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Der Israelit · 1898-10-31 · Heft 86 (31.10.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 86 (31.10.1898)
Date
1898-10-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1590 Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland.? Berlin. Vor einigen Wochen machte eine Schauergeschichte ausgehend vom „Deutschen Volksblatt" in Wien die Runde durch alle antisemitischen Zeitungen. Danach sollte eine Jude deL Namens Kukitsch, ein Oesterreicher, in Jerusalem eine Möbelfabrik errichtet haben, für die er die Arbeiter aus Oesterreich geholt hätte. Diese Arbeiter sollten dann von dem Kukitsch fürchterlich betrogen und ausgesogen sein, schließlich habe der Jude dann Bankerott gemacht und die Arbeiter, um die bei ihm deponirten Ersparnisse gebracht. Nach einer Anfrage bei dem österreichischen Konsul existirt aber in Jerusalem weder ein Jude Namens Kukitsch, noch eine Möbelfabrik, noch stnd europäische Arbeiter dieser Branche nach Jerusalem gekommen. Die Antisemiten haben also wieder einmal dreill gelogen. 17. Berlin, 25. Öct. Karl Emil Franzos begeht heute seinen fünfzigsten Geburtstag. Lange galt die farbenreiche, fesselnde Schilderung entlegener Culturen für die Domäne dieses Schriftstellers, lange galt er uns als der Entdecker und Erforscher von Halb-Asien. Nun freilich, die „Juden von Bernow" bleiben noch immer überaus interessante Bekanntschaften, die wir Franzos verdanken, wir haben mit ihnen geweint und gelacht und suchen sie von Zeit zu Zeit immer wieder gerne auf. Sein „Halb-Asien" ist mehr als blos ein gehaltvolles und packendes Buch, es war auf dem Gebiete der Culturforschung eine Art Columbus-That. Auch „Moszko von Parma" und den lustigen Türkischgelb hat Franzos noch in den dunklen galizischen Wildnissen als Blumen in der Wüste entdeckt. Karl Emil Franzos ist aber längst nicht mehr der Schilderer des galizischen Judenthums. Aus der Ghetto-Geschichte heraus hat er den Weg zur Beobachtung und künstlerischen Gestaltung des Lebens rings um uns her gefunden. Große Probleme unserer Zeit in breitangelegten, lebenerfüllten Bildern darzustellen hat er unternommen, und hat sich darin als Dichter von Gestaltungskraft erwiesen. In „Judith Trachtenbcrg", mehr noch im „Wahrheitsucher" läßt er Menschen unserer Tage vor uns aufmarschiren, Ideen unserer Zen, Kämpfe, die wir alle mitfochten, Leidenschaften, die uns alle mit erfüllten. In diesem „Wahrheilsucher" spiegeln sich auch die Stürme des tollen Jahres wieder, dessen Jubiläum wir in diesem Sommer begingen. Seit mehr als einem Jahrzehnt lebt Karl Emil Franzos übrigens in Berlin als angesehenes Mitglied unserer Schriftstellerwelt. Auch als Chef der Verlagsfirma „Coneordia", als Begründer und Leiter der Zeitschrift „Deutsche Dichtung" nimmt erlebendigen Antheil an unserem geistigen Leben. Breslau. Da Ihr Correspondeni mehrere Wochen von Breslau abwesend war, mußte er sich leider versagen, Ihre werthen Leser zu richtiger Zeit davon in Kenntniß zu setzen, daß jüngst auch hier ein Austreten des Rcichstagselowns, Rektors und Cigarrenhändlers a. D. Ahlwardt stattgefunden. Diese Unterlassungssünde, die im Interesse der Lachmuskeln Ihres Leserkreises gewiß sehr zu bedauern ist, kann ich nun leider nicht mehr gut machen; aber vielleicht ist es mir gestattet, gewissermaßen zur Revanche, Ihnen ein anderes Stückchen von diesem „Könige der Schnorrer" zn erzählen, das er sich, der „Breslauer Zeitung" zufolge auf seinem schlesischen Raub zuge in Gleiwitz geleistet hat. Dort wollte der Ahlwardt durch „seinen Vortrag" für sein neuestes Geschäftsunlernehmen, das von ihm gegründete antisemitische Blättchen, das bisher unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheint, Gelver sammeln. Herr Stadtrath Kluge aber, der Vertreter des Gleiwitzer Polizeichefs, verbot in Hinblick auf die den Frieden der Bürgerschaft störenden Absichten Ahlwardts die geplante Versammlung und zu allem Ueberflusse verweigerte auch noch der Pächter des „Ludwigshofes", in welchem die Versammlung hatte stattsinden sollen, dem Herrn Geschäftsreisenden in Antisemitismus seinen Saal. Was aber that Herr Ahlwardt? Mit dem genialen Blicke, der großen Männern in kritischen Augenblicken eigen zu sein pflegt, erspähte er hier eine willkommene Gelegenheit, seine geschäftlichen Talente im hellsten Lichte zu zeigen. Er setzte sich auf seine geplatzten Unaussprechlichen und stellte gegen den Saalpächter eine Entschädigungsrechnnng auf, die 143,4«» Mk. für direkte Kosten in Anspruch nimmt. Eigentlich verdiente die famose Aufstellung in voller Ausführlichkeit hier angeführt zu werden; um Ihre Leser jedoch nicht zu ermüden, erlaube ich mir nur zu bemerken, daß in derselben der Ahlwardt folgende feinsinnige Unterscheidung macht: für sich berechnet er stets Reisegebühren zweiter Klasse — noblesse oblige — seine beiden Begleiter müssen sich mit der dritten Klasse bescheiden. Run behaupte einer, der Mann wisse nicht, was sich schickt! — Zu diesen directen Kosten aber tritt noch folgender Posten (wörtlich): „Entgangener Gewinn, entgangene Abonnenten aus „das Deutsche Schwert" (geschäftlicher Hauptzweck) .... 15«» Mk. Provision für meine Begleiter laut Contrakt 5 Prozent, von den Abonnementsgeldern ü Person 7.20 Mk.14.40 Mk. Gesammtsummc 307.80 Mk.Nun gehört ja Ahlwardt zu den Personen, die man nicht erst zu charakterisiren nöthig hat, aber der „geschäftliche Hauptzweck" ist doch zu bezeichnend! Im Uebrigen soll gegen Ahlwardt auf seine famose Rechnung hin das Verfahren wegen Erpressung eingeleitet werden. Zu

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