Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 92 (21.11.1898)
- Date
- 1898-11-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1704 um zu beten, da kam Elias, gesegneten Andenkens, zu mir und sagte zu mir: „Mein Sohn, welche Stimme hörst du in dieser Ruine?" Darauf antwortete ich: „Eine Himmelsstimme, die klagt wie eine Taube und jammert: Wehe meinen Kindern, um deren Sünden Willen ich meinen Tempel verheert und mein Heiligthum zerstört habe, die nun verstoßen weilen bei den fremden Völkern." Da sprach Elias zu mir: „Mein Sohn, bei deinem Leben, nicht nur zu dieser Stunde, sondern zu jeder Zeit, wenn die Juden in ihre Bethallen und Lehrhäuser gehen und sprechen: "pao n'LL» vt, schüttelt gleichsam der Heilige, gelobt sei er, sein Haupt und klagt: Heil dem Könige, den man in seinem Palaste also rühmt, wehe aber dem Vater, der seine Kinder vertreiben mußte, und wehe den Kindern, die verstoßen wurden vom Tische ihres Vaters." Ja, man schreibt der innigen Andacht beim Sprechen dieses Satzes eine überirdische Gewalt zu, der diesen Satz mitganzer Inbrunst 'ntez (Raschi: vw: H22) betet, wendet Leid ab, das über ihn verhängt wurde b psrp (Sabb. 119a). Eine ähnliche Stelle führen daselbst auch die Tosaphot aus der Pesikta an. R. Chiga bar Abba das. ist sogar der Ansicht, daß eine begeisternde Recitation unseres Satzes die Sünde des Götzendienstes wieder aufhebt und sühnt, die Entfremdung von Gott wird durch die Begeisterung für Gott aufgehoben. In Sota 49b sagt Rabba: Jeder Tag hat mehr Leid, als sein Vorgänger, was erhält die Welt? Das xn:*n xn rrctr xrr jcx das Beten des Satzes nw xrr nach dem Lehrvortrag. Uebertragen wir das Bild der Talmudstelle in unsere gewohnte Ausdrucksweise.- Das Leid der Welt wird nur besiegt und überwältigt durch begeisterte Liebe zu Gott und seiner Lehre — ein tiefes Wort! Nach dem Sohar (Abschnitt Noah) hat dieser Satz wunderbaren Einfluß. Wenn Israel diesen Satz spricht, wird Gott von Liebe erfüllt gegen die Bewohner des Gehinom und befreit sie auf einige Zeit von ihrer Pein. Auch hierin wird man unschwer die sittliche Idee, die dem phantastischen Bilde zu Grunde liegt, nicht verkennen. Liebende Heiligung Gottes erlöst aus der Gewalt der Sünde und ihrer Strafe! Daher ist es begreiflich wenn der Sohar- Abschnitt wajelach diejenigen streng geißelt, die ohne besondere Andacht den heiligen Satz bloß mit den Lippen, und nicht mit dem Herzen sprechen. Hier vereint sich das religiöse Fühlen der Gegenwart mit dem Sehnen der Vergangenheit, auch lins ist das Kaddisch eine Gottesheiligung in Worten, die uns begeistern will zu gottheiligenden Thaten und uns kräftigt, die Gewalt der Sünde zu überwältigen. Eine einleuchtende Bedeutung wird dem Satz im Machsor Vitry gegeben, wo er auf die mesfianische Heilszeit bezogen wird, da alle Menschen Gott in Seiner Heiligkeit und Größe anerkennen werden. Siehe Tos. Brachot 3 u I. V. pw, wo gegen diese Austastung polemisirt wird. Aber auch der Literaturkreis, aus dem der Machsor Vitry hervorgegangen ist, ist von der geheimnißvollen Kraft und der ganz besonderen Weise dieses Satzes erfüllt und durchdrungen. Das Sefer Chaffidim — ich citire aus dem Gedächtniß, da hierorts niemand das Buch besitzt — erzählt von einem Frommen, der einen dahingeschiedenen frommen Lehrer im Traum erblickt. Das Antlitz des Lehrers ist entstellt. Der Fromme: „Warum ist dein Antlitz entstellt?" Der Lehrer: „Weil ich bei der Recitation des Satzcs rras» tp nicht andächtig gewesen." — Aehnliches findet sich im Matte Mosche, wo statt des entstellten Angesichtes — wenn ich nicht irre — ein Fleck auf der Stirn erscheint. Aber nicht nur diesem Satz, dem ganzen Gebet wird eine geheime Macht von den Kabbalisten zugeschrieben. In der Einleitung des Ritualwerkes Lebusch zum Orach hachajim werden viele wunderbare Geschehniste, welche die überirdische Kraft dieses Gebetes bezeugen sollen, mitgetheilt und dann seine Bedeutung (t&jd) folgendermaßen definirt: Auf den Fittigen des Kaddisch werden die Gebete der Gemeinde vor den Thron Gottes getragen. In dem Buche Geserat Jtin wird besonders auf das Waisenkaddisch Rücksicht genommen und wohl deswegen seine Wirkung dahin bestimmt, daß es den Dahingeschiedenen, zu besten Seelenheil es gebetet wird, von den Strafen des Jenseits rette. Im Namen des berühmten R. Isaak Lurjah wird mitgetheit, daß es sogar die Seele der Dahingeschiedenen von Stufe zu Stufe bis zur höchsten Seligkeit des Paradieses zu leiten vermöge. Auch dieses Bild ist leicht verständlich. In der That werden die Seelen theurer Tobten, wenn von den Nachkommen Gottes Name geheiligt uno aus liebendem Herzen sein Lob verkündet wird, geistige Erhebung und Beglückung empfinden, die unsere irdische Sprache allerdings nur mit sinnlichen Bildern malen kann. So verstehen wir auch die Erlösungskraft dieses Gebetes, wenn es zum Seelenheil der Eltern verrichtet wird! Und in diesem Rahmen gewinnt auch die oft mißverstandene Stelle Lurjas im ibc S. H sinnvolles Verständiß, wenn er auch an Sabbaten und Festtagen auf Recitirung des Waisenkaddisch dringt, da ja nicht nur zur Befreiung von den Strafen des Gehinon, sondern auch zur Erhebung zur paradiesischen Seligkeit das Kaddisch dient. Nach einer bekannten Anschauung sind nämlich die Sünder am Sabbat und an den Festtagen von den Gehinnom-Leiden befreit; aber des Gebetes Kraft ist größer, ein gläubig-frommes Kaddisch-Gebet aus des Kindes Mund schafft den dahingeschiedenen Eltern die höchste Seligkeit und den herrlichsten HimmelSfrieden.