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Der Israelit · 1898-11-14 · Heft 90 (14.11.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 90 (14.11.1898)
Date
1898-11-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1666 fühle, aber bei alldem kennen wir seinen ausgeprägten Charakter noch nicht. Die Erfahrungen bleiben häufig hinter den Erwartungen und die Thaten hinter den Gesinnungen zurück. Jakob lebt zurückgezogen, kommt mit der Welt wenig in Berühnung und ist vielleicht deshalb Idealist. Wir würden vielleicht, ja höchstwahrscheinlich zu seinem Idealismus und seinem im Leben bewährten und erprobten Gesinnungsadel das vollste Vertrauen haben, wenn das uns entrollte Gemälde in seinem Anfänge auch seinen Abschluß fände, wenn der Faden der Erzählung plötzlich zerrissen würde und die Vervollständigung derselben uns überlassen wäre. Lies ist aber nicht der Fall. Das Gemälde wird vollständig vor uns entrollt, der Faden der Erzählung spinnt sich weiter. Sehnsuchts- und erwartungsvoll blicken wir dem Kommenden entgegen, hoffen — der schöne Anfang berechtigt uns zu dieser Hoffnung — daß ein schönes Gemälde unser Auge entzücken, schöne, aus dem Füllhorn des Lebens erklingende Acrorde, die Saiten unseres Herzens berühren werden — aber welche Enttäuschung ereilt uns! Ein todtmüder Bruder kehrt todtuungrig von der Jagd zurück, hat kaum Kraft die erblickte Speise mit Namen zu nennen und selbst zum Munde zu führen, lispelt kaum hörbar die Worte: „Laß mich doch von diesem Notheu da schlingen, denn ich bin matt", und der Patriarch, der uns als ein allezeit giltiges Muster hingestellt wird, sieht die Mattigkeit und die Erschöpfung seines Bruders, nimmt auch die gierig verlangte Speise in die Hand — bevor er sie jedoch dem schmachtenden Bruder hinreicht, verlangt er von demselben als Aeguivalent — die Uebertragung des Rechtes der Erstgeburt!! Der Schein ist unleugbar gegen den Patrarchen und da dieser als das Prototyp des jüdischen Volkes betrachtet wird, folgerte man sofort von dieser allenfalls im ersten Momente beiremdenden Handlungsweise Jakob's aus das „jüdische Raffinement" in Handelssachen und bezeichnete das in Wahrheit nur ui der Phantasie und der eigenen Handlungsweise der Ankläger und Hetzapostel zum Vorschein kommende „Raffinement" als ureigene Charaktereigenthümlichkeit des jüdischen Volkes! Die Wahrheit liegt nicht aus der Oberfläche, sie muß aus der Tiefe geschöpft werden. Der Schatten trübt nur solange die Lichtgestalt des Patriarchen, als unsere Betrachtung an der Oberfläche der Ereignisse hasten bleibt. Versuchen mir jedoch in das tiefe Innere derselben zu dringen, das sich uns dort Darbretende wird uns sofort überzeugen, daß cs im ungestörten Einklänge stehe mit den übrigen uns bekannten Lichtpunkten im Leben Jakobs, ja daß der scheinbare Schatten nicht blos die Lichtseiten des Gemäldes erhöhe, sondern selbst zum Lichtpunkte werdend, das Ganze in ein Strahlenmeer verwandelt. Israel betrachtet sich als ein ausgewähltes Volk, als Gottesvolk. Und dies mit gutem Rechte. Es ist nicht blos der Offenbarung gewürdigt worden, sondern hat auch die ihm offenbarte einheitliche Gottesidee Jahrtausende hindurch vor jeder Trübung bewahrt; Israel ist nach dem Worte der heiligen Schrift, Priester der Menschheit. Dasselbe Verhältniß, welches zwischen dem Priester und der Gemeinde besteht, waltet zwischen dem Israel und der Weltgemeinde. Der Priester nimmt eine achtunggebietende Stellung in der Gemeinde ein, er ist der Auserwählte derselben. Wie aber dieses Auserwähltsein eine Fülle von Pflichten zur Folge hat, ebenso bei Israel. Das; aber Israel die unleugbar häufig drückenden Pflichten als Vorzug vor den andern Völkern betrachtet, zeugt glänzend für seinen idealen Sinn, für seine tiefe Erfassung des Menschenberufes, in der Erfüllung der Pflichten seine größte Glück eligkeit zu suchen und zu finden, sie als wonnenvolle Lebensäußerungen fest zu umklammern. Die Pflichterfüllung sollte der Brennpunkt im Leben Israels sein. In der Wüste erhält es das Gotteswort, um inmitten des Mangels aller Duellen der irdischen Freuden, an der Erfüllung der Gottespflicht seine einzige Freude zu finden. Wohl wird ihm auch irdisches Glück verheißen, jedoch nur als Mittel zur ungehinderten und kräftigen Entfaltung des Pflichtlebens. Kaum hatte es im Lande seiner Väter der Pflichten vergessen und die ihm zur leichtern Erfüllung derselben verliehenen irdischen Güter als des Lebens Höchstes betrachtet, da mußte es ins Erst wandern, um da aller Schätze beraubt, an denen sein Herz hing, zum Bewußtsein zu kommen, daß das ein zige Lebenselement Israels die Erfüllung der Gottespflicht sei: mre p'ena arnic* cva '2 An demselben Tage, an welchem der Tempel zerstört wurde, ist Moschiach geboren. Die welterlösende Idee der freudigen Pflichterfüllung bei Hintansetzung alles irdischen Glückes begann mit der Zerstörung des Tempels und der Zerstreuung Jsrael's sich zu realisiren. Israel bot das erhebende Beispiel, vou allem entblößt, im Bewußtsein der Pflichterfüllung glückselig sein zu können: xe»; xr xa -;tre xtri: ran -ff- -,i?n -r*ö'\x „Klagend und weinend zog es in die Fremde, entblößt von Allem trug es nur die Last der Aussaat, die heilige Bürde des Gotteswortes mit sich, welches es in die Gemüther der Menschen zu streuen, den Beruf hatte: überzeugt jedoch von den heilsamen Folgen, welche diese Wanderung durch die Welt für Israel selbst und für die Welt gehabt, kehrt es einst freudenvoll in sein Heimathland zurück." Während aber Israel zur freudigen Pflichterfüllung erst erzogen werden sollte, findet sich diese im Leben der Patriarchen vollständig ausgeprägt, deren ganzes Leben ist nichts anderes, als eine lange Kette von Pflichterfüllungen. Abrahanl besteht glänzend

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