Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 83 (20.10.1898)
- Date
- 1898-10-20
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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auch sowohl beim theoretischen wie praktischen Unterrichte ein grosses Hinderniss für die Ausbildung der übrigen Zöglinge. Aus diesem Grunde waren wir in letzterer Zeit zu unserem Bedauern gezwungen, solche Knaben zurückzuweisen, oder wenn wir sie aus Mitleid aufgenommen hatten, bald wieder in die Heimath zu entlassen. Mögen darum Eltern und Pfleger es sich angelegen sein lassen, nur körperlich gesunde und geistig normal veranlagte Zöglinge unserer Anstalt zuzuführen. Hierbei sei gleich des erfreulichen Umstandes gedacht, dass die Zukunft der aus unserer Anstalt her vergehenden Zöglinge ungleich freundlicher und aussichtsvoller sich gestalten wird, als viele Fernstehende glauben, erwarten zu dürfen. Wählend wir bei Unterbringung ausgelernter Zöglinge uns selbst überzeugten, dass solche, die ihre Lehrzeit gut benutzt, auch in Deutschland Stellung finden können, haben sowohl das Baron v. Hirsch-Comite, als auch sehr einflussreiche Männer inner- und ausserhalb Deutschlands erklärt, jederzeit für Plazirung tüchtiger und arbeitslustiger Gärtner und Ackerbauer ausserhalb Deutschlands bestens sorgen zu wollen. So könnten wir denn unseres Werkes uns Leuen und hoffnungsvoll der weiteren glücklichen Entwickelung der jungen Anstalt entgegensehen, wenn nicht die eine und sorgenvollste Frage noch zu lösen wäre: die der Beschallung der finanziellen Mittel, sowohl zur ferneren Unterhaltung der Anstalt, als auch zur Wiedertilgung der demnächst aufzunehmenden Anleihe. Es kann und darf darum nicht länger verschwiegen werden, dass von all' den Versprechungen und all’ den Hoffnungen auf eine allseitige und nachdrückliche Unterstützung von Seiten unserer Glaubensgenossen nur wenige, sehr wenige sich erfüllten. Gewiss muss unter dem Ausdrucke unseres innigsten Dankes anerkannt werden, dass einzelne Gönner der Anstalt dieselbe mit Beiträgen bedenken, und gar manche Sammlung aus kleinen und oft wenig bemittelten Gemeinden uns zugeführt wurde, — die grossen und steuerkräftigsten Elemente aber, wie die grössten und leistungsfähigsten Gemeinden Deutschlands, — mit geringer Ausnahme — haben sich unserer Anstalt gegenüber bis jetzt indifferent verhalten. Das ist bei dem sonst überall sieh bethätigenden Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen, wie bei der doch anerkannt hohen Bedeutung der Anstalt, eine höchst befremdende und betrübende Erscheinung. Giebt es denn im ganzen Deutschen Reiche eine jüdische Anstalt, welche grösseren und gerechteren Anspruch auf Förderung und Unterstützung der gesammten Judenheit hat, als die Erziehungsanstalt in Ahlem? Wohl kaum, weil es eben für das gesummte Judenthum gegenwärtig keine sorgenvollere Frage giebt und geben kann als die: „Was soll angesichts der sozialen, politischen und materiellen Verhältnisse aus unserer armen Israelit. Jugend werden?“ Gerade aber der Lösung dieser, alle edlen Gemüter so sehr bewegenden Frage ist die Anstalt in Ahlem gewidmet! Für diesen Zweck schuf sie der Stifter in mehrjähriger Darbringung grosser Opfer au Kapital und noch grösserer an Zeit und Arbeitskraft. Ist da die Hoffnung des Stifters auf wohlwollendes Entgegenkommen, auf allseitige Unterstützung unberechtigt? Ein solches Werk gründen, konnte wohl ein Einzelner — es erhalten und dauernd seinem Zwecke dienstbar machen, das können nur Tausende, ja das kann nur die gesammte Glaubensgeuossenschafr, für deren Heil und Ehre das Werk in’s Leben gerufen wurde. Mögen darum aller Orten erleuchtete Männer, welche die Zeit und was sie von uns fordert, begreifen, sich recht bald zusammenfinden, um gemeinsam ein Werk zu schützen und zu stützen, das nicht untergehen darf, das erhalten werden muss, weil es berufen und befähigt ist, eines der wichtigsten jüdisch-sozialen Probleme der Gegenwart zu lösen. Sieben zig Knaben und Jünglinge, von denen! ein Th ei! eitern- und heimatlos, und darum j mehr oder weniger verwahrlost in die Anstalt! kamen, gemessen gegenwärtig in dieser die Woblthat geistiger und körperlicher Pflege und Erziehung, unter gleichzeitiger Vor- und Ausbildung iu Gartenbau und Landwirtschaft. Bedarf es da noch vieler Worte, vieler Bitten zu Gunsten unserer Anstalt? Wir sind frohen Muthes im Vertrauen auf j Gottes ferneren Beistand und edler Glaubens- | genossen Hilfe. Möge unsere Hoffnung nicht gej täuscht werden! Der Vorstand der Ts L-iiol i tised io u E \:z i el m 11 gsai istal 1» zu Ahlem bei Hannover. Oonsul A. M. Simon, Vorsitzender. Handelsschuldirektor Manfred Berliner, Schriftführer.