Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 82 (17.10.1898)
- Date
- 1898-10-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1515 imil’ scherzend gesagt, es werde aus ihr wohl eine „Rebezett*)" werden. Was sie aber darin suchte, vas waren nicht die in elegantem Styl abgesaßlen, nur ein wenig zu rührseligen, deutschen Gebete am Ende des Büchleins — Las fand sie ebenso elegant oder noch eleganter in einer gut geschriebenen Novelle. Die alten, uralten Psalmen und hebräischen Gebete suchte sie, die so fremdartig klangen und doch auch wieder so süß anheimelnd. Das waren Laute und Bilder einer längst versunkenen, prächtigen Welt, die ihre Phantasie so gerne aussuchte. . . Wo die Sterne, wie Sonnen leuchten und die Zedern auf kühnen Gipfeln zum Himmel ragen. . . Wo an den Ufern des Ioroans Palmenhaine grünen und aus den grünen Schalten weiße Zckte schimmern .... und in den Zelten walten edle, gottähnliche Menschen. Cie kannte genau das Land und die Geschichte ihres unglücklichen Volkes und war von glühender Begeisterung für sie erfüllt. Mirjam, die sich mit Behagen in die Rolle einer Großmutter hineingelebt hatte, war mit deur Erziehungssystem Rüben Friedbergs nicht zufrieden. Mit Geringschätzung äußerte sie sich über das viele Lesen, was nur den Kopf mit gar unnützen, überflüssigen Di.igen ausülle. Das Um und Auf der Kenntnisse eines Münchens bestanden bei ihr in Kochen, Stricken, etwas Schreiben und „Teilsch-Ehuiusch"- Lesen. War Moscheh früher still und weltfremd gewesen, so nahm diese Abgeschlossenheit mit der Zeit einen fast lichtscheuen Charakter an. Es gab Zeiten, wo seinem dunkeln Auge in dem farblosen Antlitz ein unstätes, räthselhafteS Feuer entsprühte. Ein jedes Alter hat seine eigenartig gefärbten Empfindungen und diejenigen der Halbkindheit unterscheidet sich von jenen des reiferen Alters durch ihre zügellose unumschränkte Beherrschung des Organismus. Die Vernunft kommt da noch weniger zu Gehör, als bei den späteren Leidenschaften. Dieses Alter mit seinem heißen, chaotisch verworrenen Gefühlsleben, ist die Blüthezeit der Ueberschwenglichkeiten des Herzens. Wie die Pilze schießen da die idealen Regungen in die Höhe und nur auf die äußeren Verhältnisse des Lebenslaufs kommt es an, ob die entglommenen Funken wieder verlöschen, oder sich zu einem verzehrenden^ großen Brand entfachen. Bei Moscheh war letzteres der Fall. Aus der Anhänglichkeit des Gespielen hatte sich ein gluthvollcr Traum entwickelt, der mit feurigen, brennenden Armen Hirn und Herz des Jünglings gefangen hielt. In diesem Traume schaute er schulamit bereits, wie sie einst werden sollte, als vollkommen aufgeblühte Blume . . . Sein Seelenleben befand sich in einer steten Zehrung, welche durch *) Rabbinern: das Verhalten des ahnungslosen Kindes immer frisch geschürt wurde. Dieser innere Kampf hätte ihm gewiß jede intensive Geistesthätigkeit unmöglich gemacht, wenn er nicht anderntheils einen Vorsatz in ihm gereift hätte, der gerade diese Geistesthätigkeit sich zum Ziel setzte. Er wollte etwas Großes, Ungewöhnliches leisten, um sich Schulamit werth zu machen und mit der Energie einer krankhaften Exaltation verfolgte er dieses Ziel. Tag und Nacht „lernte" und forschte er, so daß er bereits mit achtzehn Jahren ein „feiner" Bocher, der Beste in der kleinen Jeschiba des OrteS war. Dabet wurde er noch bleicher als früher und sein Benehmen noch linkischer. Wenn er früher blos in ungewohnter Umgebung befangen war, so dehnte sich diese Befangenheit jetzt auch, und zwar in erhöhtem Maße, auf seinen Umgang mit Schulamit aus. Rüben Friedberg schrieb die Unbeholfenheit Moschehs dem Umstande zu, daß dieser noch nicht über der Gemarkung dcS Dorfes draußen war und hielt den Zeitpunkt für gekommen, daß er mm die bildende Schule der Fremde aufsuchen solle. Ein junger Mensch müsse Routine und Schneid besitzen, welche nur die Fremde verleiht. Der Rabbiner freilich, mit dem er über die Sache gesprochen hatte, wollte nichts davon hören. Abgesehen davon, daß es ihm schmerzlich war, seinen besten Schüler, den er ganz in sein Herz geschlossen hatte, zu verlieren, erfüllte den alten Mann ein tiefer Groll gegen das leichtsinnige, irreligiöse Zeitalter, welches ihn schon manches thcuere Opfer gekostet hatte. Er betrachtete seine Schüler wie seine Kinder und der Abfall eines von ihnen that seinem Vaterherzen ungemein weh. Zu seiner gelehrten Vervollkommnung, meinte der Rabbiner, sei Moscheh nirgends an einem besseren Platze, als daheim, lvo ihn nichts von seinem Studium abzog. Doch Rüben hatte Vertrauen in die Gottesfurcht Moschehs und theilte nicht die Bedenken des Rabbiners. Was jedoch das Maß der zu erlangenden Gelehrsamkeit betraf, war Rüben von der Nothwendigkeit weltlichen Schliffes und einer Sicherheit im Auftreten tief durchdrungen, selbst wenn dies mit einer kleinen Einbuße am Wissen bezahlt werden mußte. „Moscheh," sprach er einmal zu diesem, „Du bist nun „zu Gutem" 16 Jahre alt, ohne eigentlich noch vor der Thüre gewesen zu sein. Bist Du nicht begierig zu erfahren, was dort jenseits unserer Berge sich befindet?" „Was meinen Sie, Herr Friedberg?" entgegnete Moscheh. „Nun, ich meine, daß es an der Zeit wäre, daß Du in die große Welt hinanskommst — in eine fremde „Jeschiwa —"