Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 77-78 (29.9.1898)
- Date
- 1898-09-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1430 Zuträglich erscheint. Nach der heurigen Ernte sah ich die Wohnzimmer — ganz rein und nett gehaltene Räume — mit Säcken voll Weizen angefüllt. Werden die Kolonisten mehrere gute Jahre haben, dann werden auf dem geräumigen Hofe auch die nothwendigen Wirthschaftsgebäude nach und nach entstehen. Jede Familie, die angefiedelt wurde, erhielt Haus und Hof, Land und Maschinen, Zugpferde, Ochsen, Kühe, Ziegen, Samen und Unterstützung in Geld. Konsumvereine bestehen noch nicht, sondern auf jeder Kolonie ein Laden, in welchem die Lebensmittel eingekauft werden. Nachdem den Kolonisten jeder Handel verboten ist, sind diese, durch die Direktion beaufsichtigten Läden auch in nichtjüdischer Hand. Hingegen sind in jeder Kolonie jüdische Handwerker zu finden. Die durchschnittliche Schuld einer Familie beträgt beiläufig 18 000 Mark, wobei zu bemerken ist, daß die Schulden einmal bereits reduzirt wurden und zwar in dem Maße, daß die Kolonisten im Stande seien, die jährlich entfallende Amortisation — welche in 20 Jahren zu erfolgen hätte — auch bei mittelmäßiger Ernte zu tilgen. Dieser Fall ist nun bisher nicht eingetreten, obzwar die älteren Kolonisten ihre Kontrakte bereits unterzeichnet haben und auch die Zahlungen zu leisten hätten. Die neueren Kolonisten in Entre-Rio werden diese Verträge nur nach erfolgter Reorganisation und nach Beobachtung der Erfolge unterzeichnen. Vorläufig sind die Einwanderer — in Folge der weiter unten angeführten Gründe — unterstützt worden und erhielt jede Familie für jedes erwachsene Familienglied für einen Monat acht Pesos, beiläufig 12 Mark, für den Lebensunterhalt und außerdem den Samen zum Anbau. Durch diese Unterstützungen werden die Schulden der Kolonisten erhöht, diese selbst haben aber von ihrem Verhältnisse zur Gesellschaft zumeist kein klares Bild. Die Ursachen dieses langsamen Fortschrittes sind manigfacher Art. In erster Reihe muß man in Betracht nehmen, daß die Elemente der Kolonisation wahrlich schlechte sind. Wenn wir von den ersten, wilden, undisziplinirten Gruppen absehen, kann man auch die letzthin angesiedelten Familien nicht als solche betrachten, welche für die schwere Arbeit einer Kolonisation geeignet wären. Unterdrückt und verfolgt, verkümmert und geschwächt, haben die Alten nicht die genügende physische Kraft und den moralischen Muth, um den Unbilden des Wetters und den entstehenden Gefahren zu widerstehen. In den Städten an Handel gewöhnt, sahen sich die Leute einer neuen Beschäftigung gegenüber, und während sie in ihrer alten Heimath höchstens auf dem Pulte ritten, sahen sie sich hier gezwungen, ein wirkliches, lebendes Pferd zu besteigen. Die Arbeit war ihnen fremd, der größte Theil hatte einen Pflug selbst noch nicht gesehen, von den Erntemaschinen und anderen gar nicht zu reden. Einen höchst ungünstigen Einfluß übten die Frauen aus, die in den Städten an einen gewifien Luxus und an das enge, nahe Leben des Ghettos gewöhnt waren, und nun in der großen, freien Natur, ohne nachbarlichen Verkehr, ohne Bequemlichkeiten sich nicht zurecht fanden. Die fortwährenden Klagen dieser Frauen verbitterten so manchem Familienvater die ersten Jahre des neuen Lebns und fanden ebenfalls einen lebhaften Widerhall.Es muß nicht betont werden, daß daS Hauswesen, der Hof, der Garten, die Geflügelzucht hiebei nicht vorwärtskamen. Dabei war für die religiösen Bedürfnisse der Leute von der Leitung aus absolut in keiner Weise gesorgt. Wenn auch die Direktoren ihrerseits jede Religion längst über Bord geworfen hatten, so hätten sie sich doch schon aus praktischen Gründen sagen müssen, daß dem „Volke die Religion erhalten bleiben müsse." Dafür geschah aber in keiner Weise etwas. Um ein Huhn für das Festmahl zu bereiten, war der Kolonist genöthigt, den schweren Lastwagen zu bespannen und mit den Pferden halbtägige Touren zu machen, ohne den Werth der verlorenen Zeit und Arbeit zu erwägen. Nachdem man nur Fleisch von rituell geschlachtetem Vieh essen wollte, der hiezu befähigte Schächter aber nicht überall zur Hand sein kann, entsagen sie dem Genüsse von Fleisch, welches im Eampo in Argentinien das einzige Lebensmittel ist, nachdem man in den Kolonien nur selten Obstkulturen oder Gartenbau findet. Es ist selbstverständlich, daß dieser Schächter seine Lage auch ausnützte und aus den Leuten möglichst viel Geld herauspreßte. Zur Erntezeit, wo die rasche Abwicklung der Feldarbeiten — insbesondere unter den sengenden Strahlen und den heftigen Gewittern Argentiniens — besonders wichtig ist, regen die Leute an den Festtagen keine Hand und nachdem man ihnen Knechte, zu halten wenigstens für diese kurze Ausnahmszeit auch nicht gestattet, ruht die Arbeit vollständig. Eine nicht geringe Schwierigkeit, diese Leute zu dirigiren, liegt in der natürlichen Anlage derselben, fortwährend zu meditiren, zu grübeln und Ursachen zur Unzufriedenheit zu finden. Sie werden hierin — insbesondere in Moifeville — von einigen Nachbarn unterstützt, dis hierdurch den Ankauf ihrer Grundstücke durch die Gesellschaft erreichen wollen. Nachdem gerade in dieser Kolonie die schlechtesten Elemente vorhanden sind, hatten die Aufwiegelungen auch den erstrebten Erfolg und gerade, als ich in Argentinien verweilte, waren in Moisesville Unruhen vorgekommen. Die Kolonisten überfielen nämlich die Kaffe und wollten diese berauben, indem sie behaupteten, daß die Gelder, welche die Direktion für die Kolonisten bestimmte, diesen vorenthalten würden. Die Aufwiegler