Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 81 (13.10.1898)
- Date
- 1898-10-13
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1502 in Folge der Intervention die Ausweisung zurückziehen. Nun intervenirte aber auch der türkische Botschafter gegen die Ausweisung aus Hamburg. Alcalai wird eine Entschädigungsklage gegen die betreffenden Beamten einreichen. Oe st er r.-Ungar. Monarchie. E. Wien. (Das Ghetto in der Schule.) Der niederösterreichische Landesschulrath hat in einer Sitzung über die Aeußerung Berathung gepflogen, welche er über Aufforderung des Unterrichtsministers über den Erlaß des Wiener Bezirksschulrathes wegen der konfessionellen Trennung der Kinder in den Volks- und Bürgerschulen abgeben soll. Wie wir erfahren, war die Debatte, an welcher sich Prinz Liechtenstein, Dr. Geßmann, Dr. Neumayer, Probst Marschall und Dr. Gustav Kohn betheiligten, eine sehr lebhafte und währte über drei Stunden. Fast alle antisemitischen Redner suchten darzulegen, daß dem Erlaffe des Bezirksschulrathes keine konftssionellen, sondern nur pädagogische Motive zu Grunde liegen und daß durch denselben das Reichs-Volksschulgesetz nicht tangirt werde. Dr. Gustav Kohn vertrat den Standpunkt, daß der Erlaß des Bezirksschulrathes dem Geiste und den Prinzipien des Reichs-Volksschulgesetzes zuwiderlaufe. In der Schule müßten alle Kinder ohne Unterschied der Konfession und Nationalität auf dem gleichen Fuße behandelt werden und es gehe nicht an, Kinder der einen Konfession von den Kindern der anderen Konfessionen abzusondern. Dr. Kohn erklärte auch, daß die Israeliten die Schaffung von separaten jüdischen Klaffen an den Schulen nicht dulden und eher die Kinder aus der Schule zurückziehen würden. Es wurde auch darauf hingewiesen, daß die jüdischen Kinder durch ihre Absonderung dem Spotte und den Anfeindungen der anderen Schulkinder ausgesetzt und in ihrer persönlichen Sicherheit bedroht werden könnten. Wie man uns mittheilt, ist es gestern zu einer meritorischen Beschlußfaffung über die Angelegenheit nicht gekommen und soll dieselbe einer nochmaligen Erörterung unterzogen werden. Dem Unterrichtsminifter wird der auf den Erlaß bezügliche Akt mit dem vom Bezirksschutrathe vorgelegten Motivenberichte unterbreitet werden. — Bemerkenswerth ist die Mittheilung, welche vorgestern im Gemeinderathe circulirte, daß der Vertreter des katholischen Religionsunterrichtes im Bezirksschulrathe, Pfarrer Walter, gegen die konfessionelle Trennung der Kinder in der Schule votirt haben soll. Pfarrer Walter ist jüngst vom sürfterzbischöflichen Ordinariat in den Ortsschulrath seines Bezirkes als Mitglied delegirt werden. Es hat daher den Anschein, daß Pfarrer Walter im Bezirksschulrathe durch eine andere Perlönlichkeit ersetzt werden soll. W. Budapest. (Kaiserin Elisabeth und das Kol-Nidre.) Als die wehmüthigen, ergreifenden Klänge des uralten Klagegesanges, des Kol-Nidre, die Räume der Synagoge durckflutheten und mich, sowie alle Zuhörer mächtig ergriffen, wie immer, wenn dieses Juwel uralter, sich in den grauen Nebel der Urzeit verlierender Kunst zum Vorschein kommt, erinnerte ich mich auch daran, daß dasselbe eine hohe Bewundererin hatte, deren Andenken wir in diesen Tagen des Schmerzes um sie wie eine offene Wunde im Herzen trngen. Es ist nämlich eine bekannte Thatsache, daß der Gesang voll mystischer Kraft und Weihe, aus welchem eine tiefe Himmelssehnsucht spricht und den ein englischer Dichter mit den Worten bezeichnete: „Ein brechend Herz, das fleht in Melodien — ein Glaube, der den Sieg errang", nicht nur auf die Bekenner der mosaischen Religion, sondern auch auf Kunstfreunde, die anderen Confessionen angehören, einen tiefen Eindruck macht, so daß am Vorabende des Versöhnungstages, an welchem allein dieser Klagegesang angestimmt wird, der Tempel stets auch von zahlreichen Nichljuden besucht ist. Eine Bewundererin dieses uralten, herrlichen Sanges war auch unsere verewigte erhabene Königin, die in Wien am Vorabende des Versöhnungstages öfter die Synagoge zu besuchen und das Kol-Nidre anzuhören pflegte. Dieses melodische Klagelied bewegte die Königin und erregte ihr Wohlgefallen in solchem Maße, daß die Königin sich dasselbe auch außerhalb der Synagoge öfters vom Wiener Obercantor Sulzer Vorsingen ließ. In jener Zeit wurde das Kol-Nivre in das Programm der vornehmsten Concerte in Wien und dann auch in das anderer Staate ausgenommen. Wie sich die erhabene Frau für die allhebräffche Poesie interessirte, erhellt auch daraus, daß sie einmal den Oberrabbiner von Budapest zu sich befahl und ihn damit beauftragte, ihr die Klagelieder Halevy's zu verschaffen, welche dieser über die Zerstörung Jerusalems geschrieben hat und die Heinrich Heine bekanntlich als das Vollkommenste in der Poesie bezeichnet hatte. Der Oberrabbiner von Budapest war zu jener Zeit Dr. Meisel, welchem es trotz seiner literarischen Verbindungen schwer wurde, eine gute Uebersetzung von Halevy's unsterblichen Poesien sich zu verschaffen. Endlich gelang es demselben, eine solche aus dem vergangenen Jahrhundert zu bekommen, die jedoch in Sprache und Ausdruck-weise so veraltet war, daß er sie umarbeiten und neu drucken lassen mußte. Die Königin freute sich über das Buch ganz außerordentlich und gab ihrer Befriedigung darüber in ihrer huldvollen Weise schmeichelhaften Ausdruck. (B. T.) L Lemberg, ll. Okt. (Die Juden in Galizien.) Das Schoßkind der politischen Parteien in Galizien ist seit mehreren Jahren der