Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 79-80 (11.10.1898)
- Date
- 1898-10-11
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1475 Max Nordau, der in der letzten Zeit als Vorkämpfer des gewiß von idealen Ideen getragenen, wenn and) mit den praktischen Verhältnissen wohl nicht genug rechnenden Zionismus hervorgetreten ist, bietet in seinem neuesten soeben erschienenen Drama „Dr. Kohn", welches er „ein bürgerliches Trauerspiel aus der Gegenwart" betitelt, ein Tendenzstück, in dem er die trostlose Lage schildert, die cinenl vornehm detlkenden hochgebildeten Juden durch dert Antisemitismus bereitet wird. In früherer Zeit, so schreibt die „Köln. Ztg.", war es ein beliebter Vorivnrf, den Gegensatz ztvischcn Adel mtb Bürgert hum dramatisch zu gestalten, und auch heute begegnen wir noch ntanchrual diesem Versuche, ivenngleich die nivellirende Zeit dafür gesorgt hat, daß er in der Wirklichkeit nicht mehr die große Nolle spielt. Die Unterschiede zwischen Adel und Bürgerthnm sind heute nicht mehr maßgebend, nicht niehr so tief einschneidend, daß sie nicht ohne besondere Schwierigkeit übersprungen werden könnten und oft genug auch überspringen werden, so daß man an einen hieraus abgeleiteten tragischen Konflikt, wenn er uns auf der Bühne cntgegentritt, nicht mehr recht glaubt. Dagegen sind die gesellschaftlichen Gegensätze zwischen Christenthum uub Judenthum geblieben und sogar im letzten Iahrzeit derartig verschärft worden, daß die von Nordau geschilderten Vorgänge sich sehr wohl in der Gegenwart zugetragcn haben könnten. Der Verbindung eines hochbedeutenden jungen jüd. Gelehrten mit einem durch 9lei$tl;umr Schönheit und Geist ausgezeichneten Mädchen steht nichts anderes entgegen, als die jüdische Abstammung des Dr. Kohn, der sich weigert, durch Austritt aus dem Judenlhnm sich die Erlangung der Hand der Geliebten zu erleichtern. Die Frage, ob es statthaft sei, vom Judenthum ohne innere Ueberzeugung zum Christenthunl überzutreten, wird in psychologisch interessanter Weise abgehandelt, insbesondere nach der praktischen Seite hin, daß ein solcher Uebertritt nach Nordaus Ansicht auch praktisch bedeutungslos seilt soll, da der Arier den übergetretenen Juden doch niemals als vollwerthigcn Christen und Deutschen anerkenne. Die nothdürftig übertünchten, bei dem ersten nachdrücklichen Hervortreten der antisemitischen Frage aber grell in die Erscheinung kommenden unerfreulichen Verhältnisse in einer Mischehe dienen Nordau, um seinen Satz von der Unverschmelzbarkeit des Christenthums und des Judenthllms zu beleuchten, wobei allerdings das gewählte Beispiel mit allen Schroffheiten ausgestaltet ist, die man sich auf dem Wege der Cumulirultg nur zusailimentragen kann. Ein adelsstolzer orthodoxer Geistlicher, ein dem studentischen Antisemitismus zugethancr Korpsstudent, ein in exklusiven Ehrbegriffen erzogener Offizier bilden ein Milieu, wie es zur Demonstration von Nordaus These nicht geeigneter sein kann. Ueber die schwierige Frage, ob „Dr. Kohn", so wie er in der Buchausgabe vorliegt, zur Aufführung geeignet ist, ist nur schwer ein Urtheil abzugeben. Die theoretische Auseinandersetzung nimmt in den Dialogen einen größeren Raum ein, als mit der Forderung von der fortschreitenden Handlung vielleicht verträglich ist, ein Uebelstand, dem aber leicht durch Striche abzuhelfen sein würde. Die eigentliche Schwierigkeit der Aufführung scheint uns darin zu liegen, daß der betreffende Theaterdirektor mit einiger Berechtigung besorgen muß, sein Theater könne durch das Eingreifen antisemitischer Ruhestörer zum Schauplatz wilder Unordnungen werden, da sie das Trauerspiel nicht als solches, sondern nur als eine gegen ihre Tendenzen gerichtete Streitschrift auffassen. Zeitungsnachrichten und Corresponderrzen Deutschland. Furth, 10. Okt. In seiner jüngsten N2ilr> r>22>- Predigt strelfte der Redner des Tages, Herr D r. Deutsch, das Programm der Zionisten, indem er, ausgehend von Jeremias 31,21, deren leitenden Ideen besprach und sie in theilweise zustimmenden, zum größeren Theil jedoch ablehnenden Sinne erörterte. In besonders scharfer Abwehr kehrte sich der Redner gegen die von den Zionisten propagirte Ansicht, daß eine Umwandlung der Stellung und des Geschickes Israels in der Richtung der Verwirklichung zionistischer Jaeen erstrebenswerth und möglich sei, ohne daß ihr eine Umwandlung der Gesinnung innerhalb Israels und der Gesammtmenschheit nach der religiös-sittlichen Seite hin vorausgegangen sein wird. Die geistige und moralische Erneuerung Israels und der Gesammtmenschheit sei bei den Propheten nicht erst die Frucht und Folge der Wiederaufrichtung Zions und Jeruscholajims, sondern die unabweisliche Blüthe und Vorbedingung für das zu erstrebende jüdische-nationale Staatenleben. Die Bitte, daß das Reich der Sünde und Gesetzlosigkeit getilgt werden, daß Unrecht, Lüge und Willkür wie Rauch von der Erde schwinden und nur der Wahrheit und dem Rechte die Herrschaft auf Erden werden möge bv “"ine |n pn ".2'. "21 t&jjc), geht der Bitte um Wiederherstellung der jüd. nationalen Selbstständigkeit in dem für ein heiliges, gottgeweihtes Leben bestimmten Lande (pr -p'xb pptw "pn»6 nnctr 1122 p) voraus, um uns mit der Hoffnung und Sehnsucht zu erfüllen, daß ein zur Verwirklichung des Höchsten und Edelsten gekehrter und geeinter Mensch-