Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 82 (17.10.1898)
- Date
- 1898-10-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1512 wenig rechtfertigen? Oder sollte hier wirklich nur ein bloßer Zufall obwaltend Wenn bestimmte Kreise des Volkes in besonderem Grade Angriffen ausgesetzt waren oder das Recht derselben verkümmert wurde, so war man stets bestrebt gewesen, bei der Auswahl der Abgeordneten diesen Kreisen Gelegenheit zu geben, sich zu vertheidigen und für ihr Recht einzutreten. So ist man zum Beispiel billigerweise darauf bedacht gewesen, Vertreter des Handelsstandes im Parlament zu sehen. Es geschieht dies nicht, damit sie einseitig die Jntereffen des Handelsstandes vertreten, sondern damit Abgeordnete zur Stelle sind, die mit genügender Sachkenntniß auf die gegen diese Berufsklaffe erhobenen Vorwürfe erwiedern können. Den jüdischen Mitbürgern ist es aber trotz der fortwährenden Angriffe, die auf ihre Rechtsstellung geschehen, nicht ermöglicht, daß auch nur einer der Angegriffenen von derselben Tribüne aus, von welcher die Anfeindungen ausgeben, in sachkundiger Weise dieselben widerlegt. Wenn früher kein Grund Vorgelegen hat, die Juden vom Parlament ausznschließcn, als die antisemitische Bewegung noch nicht sich geltend machte, so ist heute um so weniger ein Grund dafür vorhanden, wo es die Abwehr antisemitischer Angriffe gilt. Wenn dies gleichwohl geschieht, so ist es nicht zu verwundern, daß die Juden darin eine Konzession an den Antisemitismus erblicken, und es ist erklärlch, wenn sie glauben, daß der Schlachtruf „Wählt keinen Juden!", den einst vor 15 Jahren eine antisemitische Broschüre verkündete, heitte auch in der liberalen Partei seine Wirkung ausgeübt hat. Wir hoffen, daß unsere jüdischen Mitbürger sich von solchen Gefühlen nicht beeinflussen lassen, daß vielniehr die liberale Partei Beweise geben wird, daß ein Kandidat, der sonst Garantieen für seine Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit der Partei gegenüber bietet, nicht dcßhalb ausgeschlossen wird, weil er Jude ist." W. Berlin, 15. Oclbr. In Sachen des jüdischen Eides ist dieser Tage von einem preußischen Gerichtshöfe eine bemerkenswerthe Entscheidung gefällt worden. Es stand die Klage eines jüdischen Kaufmanns gegen einen Bettler zur Verhandlung, der jenen auf offener Straße thätlich angearifsen haben sollte. Der Kläger, aufgefordert, den Eid zu leisten, verweigerte dies — da die Verhandlung an einem Samstag stattfand — mit Berufung auf das jüdische Religionsgesetz, das einen Schwur am Sabbat untersagt. Da demgegenüber der Staatsanwalt auf seinem Verlangen, daß der Eid geleistet werden solle, beharrte, zog sich der Gerichtshof zu kurzer Berathung zurück und entschied folgendermaßen: Religiöse Bedenken sind allerdings generell nicht als ausreichendes Motiv für das Gesuch der Dispensirung vom Eide anzuerkennen; trotzdem beschließt das Gericht in Berücksichtigung der ganzen Sachlage, um den Kläger nicht mit den Vorschriften seiner Religion in Konflikt zu bringen, da dem sonst nichts im Wege steht, den Termin zu vertagen. X. Berlin, 15. Okt. Soeben erschien ein neuer Jahrgang der vom deutschen statistischen Amt herausgegebenen Kriminalstatistik für das Deutsche Reich. Der neue Band umfaßt das Jahr 1896 und bietet zu vielen interessanten Betrachtungen Anlaß, da in ihm zum ersten Male auch die neue Berufsstatistik voll verwerthet ist. Wir Juden haben auch in diesem Jahre Grund, mit den Ergebnissen ganz zufrieden zu sein. Die Ziffer aller jüdischen Ver, brecher ist nicht unerheblich zurückgegangen : von 17b7 im Vorjahre auf 4556, also um ca. 5 Prozent, während die Zahl aller Verbrecher von 414 806 aus 447,312 gestiegen ist. Also bei den Richtjuden Zunahme, bei den Juden Abnahme der Verbrecher oder in anderer Weise betrachten nach der Zählung von 1835 bilden die Juden ca. 1,10 Proz nt der Gesammtzahl aller Deutschen, es konnten daher 4921 Verbrechen von Juden erwartet werden. Da aber nur 155«! vorkamen, so stehen die Juden um 8 Prozent günstiger als die Richtjuden. Wegen Hoch- und Landesverrath :c. ist kein Jude verurtheilt, wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte 70, wegen Hausfriedensbruchs 124, wegen Verletzung der Wehrpflicht 289, wegen Zuwiderhandlungen in Bezug aus die Konzessionspstlcht .w 13/, wegen Zuwiderhandlungen gegen die Bestimmungen betreffend die Sonntagsruhe 587, wegen Veraehen wider die Sittlichkeit 2, wegen Beleidigung 82!. Dagegen fand bei ihnen kein Mord, Todtschlag, Kmdesmord oder Blutschande statt. Wegen Körperverletzuna wurden 571, Diebstahl 263, Unterschlagung 179, Betrug 376, Bankerott 107 verurtbellt. .Köln, 14. Oktober. Die „Deutsche Wacht" des Herrn Oswald Zimmermann in mit der deutschen Eentrumspresse sehr unzufrieden und schreibt.' „Das Centruin hat Ursache, einmal die Beziehungen seiner Presse zum internationalen Judenthum einer Durchsicht zu unterziehen. Während die katholische Presse Frankreichs den Dreysuß Schwindel rücksichtslos ausdeckt, buhlt die gesammte „recht katholische" Presse Deutschlands itm die Gunst der Juden mit) täuscht ihre Leser. Das Centrum hat sich ja, wir wissen nicht, aus welchett Gründen, wiederholt für die jüdischen Mitbürger in's Zeug gelegt, aber ein so seandalvser Widerspruch in der Haltung der gesammten katholischen Presse des betheiligten Landes ist noch nicht dagewesen. Für deutschfühlende Katholiken dürste dies ein neuer Beitrag zur Er-