Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1898)
- Date
- 1898-11-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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164t legenheit möchten wir gerne aus einenUebelstand Hinweisen, besser gesagt auf die schlechte Auslegungsmethode der Jtentionen des Stifters der 12 Millionen-Stiftung zur Gründung der Volksschulen in Galizien, des Baron Hirsch. Gesündigt wird dort dadurch, daß man Kindern, denen die Eltern treue Anhänglichkeit an den Glauben, als besten Begleiter in des Lebens Stürmen bezeichneten, diese als eitlen Tand dahinftellt. Wie sollen diese Kinver zu anständigen Menschen erzogen werden, wenn man ihnen das Ideal, das ihnen ihre Eltern ausgemalt, raubt? Sie werden dadurch nur ganz auf den Trieb nach Materiellem geleitet. Auch in Wien ist ein Uebelstand zu rügen. In der Großstadt und jüd. Großgemeinde Wien gibt es eine einzige mit Oeffentlichkeitsrecht versehene, von dem CultuSvorstande subventionirte Privatschule, „Talinud- Thorc-Schule" benannt, welche bisher den Anforderungen jener Eltern schulpflichtiger Kinder, die ihren Kindern nebst den profanen Gegenständen genügenden Unterricht in Religion geben lassen wollen, entsprach. Nun aber will der Cultusvorstand ein strengeres Aufsichtsrecht eingeräumt haben und lieber die Anstalt verfallen lasten, als aus dieses Recht verzichten; heute, wo wir vor einer neuen Aera Oesterreichs stehen, wo konfessionelle Schulen begünstigt, wie Pilze emporschießen werden, wäre es eine erlösende That, wenn wenigstens eine Schule dem traditionellen Judenthum überlasten würde. In Ungarn, wo die orthodoxen Juden freien Spielraum haben, überlasten dieselben leider freiwillig die Erziehung ihrer Jugend andersgesinnten Lehrern, indem sie die Gründung von eigenen Lehrerseminarien Unterlasten. Wir zweifeln nicht, daß die ungarischen Rabbinen, sowie die aus Siebenbürgen und angrenzenden Comitaten, die einen Lin erließen gegen all Diejenigen, die sich auch mit profanen Studien befassen, nur aus uneigennütziger Liebe zur Thora und aus Unkenntniß der heutigen Verhältnisse dies thaten. Jedoch die einsichtsvolleren Elemente mögen sich zu einer befreienden That aufraffen, zur Belebung der rvL'w', indem man diese reorganisirt und an profanen Lehranstalten fromme junge Leute zu Lehrern und Volkserziehern ausbildet. Wir sind scheinbar von unserem Thema, der Berathung des Baseler Congrestes abgekommen. Aber, meine Herren der Baseler Fahne, wenn es Ihnen um Ihre Sache ernst ist, sorgen Sie für die Stärkung des orthodoxen Elements; denn der schärfste Gegner aus dem traditionellen Lager ist Ihnen mehr zugeneigt, als der beste Freund aus dem Heere der Assimilation. Sind so manche Worte gefallen, die uns in unserer Ueberzeugung tief verletzten, so sind die Worte des Herrn Aron Marcus Krakau, die uns vielleicht ein wenig wieder versöhnen können: „Die Colonisation ist für uns Oeftter das Alpha und Omega aller Bestrebungen des religiösen Zionismus. Derselbe hat zwei verschiedene Zwecke im Auge, die sich in dem Schriftverse vereint finden: wp irmx imi. Er Mrd versöhnen sein Land und sein Volk. Zuerst das Land und dann das Volk. Auch für diejenigen Juden, die allen Unbilden des Kampfes im Exil trotzen, ist die Wiederbelebung des Heimathlandes das?verdienstliche Werk. In zweiter Linie folgt erst die Schaffung eines Asyls für die Heimathlosen. Das zweite Kind ist uns ebenso ans Herz gewachsen, wie das erste." Sein Appell für die argentinischen Colonisten möge nicht ungehört verhallen. Und so wollen wir unsere heutige Betrachtung mit den Worten des Herrn Dr. Gaster's, daß die scheinbare Dissonanz vielleicht doch in einer Harmonie ende, schließen. Ahronsohn. Anmerkung der Redaktion. Unsere Hoffnung geht dahin, daß der zionistische Hurrahpatriotismus nüchternen Erwägungen Platz mache. Soll die zionistische Bewegung einen Zweck haben, so darf über lächerlichen nationalen Ambitionen nicht die Hilfe für die russisch-galizischen Glaubensgenossen und die Colonisirung Paläftina's vergessen werden. Der Judenstaat und die rechtlich gesicherte Heimstätte der Zionisten sind nicht nur Utopien, sondern, wie die Rede unseres Kaisers an die Kolonisten in Palästina wieder zeigt, Ziele, welche geeignet sind das Mißtrauen der Mächtigen der Erde gegen uns wach zu rufen und die Vaterlandsliebe der Juden im falschen Lichte erscheinen zu lasten. Abgesehen auch von seiner religionsgefährlichen Tendenz haben wir den Zionismus in seiner gegenwärtigen Form nie gewollt, und werden wir ihn nie wollen. Nur wenn der Zionismus sich auf vernünftige Ziele beschränkt, wird für uns sich die Dissonanz in eine Harmonie verwandeln können. Red. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, 7. Nov. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund theilt mit: Die Bestrebungen des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes, an den Rabbinerbildungsanstalten Vorlesungskurse für akademisch gebildete Lehrer der jüdischen Religion einzuführen, haben den Erfolg gehabt, daß an der Berliner „Lehranstalt für die Wissenschaft des I u d en t h u m s" am 3. d. Mts. die Vorlesungskurse für das Wintersemester 1838/99 mit sechs Hörern eröffnet werden konnten. Es lesen: Herr Dr. Baneth: 1) Pentateuch, Montags und Mittwochs 4—5 Uhr Nachmittags, 2) Hebr. Grammatik Dienstags 4—5 Uhr Nachmittags, Herr Dr. Maybaum: Bibelkunde, Donnerstags 4—5 Uhr Nachmittags, Herr Dr. Schreiner, Geschichte der Juden, Montags und Donnerstags 5—6 Uhr Nachmittags.