Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 88 (7.11.1898)
- Date
- 1898-11-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIX. Jahrgang. M 88. Dtr Israelit. Ein Genlrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum Begründet von Dr ITe^mamt in Haiti} äR o tt t a g , den 7. Novernder 5059 (1898). Leitender Artikel. Der „Derräther" Dreyfus; man man atts Der Affaire gefolgert hat int war man ans Ihr folgen fällte. Ob sich das Drama, die Justiztragödie, welche aus mehr als fünf Acten besteht, nun wirklich ihrem Ende nähert, wer kann es mit Bestimmtheit sagen? Ob der Held siegen oder unterliegen wird, wer möchte das, bei den krampfhaften Anstrengungen der Antisemiten, selbst jetzt noch trotz des Beschlusses des Kassationshofes Voraussagen wollen? Nachgerade ist man ja von keiner Neberraschung mehr überrascht, und das Nnmöglichste kann zur Wirklichkeit werden. Wer weiß, der Telegraph kann morgen schon berichten, daß eine Revolution der Republick den Garaus gemacht und in Paris die Kommune wieder zur Herrschaft gelangt, oder das Kaiserreich oder Königthum in Frankreich wieder hergeftellt sei. Und dieses ganze Unglück, all diese schon Jahre andauernde und immer mehr wachsende Unruhe der Gemütber, Schädigung des Handels und des Wohlstandes, Verunglimpfung der Nationalehre und des Ansehens zahlreicher hochgestellter Männer, kurz dieses ganze Heer von Leiden haben die Antisemiten — nein, bewahre, haben die Juden über das schöne Land gebracht!! Bedarf es noch eines weiteren Beweises, daß die Juden für ein Land die Quelle allen Fluches und aller Schande sind? Ja, ja, so hat doch auch jener mittelalterliche Richter geurtheilt, als der arme Jude mit seinem Packen, nach dessen Kopf ein Straßenjunge einen schweren Stein warf, sich bückte, so daß der Stein in ein Fenster flog und alle Scheiben zertrümmerte, daß nicht der böse Junge, sondern der Jude den Schaden zu ersetzen habe. Einem Juden ein Stein an den Kopf werfen, ist kein Unrecht. Aber ein Unrecht ist's, wenn der Jude nicht stillhält und sich lieber den Kopf zerschmettern läßt, als daß einem ehrlichen Bürger das Fenster entzwei geschlagen werde. Du lachst, lieber Leser? Mir ist es wahrlich nicht zum Lachen, mir ist es zum Weinen, mir blutet das Herz über die grenzenlose Niederträchtigkeit der Einen, über die grenzenlose- Borrrrrtheit ärer.Ander«,. über die Folgerungen, welche die Antisemiten aus deni Fall Drevfuß zu ziehen wagten und über die Folgerungen, welche die Welt über die Antisemiten aus dieser Affaire zu ziehen sich nicht anschickt! Daß der „Verrath" des „Juden" Dreysuß eine antisemitische Mache war, das stand den Tieferblickenden von vornherein fest. Was hätte diesen vermögenden Mann auch veranlassen sollen, um Geld sein Vaterland zu verkaufen und ein doch immerhin gefährliches Wagniß zu bestehen, das entdeckt werden konnte und ihn dann Ehre und Leben kosten mußte? Doch ganz unmöglich war das Verbrechen nicht, wenn auch im höchsten Grade unwahrscheinlich, und Drestfuß wäre nicht der erste und wohl auch nicht der letzte gewesen, der dieses elendeste Verbrechen begangen hatte. Der Vernünftige, ob Christ oder Jude, konnte daraus nichts weiter schließen, als daß die Sünde eine gar große Macht über das Menschenherz habe, ihn zu verblenden und zu verwirren und den Leichtsinnigen in's tiefste Elend zu stürzen vermag. Der fromme Jude, welcher an die Schuld des Kapitäns glaubte, ward durch dieses in der ganzen jüdischen Geschichte n i e vorgekommene, der jüdischen Religion wie dem jüdischen Charakter gleicherweise widerstrebende, unerhörte Verbrechen des