Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1898)
- Date
- 1898-11-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1654 Nach dem Ausspruch der Mischna in Aboth wird auf jeden Verführer angewendet: Jerobeam hat selbst gesündigt und auch Viele zur Sünde verleitet. Das ^ritheton nrtn nimmt vorzüglich Esau für sich in Anspruch; als ynrr irw ist er für alle Bosheit und Niedertracht typisch geworden. Amalek, Haman und Titus bedürfen dieses Beinamens nicht; sie drücken schon mit ihrem Namen allein die personificirte Feindschaft der Fremden gegen unsere Stammesgenossenschaft bezeichnend genug aus. Aber Hamans 10 Mille (v'vbn me?) bilden den Inhalt vieler Wünsche. Wenn auch jeder seiner Söhne vorne oder hinten im Namen ein tfr* fcat, geht doch der fmbn hierbei ganz leer aus. Er ist sv bn, so ungefähr, wie man zu sagen pflegt, der Herr von Habenichts.**) Aus fremöen Kreisen entlehnt der jüdische Volksmund nicht selten Namen für sprichwörtliche Verwendungen. Ich führe nur an: Er hat einen Kopf wie Aristotles, womit der scharfsinnige nnd spekulative Denker bezeichnet wird. „Ein Ende wie Cortez nehmen", setzt die Bekanntschaft mit dem Schicksal voraus, welches den Mitentdecker von Amerika einst getroffen hat. — Um diesen Artikel noch mit etwas Gutem zu schließen (über diesen Gebrauch in einem anderen Artikel Näheres) weise ich auf die Redensart ra-n abn r>2i pK hin, mit der jede fortdauernde Quelle für den Wohlstand ausgedrückt wird. So rühmt man dagegen einen Ort von Wohlthun und Frömmigkeit als „rein oder man nennt ihn geradezu „Klein-Jerusalem". Meine heutige Plauderei schließe ich als alter Zionist, aber nicht im modernen Sinne mit dem ernsten Wunsche: fftowa nxan rutrb. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhause sind nunmehr vollzogen. Sie ergaben eine nicht sehr bedeutende Verschiebung nach links zu Ungunften der Konservativen. Das ist immerhin schon ein Gewinn. Im Einzelnen ist wenig zu bemerken. In der Reichshauplstadt wurde der Ansturm der vereinigten Konservativen und Antisemiten mit leichter Mühe znrückgeschlagen. Im Lande hatten die Letztgenannten sich nur auf wenige Kreise beschrankt, wohl in der richtigen Erkenntniß, daß zu einer offenen Stimmabgabe die Kourage ihrer Anhänger nicht ausreicht. Herr Werner ist in einem hessischen Wahlkreise mit Hilfe des Bundes gewählt worden. Herrn Liebermann von Sonnenberg ist es **) Wenn die entlehnte Bezeichnung VS'Pl nidjt aus ira« tn corrumpirt entstanden tfr. [ nicht so gut gegangen, Ahlwardt h at es gar nicht ver! sucht. Herr Stöcker wird dem Landtage nicht mehr angehören. Dagegen wird nach geraumer Zeit das preußische Abgeordnetenhaus wieder einige Juden als Mitglieder zählen. Herr Dr. Friedemann vermochte mit seiner Kandidatur nicht durchzudringen, das alberne Gerede von der konfessionellen Kandidatur dürfte daran die Schuld haben. An seiner Stelle ist Herr Dr. Max Hirsch bekannt, als Politiker und Selbstwirlhfchaftler eine Berühmtheit, als Jude bis heute ein unbeschriebenes Blatt. Auch der in Posen aufgestellte Justizrath Dr. Lewinsky vermochte nicht die genügende Stimmenzahl aus sich zu vereinigen. Bei Lichte besehen ist für uns Juden diese Thatsache leicht zu verschmerzen. Herr Dr. Lewinsky gehört nämlich zu denjenigen Juden, die alles Heil in der bis zum Aeußersten getriebenen Assimilation durch Mischehe, Verlegung des Sabbats auf den Sonntag u. f. w. erblicken. Besser als eine solche Vertretung ist schließlich gar keine. Dagegen ist wider alles Erwarten ein anderer Jude, Herr Landgerichtsrath Peltasohn- Bromberg, in einem anderen Wahlkreise der Provinz Posen durchgekommen. Ob auch wir Juden Ursache haben, mit diesem Herrn zufrieden zu sein, muß die Zukunft lehren. (B. VrnSbote.) W. Königsberg, 6. Nov. In der letzten Zeit hat die Handhabung der AusweisungSbefugniß und die Aufenthaltserlaubniß russischer Unterthanen jüdischen Glaubens wieder sehe harte Formen angenommen. Die s. Z zuerst in der „Franks. Ztg." erfolgte Hinweisung auf den Zusammenhang der von der Regierung verlangten Auskunft über den Umfang der Börsengeschäfte der einzelnen Kommissionäre mit der Ausweisungpolitik war also nicht ganz grundlos. Dabei wird jetzt eine ganz eigenartige Praxis geübt, von der man kaum annehmen sollte, daß sie in Berlin gutgeheißen wird. Es mag den ersten Blick komisch und vielleicht unglaublich erscheinen, und doch ist es Thatsache: eine Anzahl von Personen hat die Aufenthaltserlaubniß nur unter der Bedingung erhalten, daß sie — sich nicht verheirathen, jetzt nicht und auch in Zukunft nicht, sofern sie hier „Gastfreundschaft" genießen. Diese Zusage mußte in schriftlicher Form abgegeben werden. Den hier jung verheirathet Zugezogenen und denjenigen, die jetzt geheirathet haben, wird ausgegeben, daß sie ihre Frauen über die Grenze spediren, der junge Ehemann hat zwar Erlaubniß, hier zu bleiben, die junge Ehefrau aber soll unter dem Szepter Väterchens weilen. Ein seit frühester Kindheit hier weilender vollständig deutsch erzogener, des Russischen überhaupt nicht mächtiger, angesehener und wohlhabender russischer Unterthan jüdischen Glaubens, der an der Spitze einer Anzahl prosperirender industrieller Etablissements steht, ist dem Ausweisungsbefehl gleichfalls verfallen; er ist