Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1898)
- Date
- 1898-11-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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»MWWW 1646 galiz. Juden, die um ihre Habe gekommen, protestirt. Volle Zustimmung geben wir Herrn Dr. Herzt, wenn er vom hl. Lande sagt: „Kein Platz der Erde ist so begehrt als dieser, der nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft hat." Sagt er aber von der europäischen Cultur: „Wir brauchen keine höhere Cultur, nur benützt soll die Cultur werden", so können wir nicht zurückhalten unser Bedenken laut werden zu lasten, daß eben auch in dieser neuerstandenen jüdischen Bewegung der jüd. Cultur der Thora und Propheten, der ihr würdige Platz nicht eingeräumt werden wird. Und aus dem Passus: „Aber in dem alten Lande wünschen wir eine neue Blüthe des jüd. Geistes", spricht deutlich der Verfasser des Judenstaates, der den Theokratismus fürchtet. Nicht die alte Thora und Propheten-Cultur, nein, die neue europäische soll nach dem hl. Lande verpflanzt werden. Herr Dr. N o r d a u hat in seiner Rede ein wahrheitgetreues Bild der politischen Lage der Juden in der Diaspora gegeben. Aus dieser Rede ist ein Pastus, den wir voll und ganz unterschreiben, zu erwähnen. Er lautet: „Wir aber geben das Judenthum noch lange nicht verloren." Jedoch ist hier manches zu bemängeln. Nordau sagt nämlich: „Die Schaar der Esra und Äehemia waren damals eine winzige Minderheit. Wir alle aber sind Nachkommen dieser Minderheit." Jene Männer aber wollten nicht nur die Zerstreuten im Exil nach Palästina führen, sondern auch ihrem Gotte sie zuführen. Sie haben ihrer „winzigen Minorität" strenge eingeschärst, sich von Frauen aus nichtjüdischem Stamme abzusondern. Es mögen ja in Babylon einige Heineleser und Schaletverehrer zurückgeblieben sein, die Zurückkehrenden ließen Babylon's Cultur im Stiche und gingen zur Cultur Israels, die durch den Propheten Moses uns überlieferte Lehre über, damit ist der Ausspruch des Herrn Dr. Nordau: „Wir sind keine Partei, wir sind das Judenthum selbst" zu nichte. Aus diesem Grunde war der Zuruf des Herrn Dr. Ga st er „Eine Flugschrift für seine Kollegen (Rabbiner) sei nicht nöthig, es gebe was Besteres, die Bibel," nicht zutreffend, denn die Bibel giebt uns eine ganz andere Definition vom Judenthume und der Rückkehr zum hl. Lande, als man es von Jung-Jsrael hört. Während die Herren Dr. Herzl und Dr. Nordau insofern mäßig sprachen, als sie nicht: gegen das rechtgläubige Judenthum Verstoßendes vorbrachten, hat Professor Mandelstamm, der Israel nur als Nation und der als Arzt nur den Körper heilen will, sich als ein Unicum entpuppt. Auf dem jüngsten Nationalparlamente, wie ein Weltblatt, das von Juden geleitet und im Dienste der Assimilation steht, diese Versammlung spöttisch nannte, konnte man folgende Worte hören: „Die Hoffnung, daß mit der sozialen Frage auch die jüdische gelöst werde, hat ebensoviel Aussicht aus Erfolg, als die Erscheinung des Messias, den wir seit 2000 Jahren erwarten. Die christliche Ethik, die im Stande wäre, radikale Abhilfe zu schaffen, hinkt unserer dahineilenden Eultur nach, wie eine Schnecke einem Schnellläufer." Wie Eingangs erwähnt, wir wollen keine Proselytenmacherei, keine Orthodoxenmacherei, wünschen aber, daß in einer Versammlung, wo sich Juden verschiedener Religionsauffastung zusammenfinden, all dasjenige, was gegen einen Theil provocirend wirkt, gemieden werde. Eine umschriebene Verleugung des Messias, christliche Ethik als radikale Abhilfe zu bezeichnen in einer Versammlung, auf welcher rechtgläubige Delegirte zugegen waren, heißt ein Überschreiten der neutralen Zone. Darum erregt es bei uns Befremden, daß die orthodoxen Zionisten Deutschlands, welche gewiß den Worten des Prof. Mandelstamm gefolgt sind, kein WortderEntgegnung hatten, obzwar diese Worte das Judenthum so manchen um dasselbe verdienten Mannes bezweifeln. Ferner spricht Herr Pros. Mandelstamm von dem jüd. Volke als ein unter den lebensfreudigen Ariern herumirrendes Gespenst, das in seinen heiligen Büchern einen spärlichen Ersatz für das verlorene Heil sucht. Nein, Herr Professor. So lange Israel gewesen und so lange Israel in der Diaspora sein wird, hat es vollen Ersatz in der Erforschung der heiligen Lehre gefunden und wird ihn immer finden. Ein, wie es scheint, greifbarer Erfolg auf dem Baseler Congreß ist die Gründung einer jüd. Nationalbank. Herr Prof. Mandelstamm begründet das Unternehmen mit folgenden treffenden Worten: „Wir wollen durch Gründung einer jüdischen Nationalbank die Kolonisation in Palästina in größerem Stile betreiben, als bis jetzt und uns damit nicht begnügen, aus den Juden einige Tausend Bauern zu machen. Mit dem ewigen „nur langsam voran", kommen wir nicht vorwärts. Sechzehn Jahre haben wir mit dem Weinbau experimentirt und den Erfolg gesehen; sollen wir aber so lange warten, bis Weizen oder Roggen oder das Zuckerrohr gedeiht? So kommen wir nicht aus dem Experimentiren heraus. Wir zweifeln gar nicht an dem Wort der Bibel, daß Palästina ein Land ist, wo Milch und Honig fließt. Fleiß und Arbeit wird die Sandwüsten in blühende Gärten verwandeln! Zur Hebung des jüd. Nationalgeistes empfiehlt Prof. Mandelstamm den intensiven Unterricht in hebräischer Sprache und Geschichte. Die Schulkommission hätte die Beschaffung nützlicherJugendfchriften zu besorgen, dies muffe nach verschiedenen Ländern und Gesetzen verschieden ausgestaltet werden. Was den Verhältnissen des einen Landes entspricht, das paßt in einem anderen vielleicht nicht. Da« kann ihm manchmal besonderen Schaden zufügen. Bei dieser Ge-