorstand für zweckentsprechend die Abhaltung eines die Tendenz des Vereins fördernden Vortrages damit zu verbinden. Herr Jsaac Hirsch aus Hannover hatte sich freundlichst dazu erboten und zum Thema „Der jüdische Kaufmann" gewählt. Daß der Vorstand damit einen glücklichen Griff gethan hatte, bewies der überfüllte Saal und das Ubhafte Interesse, welches die Anwesenden der Sache entgegenbrachten. Rach üblicher Vorstellung begann Herr Hirsch seinen Vortrag mit der Würdigung des Kaufmannsstandes im Allgemeinen, von seiner ersten Entwickelung aus uralter bis auf öte heutige Zeit; damit kam der Redner auf die neuerdings konstrmrten Gegensätze der anderen Berufsstände und den hierdurch hervorgerufenen Neid, der in Haß übergegangen. Sehr geschickt wußte der Redner diese vermeintlichen Gegensätze, als nicht vorhanden zu beweisen, vielmehr bilde der Kaufmannsftand ein nothwendiges Glied in dem Organismus des Weltverkehrs. Wie eS zuging, daß der Kaufmannsstand im Judenthum stärker als die anderer Berufsstände vertreten sei, wußte der Redner an der Hand der geschichllichen Vorgänge seit der Zerstörung unseres eigenen Staatswesens zu begründen; wie uns der Grunderwerb und somit der landwirthschaftliche Betrieb, als Fremde im Land bis fast auf die neueste Zeit versagt gewesen, wie auch die Zünfte sich gegen die Aufnahme von Juden verschlossen hielten. Dann streifte Herr Hirsch die moderne Hetze, genannt antisemitische Bewegung, und wußte diese in gebührender Weise abzufertigen. (Schade, daß der Hamburger Antisemit, Herr Porzellanmaler und Reichstagsabgeordneter Raab nicht eingeladen war, er hätte die Belehrung empfangen können, daß die Wirklichkeit doch anders beschaffen sei, wie seine leicht zerbrechlichen Malereien.) Der Patriarch Jacob erblickte in seinen zwölf Söhnen alle Berufsftände würdig vertreten, wie aus seinem prophetischen Abschiedssegen deutlich hervorginge und