Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 90 (14.11.1898)
- Date
- 1898-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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%JL%XJL. Jahrgang. M 90. Der Israelit. Ein Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. ITeljmatt« in IKoini Montag, den 14. November 5659 (1898). Leitender Artikel. Die Pflicht das Erste. (Zu Paraschath Toledoth.) Von Rabbiner Dr. Jung—Ung. Brod. Die Patriarchen sind die Beispiele, zu denen wir emporblicken. Ihre lichtumfloffenen Gestalten erhellen die Psade unseres Lebens; sie lehren uns inmitten der Irrwege unseres Daseins das uns gesteckte göttliche Ziel nicht aus den Augen zu lassen. Die Patriarchen sind Jdealgesialten, ihre Mängel thun ihrer Idealität keinen Abbruch, sie erscheinen vielmehr in Folge ihrer rein menschlichen Natur, in desto größerem und erhöhtem Glanze. Eine Oase in einer wüsten und öden Gegend entzückt uns mehr als das schönste Blumenbeet in einer fruchtreichen und üppigen Umgebung. Der Schatten in einem Gemälde, die Dissonanz in der Musik vermindern nicht die Schönheit, tragen vielmehr durch ihren Contrast zur Erhöhung derselben bei. Die wenigen Fehler der Patriarchen rücken uns dieselben näher, der Sonnenglanz ihrer Tugenden wird uns durch die wenigen Flecken, die ihn scheinbar trüben, zur erreichbaren Höhe, sie lehren uns, daß die Muster, welche uns das Gotteswort zur Nachahmung hingestellt, wohl ideale Menschen waren, deren Denkkraft und Geisteslicht die dichten Nebel des Un- und Aberglaubens verscheucht, deren Willenskraft durch die harten Proben gestählt und deren Familienleben zum hochherzigsten Adel getragen wurde, die aber auch Menschen waren, in dem Sinne, welcher den Jrrthum als etwas von unserer Natur Untrennbares bezeichnet. Die magische Kraft, mit welcher der Lebensgang unserer Urahnen heute wie vor Jahrtausenden uns anzieht, wurzelt zum Theil in ihren Fehlern. Die Dissonanz in der Musik hat jedoch eine bestimmte Grenzlinie, die überschritten, zum grellen Mißton wird, ein Mißton, der die schönsten Accorde uns zu vergällen im Stande ist; der Schatten im Bilde nicht weniger, nur eine einzige Nuance stärker aufgetragen, und der Effekt des Ganzen geht in die Brüche. Ein kleiner wenig bemerkbarer Fehler bei einer Strahlenfülle von Tugenden erhöht diese, ein großer wohldurchdachter und planmäßig zur Verwirklichung gebrachter Fehler hingegen hat die Grenzlinie der Dissonanz überschritten, derartige Fehler nehmen große Dimensionen an. Der Schatten droht dann die Lichtfülle der Tugenden zu verdunkeln, wenn überhaupt bei einer intensiven Verdüsterung auf der einen Seite noch vom Strahlenglanze der anderen gesprochen werden kann. Und dennoch scheint dies im Lebensgemälde, welches uns die heilige Schrift von Jakob entwirft, der Fall zu sein. Die Dissonanz im Lebensaccorde Jakobs ist schon deßhalb störend, weil es der erste Ton ist, der unser Ohr berührt. Der Schatten dieses Gemäldes droht deßhalb den Lichteffekt, welcher durch die Schilderung des Lebens des Patriarchen erreicht werden soll, zu schwächen, weil wir die Lichtseiten noch nicht kennen und die zuerst gesehenen Schattenseiten, da der erste Eindruck der nachhaltigste, unser Herz mit Voreingenommenheit gegen den Patriarchen erfüllen könnten. Zum ersten Male wird uns der Patriarch Jakob in dem diesmöchentlichen Abschnitte der Thora vorgeführt; wir kennen ihn noch nicht. Das Zeugniß, welches die heilige Schrift ihm ausstellt apr,, bezeugt nur, daß er ein Mann des Geistes war und neben dem Hirtenberufe auch ernsten Betrachtungen über Gott und Menschenbestimmung sich gewidmet, wir glauben, daß er edler Gesinnung war, und daß deffen Herz keinen Raum hatte für unedle Ge-