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Der Israelit · 1898-10-24 · Heft 84 (24.10.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 84 (24.10.1898)
Date
1898-10-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1550 jüdischen Religion beigetragen, im GegenIheil zur Vernachlässigung derselben thätig waren und somit eine ständige Gefahr für die jüdische Religion sind, und andererseits die Besserstellung der politischen Lage der Juden nicht bewirken konnten, also auch nach dieser Richtung als ungeeignet erscheinen. Werfen wir zunächst einen Blick auf das mit einem jüdischen Central-Consisiorium beglückte Frankreich. Was ist aus dem französischen Jadenthum und seiner Religion in den neun Jahrzehnten geworden, seitdem eS sich dieser Behörde erfreut? Die Gemeinden sind mundtodt, hoben kaum ein Wahlrecht, ihre Rabbiner und Lehrer werden ihnen von der Centralbehörde soviel wie aufoctroyiert, die Lokalrabbiner sind Untergebene des Consistoriums und seines Central-Consiftorial-Rabbiners. Die Folgen dieser Einrichtungen sind die größte Gleichgiltigkeit, die nach und nach bei den französischen Juden in Bezug auf Religion eingetreten und so weit geschritten ist, daß die meisten sich ihres Judenthums kaum mehr erinnern wollten, so daß diejenigen Juden in Frankreich, die in Wort und That treu und mit ganzem Herzen der jüdischen Religion anhangen, zu zählen sind. Aus Elsaß-Lothringen, das von der französischen Zeit her, noch Consistorien besitzt, kommen, wie den geehrten Lesern dss. Bl. wohl bekannt, seit Jahren Klagen auf Klagen über den von den Consistorien ausgeübten schweren Druck. Aber, so argumentiren von jeher die Freunde der Centralisation des Judenthums, diese Centralbehörden sind die natürlichen Vertreter des Judenthums, die Vermittler und Befürworter der jüdischen Interessen gegenüber den Behörden und besonders dazu geeignet die politische Stellung der Juden zu bessern. Schauen wir auch in dieser Beziehung nach Frankreich. Hat das israel. Central-Consisiorium den in diesem Lande seit einem Jahre in überaus heftiger Weise auftretenden Antisemitismus zurückhalten können? Erregt dieser Judenhaß in diesem Lande, das sich mit seiner Devise: Illdoit«, Egalite und FraternitG rühmt, nicht das Erstaunen und den gerechten Widerspruch aller Gebildeten der ganzen zivilisirten Welt? Ist dieser französische Antisemitismus nicht beängstigender und furchtbarer als der in dem diesbezüglich so verschrieenen Deutschland? Und dies — trotz des isr. Central-Consistoriums!! Ist es doch im vergangenen Jahre vorgekommen, daß die französische Deputirtenkammer gegen den Orancl Eadbiu des isr. Central-Consistoriums ein Tadelsvolum aussprach, ja seinen Gehalt streichen wollte, weil dieser sich veranlaßt hielt, seinen Einfluß bei seinen Glaubensgenossen gellend zu machen, daß einem vermeintlichen Judensreunde, der sich später zu einem der schlimmsten Judenfeinde entpuppte (Esterhazy', aus seiner bedrängten materiellen Lage aufgeholfen werde? Und dies — trotz des isr. Central-Consistoriums! Sind die Judenverfolgungen in Algier und Oran, also in einer französischen Colonie, vergessen? Und diese Verfolgungen — trotz der Consistorien! Im deutschen Reiche besitzen die Juden in Württemberg und Baden einen Kirchenbezw. Oberrath als Oberbehörde. Haben diese Behörden eine Stärkung der jüdischen Religion bewirkt? Wie in Württemberg die Ausführung der Vorschriften der jüd. Religion vernachlässigt wird, wie wenig gesetzestreue Juden es daselbst giebt, ist eine allgemein bekannte traurige Thatsache. Der herrschende Jndifferentismus und die allgemeine Irreligiosität wurde von Oben herab gezüchtet. Zwei verstorbenen geistlichen Kirchenräthendieses Landes sind diese traurigen religiösen Zustände zuzuschreiben. Hat sichdocheinerdiesergeistlichen Kirchenräthe nicht gescheut, die Anfrage der Behörden: ob israelitischen Schülern von Religionsgwegcn am Sabbat und israel. Feiertagen zu schreiben erlaubt oder verboten wäre, dahin zu beantworten, daß dies die isr. Religion nicht verbiete, und dadurch bewirkte, daß als Folge dieses Gutachtens auf Kinder ftrengreligiöser Eltern Gewissenszwang ausgeübt wurde! Und in Baden? War nicht ein großer Theil der isr. Gemeinde in Karlsruhe gezwungen, um streng nach den jüdischen Satzungen leben zu können, aus dem jüdischen Landesverbände auszutreten? Will und wird die deutsche Judenheit, angesichts solcher Erfahrungen bei jüd. Oberbehörden nach den französischen „Fleischtöpfen" sich sehnen? Können und werden die der jüdischen Religion treu a n - hangenden Juden ihre religiöse Freiheit, ihre Gemeindeautonomie aufgeben, um sich einer Centralbehörde zu unterwerfen? Wohl ist die Gefahr thatsächlich noch nicht vorhanden, aber die Vorzeichen, daß sie entstehen könnte, zeigen sich immer mehr. Ich bin mir bewußt, daß meine Ansicht, welche von jeher auch die des „Israelit" war, viele Gegner findet; aber auch davon bin ich überzeugt, daß selbst diese Gegner bei ruhigem Nachdenken im stillen Kämmerlein zugeben werden, daß bei Errichtung einer jüd. Centralbehörde die Freiheit in Religionssachen und die Gemeindeautonomie, welche allgemein als zwei Hauptstützen der jüd. Religion anerkannt sind, ihr Ende finden.

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