Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 84 (24.10.1898)
- Date
- 1898-10-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1551 1 T^-rz-.v - %-."• >*•. Zeitungsnachrichten und Corresponderizen. Deutschland. Berlin, 20. Oct. „Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur" hat auch in diesem Jahre wieder ein sehr reichhaltiges Arbeitsprogramm für die Wintersaison aufgestellt. Die sechs öffentlichen Vorträge finden in der Aula des Friedrich-Werderschen Gymnasiums, Dorotheenstr. 13, Abends 8'/» Uhr, statt. Es werden sprechen am 13. October: Geh. Regierungsralh Prof. Dr. Cohen aus Marburg: Die Bersöhnungsidee; 16. November: Prof. Dr. von Luschau: Völkerkunde von Vorder-Asien (mit Demonstrationen); 7. Dezbr.: Rezitator R. Fälberg aus Wien; Rezitationen aus dem Gebiete der neuhebräischen Poesie; 3. Januar: Prof. Dr. Ludwig Stein aus Bern: lieber den religiösen Optimismus; 14. Februar: Gymnasialoberlehrer Dr. M. Schäfer: Der Richter Simson: 14. März: Director H. Frauenberger aus Düsseldorf: Jüdische Kunst im Mittelalter. Außerdem veranstaltet der Verein zwei Diskussionsabende und einen zusammenhängenden Vortrags-Cvklus im großen Saale des Architektenhauses, Wilhelmstraße 92. Am ersten Diskussionsabend, 25. October, wird Herr Dr. A. Rosenberg—Thorn über Faust und Kohelet sprechen; am letzten Diskussionsabend, 2. Mat, Herr Dr. Ackermann—Brandenburg über die Frage der jüdischen Melodien. Den Vortragscyklus über die Geschichte der Juden von ihren Anfängen bis auf die neue Zeit wird Herr Dr. Gustav Karpeles an sechs Abenden und zwar am 22. November, 20. Dezember, 24. Januar, 28. Februar, 21. März und am 11. April abhalten. Sämmtliche Vorlesungen des Vereins sind unentgeltlich, imb steht der Zutritt Jedermann frei. Posen, im Oct. Wir haben in voriger Nummer ohne jeden Commentar aus der Kandidatenrede des Herrn Dr. Lewinsky denjenigen Passus, der sich auf die Verhältnisse unserer Glaubensgenossen bezieht, wiedergrgeben. Heute schreibt man uns zu dieser Candidatur Folgendes: Aus Anlaß der bevorstehenden Landtagswahlen ist hier ein Wahlkampf in äußerster Heftigkeit entbrannt. Merkwürdigerweise stehen sich aber hier nicht die extremstem Parteien gegenüber, sondern die beiden freisinnigen. Während bisher Posen durch einen der freisinnigen Volkspartei angehörenden Abgeordneten vertreten war, haben jetzt die Anhänger der freisinnigen Vereinigung einen anderen Kandidaten ausgestellt, und zwar einen Juden, den Justizrath Dr. Lewinsky. Um das Sonderbare dieses Kampfes zwischen den beiden freisinnigen Parteien noch sonderbarer zu gestalten, haben auch die hiesigen Konservativen dieser Kandidatur ihre Unterstützung zugesagt, ja, wie man wissen will, haben eben die Konservativen dieselbe aufgestellt. Dr. Lewinski war nämlich bis vor einigen Jahren der nationalliberalen Partei zugeneigt, schwenkte zu Zeiten mehr nach rechts ab, hat aber, wie er in seiner Wahlrede erklärte, sich „gemausert" und tritt nun als Anhänger und Kandidat der freisinnigen Vereinigung auf. So weit wäre ja alles in Ordnung und jedem Wähler könnte es überlassen bleiben, demjenigen Kandidaten, der seiner Parteirichtung entspricht, seine Stimme zu geben. Für die jüdischen Wühler liegt aber die Sache anders; sie sind in einer eigenthümlichen Verlegenheit. Es ist ihnen selbstverständlich nicht unwillkommen, ja sehr erwünscht, wieder einmal einen Glaubensgenossen im Landtage zu sehen — vorausgesetzt, daß er ihrer politischen Partei angehöre — denn von einem jüdischen Abgeordneten läßt sich eine Vertretung ihrer Sonderinteressen, die doch nun einmal vorhanden sind, wohl am ehesten erwarten, ebenso die Abwehr etwaiger böswilliger Angriffe, da man von ihm nicht nur guten Willen, sondern auch Verständniß dafür vorauszusetzen berechtigt ist. Wie aber, wenn dieser jüdische Abgeordnete ein Gegner jüdischer Anschauungen, oder sagen wir, ein offener Gegner des Judenthums ist? Wir sprechen hier nicht von seiner Häuslichkeit, seiner persönlichen Lebensweise, denn diese ist eines Jeden Privatsache und braucht unser Urtheil nicht zu beeinflussen. Aber Dr. Lewinski ist, wie gesagt, ein ausgesprochener Gegner religiöser Interessen. Er ist es, der vor ungefähr acht Jahren unter dem Pseudonym Dr. Leon eine Broschüre veröffentlicht hat, in der er klipp und klar verlangt, daß der Sabbat auf den Sonntag verlegt, daß ein Theil der Feiertage abgeschafft werde — „das Pesachfest ist ja nichts weiter als ein Erinnerungstag an ein geschichtliches Ereigniß und solche mehren sich, je weiter wir vorschreiten" — und noch andere Dinge mehr. Seine Ausführungen gipfeln in dem Wunsche, daß die Juden sich mit den Christen zu assimiliren haben. Kann man von einem solchen Abgeordneten eine ernstliche Vertretung religiöser Interessen erwarten? Er sagt ja in seiner Broschüre ausdrücklich: „Hätte die Staatsregierung von Anfang an mit eiserner Strenge die Bestimmung getroffen, daß jedes die Schule besuchende Kind am Sabbat schreiben müsse ... so wäre uns die bittere Pille des heutigen Problens für die Unterrichtsverwaltung erspart geblieben." Wenn nun, wie es ja leider möglich, von antisemitischer Seite ein Antrag einginge, das Schächten zu verbieten, müßte es da nicht Dr. L. willkommen sein, diesen Antrag, der ein