Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 88 (7.11.1898)
- Date
- 1898-11-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1630 Verrathes am Vaterlandc, um so mehr in der Uebcrzeugung bestärkt, daß mit dem Schwinden des religiösen Sinnes auch Laster in das Herz eines Abkömmlings des Jakobhauses Eingang finden können, die man in jüdischen Kreisen für unmöglich gehalten hatte. Die wirkliche, ungefälschte Geschichte weiß schwerlich ein Beispiel dafür aufzuweisen, daß ein Jude sein Vaterland, seine Vaterstadt verrathen Hütte, selbst zu den Zeiten, wo der Jude ein Geburtsaber kein Vaterland hatte, und wo man Alles aufbot, ihm statt Liebe, Haß gegen seine Heimath in's Herz zu pflanzen. Es gelang nicht; der Jude blieb, so wie unwandelbar ergeben seinem himmlischen Vater, der ihm unersorschliche Prüfungen auferlegte, so unwandelbar treu seinem irdischen Vaterland, das ihn allein von allen Landeskindern von sich stieß, ihm allein unverdiente Zurücksetzung und Schmach auferlegte. Und hier hatte ein Jude, befielt Stellung den ganzen Abstand bewies zwischen einst und jetzt, diese Stellung mißbraucht zum Schaden seines Vaterlandes, das allen andern Nationen vorangegangen war in der Anerkennung seiner Pflichten auch gegen seine jüd. Kinder! Es konnte nicht sein, daß Dreyfuß ein Verräther sei — und doch mußte cs wahr sein, denn das Gericht hatte ihn doch in aller Form für schuldig befunden und erklärt. Der Jude, der geschichtskundige Jude, der fromme Jude stand hier vor einem vollständigen Näthsel, das er sich nur dadurch halbwegs erklären konnte, daß Dreyfuß vom Judenthum nichts zurückbehalten haben soll als den Namen und die Abstammung, daß er noblen Passionen gehuldigt habe u. dgl. Ganz einfach und klar lag die Sache nur für die Antisemiten: „Dreyfuß ist als Verräther entlarvt. War denn von einem jüdischen Offizier überhaupt anderes zu erwarten? Jüdische Offiziere sind allesammt Verräther, nur sind sie zu schlau, als daß man sie erwischen könnte, oder sie sind nicht im Besitze von Geheirnniffen, die sie verschachern könnten. Jude bleibt Jude. Als Offizier verkauft er sein Vaterland, als Richter verschachert er das Recht, als Anwalt zieht er seine Elienten aus, als Arzt spielt er mit dem Leben seiner Patienten. Für Geld ist dem Juden Alles seil. Der Jude kennt keine Moral und keine Ehre. Nicht als Mensch ist Dreyfuß der Versuchung erlegen, sondern durch seine Juden- und Talmud-Moral. Wohl den Staaten, die keine Juden in ihren Offiziercorps haben, wehe, wenn die Eohn's und die Levy's brave christliche Soldaten befehligen sollen." So argumentirten nicht nur. die Antisemiten jenseits der Vogesen, sondern itt -rührender Einmüthigkeit hallte es so in den Antisemitenblättern und den Antisemitenversammlungen aller Orten wieder, und, um aus den Folgerungen den richtigen Nutzen zu ziehen, war man rasch mit Anträgen und Gesetzesvorschlägen bei der Hand, die Juden aus allen Stellen im Heere und der Staatsverwaltung auszuschließen. Die edlen Ritter der heiligen Antisemitenliga konnten natürlich nicht erwarten, daß ihr frommer Eiter alle Welt im Sturme mit sich fortreißen und ihre ungetrübte Einsicht sofort von allen Seiten gctheilt werden würden. Der Sieg war ihnen gewiß, und ihr Eifer sorgte, daß der Verbannte auf der TeufelZinsel nicht in Vergessenheit gerieth, und als Beweis für die Unverbeflerlichkeit der Juden schon allgemein anerkannt würde. Nur schade, daß inzwischen auch andere Leute sich mit der Angelegenheit des jüdischen Verräthers beschäftigten, und je mehr sie nachforschten, nichts von jüdischer Schlechtigkeit und nichts von Verrath entdecken konnten, wohl aber eine ganze Reihe von Gesetzeswidrigkeiten, von Jntriguen, von niederträchtigen antisemitischen Anschlägen, um einen unschuldigen Mann zu verderben. Und als diese Männer, Männer, zu welchen die ganze Welt in Ehrfurcht emporblickte, als die Scheurer-Kestner, Emil Zola, Ctemenceau, Labori, Gujot u. A. ihre bis an's Ende des Erdballs reichende Stimme zu Gunsten der Gerechtigkeit erhoben und es immer klarer wurde, daß Dreyfuß das Opfer einer Nechtsverdrehung geworden, da — gestanden wohl die edlen Antisemiten, daß sie sich auch geirrt haben konnten und daß man die Sache eben nochmals gründlich untersuchen müsse, — nein, sie folgerten, daß alle Juden, mindestens die in Frankreich, Geld gegeben hätten, diese Männer zu bestechen, daß das „Dreyfußsyndieat" die Ehre der Armee untergrabe, die Sicherheit des Landes gefährde, und so bcu besten Beweis liefere, daß alle Juden es mit dem Verräther Dreyfuß halten und deßhalb auch das gleiche Loos verdienten. Und verblendete Volkshaufen, vielleicht nur der antisemitische Pöbel, vielleicht gedungene Söldlinge, vielleicht aber auch an sich ehrliche, aber leicht erregbare und leicht verführbare Dummköpfe fielen in verschiedenen Städten über die Juden her, und Frankreich, die berühmte Republik, hatte am Ausgange des ] 9. Jahrhunderts eine regelrechte Judenhetze, wie sie ein Barbarenstaat nicht schöner aufweisen könnte. Doch die Ereignisse schritten weiter, Enthüllungen folgten auf Enthüllungen, die Fälscher verriethen sich selber, die Henri, Esterhazy Patu du Clam mußten nothgedrnngen ihre eigene Schmach aufdecken, das moralische Gefühl der ganzen gesitteten Welt verlangte nach Wahrheit und Klarheit, die Revision ließ sich nicht länger Hintertreiben und der Kassationshof beschließt die Wiederaufnahme des Verfahrens.