Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 90 (14.11.1898)
- Date
- 1898-11-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448940--47108-2497448- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1669 ein Amt zu bekleiden, muß man sich streng an das Gesetz Hallen. Ohne Zweifel hat die Schuldeputation, die das Vokationsrecht hat, die Befngniß, Personen von der Anstellung auszuschließen, die ihr ungeeignet erscheinen. Aber die Schuldeyutation, die kein Ernennungssondern nur ein Beftätigungsrecht hat, ist bei Ausübung dieses Bestätigungsrechts an das Gesetz gebunden. Ueber die Unzweckmäßigkeit der verkündeten Grundsätze wollen wir uns nicht weitläufig auslaffen. Eine jüdische Lehrerin ist befähigt, geographischen Unterricht zu ertheilen, wenn sie zugleich Religionsunterrichi erlheilt, sonst nicht. Eine jüdische Lehrerin darf Klassenlehrerin sein in einer Klasse, die neben zehn jüdischen vierzig christliche Schülerinnen umfaßt, aber nicht in einer Klasse, die neben neun jüdischen dreißig christliche Schülerinnen umfaßt. Ein ernsthafter Versuch, solche Anordnungen zu rechtfertigen, kann, so schreibt die Voss. Zeitung, kaum unternommen werden; es leuchte: aus ihnen nur der Wunsch hervor, dem Grundsätze von der Gleichberechtigung der Konfessionen nrögltchsten Abbruch zu thuu. Berlin, 11. Nov. Der Vorstand der Berlitter jüdischen Gemeinde hat soeben einen Verwaltungsbericht für die Zeit vom 1. April 1895 bis 51. März 1898 herausgegeben, der eine Reihe interessanter Mittheilungen enthält. Die Zahl der beitragspflichtigen Gemeindemitglieder ist von 16,235 auf 21,389 gestiegen. In den letzten drei Jahren sind 241 Gemeindemitglieder aus dem Judenthum, 34 aus dem Verbände der Synagogengemeindc ausgeschieden. Die Gemeindesteuer ist von 1]/:m auf 1 •_> Prozent der Staatseinkommensteuer ermäßigt worden. Die Gemeinde unterhält zur Zeit fünf Synagogen und fünf Religionsschulen mit insgesammt 1172 Schülern. Die Knabenschule der jüdischen Gemeinde zählte 1898 606, die Mädchenschule 4<»5 Zöglinge. Die Armenpflege hat durch Errichtung einer Centralstelle für die Wohlthätigkeitsanstalten der jüdischen Gemeinde einen gedeihlichen Aufschwung genommen. An Unterstützungen wurden 1897/98 an 3699 Parteien seitens der Armeneommission zusammen 102,904 Mark verausgabt, wozu noch 27,019 Mark an verschämte Arme und 9394 Mark an durchreisende Glaubensgenosien kommen. In den beiden Altersversorgungsanstalten der Gemeinde wurden 220 Hospitaliten, in den beiden Waisenhäusern 501 Zöglinge verpflegt. An der Spitze der Wohlthäter, welche den Gemeinde-Instituten größere Zuwendungen gemacht haben, steht die Kaiserin, welche sowohl dem Hospital, wie der jüdischen Erziehungsanstalt in Pankow erhebliche Summen widmete. Die Einnahmen der Gemeinde betrugen im letzten Jahre 5,202,776 Mark, wovon 1,015,354 Mark auf die Beiträge der Gemeindemitglieder entfielen, während sich die gesammteu Ausgaben auf 4,200,758 Mark beziffern, von denen 239,679 Mark für Gottesdienst, 143,562 Mark für die Unterhaltung der eigenen Schulen und den Religionstlnlerricht an den höheren staatlichen Lehranstalten ausgegeben wurden. Das Gemeindevermögen beläuft sich dem Bericht zufolge auf 1,002,018 Mark. Aus Ostpreußen, im Nov. „Die Noth des Judenthums in Ostpreußen und ein Vorschlag zur Abhilfe von Dr. Beermann in Insterburg" lautet die Ueberschrift eines Artikels in Nr. 87 des Israelit. Daß das Judenthum in Ostpreußen sich in einer Nothlage befindet, kann niemand bestreiten, daß aber diese Noth zu den schrecklichsten in Deutschland gehört, scheint doch etwas übertrieben zu sein. In derselben "Noth befinden sich die Provinzen Pommern, Brandenburg, Sachsen, Westfalen, Mecklenburg, das Königreich Sachsen mit seinem traurigen Schächtverbot, an welchem die Juden mehr schuld als die Antisemiten sind. In ganz Deutschland, mit ganz geringen Ausnahmen, hat die Innigkeit des alten jüdischen Lebens fast ganz aufgehört und da sind w ir die Schlechtesten?! Auch die geschichtliche Ursache, die Herr Dr. Beermann für den Rückgang des Judenthums in Ostpreußen angibt ist mindestens gesucht. David Friedländer, der Affe Mcndelsohns, war allerdings ein geborener Königsberger, aber sein Leben und berüchtigtes Wirken gehörte Berlin an. David Friedländer war gar kein Reformer, sondern der erste der sogenannten Aufklärer, aus denen später die ersten Reformer hervorgegangen sind, z. B. Israel Jakobsohn, geboren in Halberstadt, einer bis heute frommen Gemeinde. Kein einziger der Reformhelden hat in Ostpreußen das Licht der Welt erblickt, und in Ostpreußen gibt es, außer Königsberg, bis heute noch keine wesentlichen Reformen im Gottesdienst. Außer Königsberg befindet sich in keiner Synagoge eine Orgel oder eil: Harmonium, und es ist auch keiner Gemeinde, wiederum außer Königsberg, in den Sinn gekommen deutsche Lieder beim Gottesdienste zu singen, oder eines von den neuen Gebetbüchern, aus denen alle Hoffnungen Israels geschwunden sind, einzuführen. Seit 18 Jahren haben wir einen oftpreußischen Gemeindeverband, der in dieser Zeit Tausende zur Hebung des Religionsunterrichts ausgegeben Hat, wir haben eine Schulinspeetion, Einrichtungen, die von andern Provinzen nachgeahmt und vom D.-J. G.-B. empfohlen werden. Seit drei Jahren wird für Versorgung der Kultusbeamten gearbeitet, und wir werden bald am Ziele sein. Unsere Lehrerconserenzen sind von allen Rabbinen und Lehrern besucht, die Gemeinden erweisen uns Ehre, und in Westpreußen ist die erste Lehrerconferenz von sieben Lehrern beschickt gewesen. Die Behauptung, daß es in Ostpreußen kaum 50 ein-