Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 77-78 (29.9.1898)
- Date
- 1898-09-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448929--46839-2497168- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1427 Da stürzte Rüben auf die Knie nieder und die Arme weit über das Bett ausstreckend, vergrub er schluzend das Antlitz in der Bettdecke. -i- * * „Kinderfleisch wandert nicht weit," sagt ein bewährtes Sprichwort. Der dumpfe Husten dauerte wohl noch einige Tage und auch das Fieber, aber die Macht der Krankheit war gebrochen und als das frohe, weihevolle Chanukkafest kam, konnte Schulamit schon im Bettchen sitzend, sich der glänzenden Menorah und der brennende» Lichtlein freuen. Nach einigen Tagen schon begannen sich die Bäckchen des Kindes wieder zu runden, seine heitere Laune kehrte zurück und nur die Blässe vcrrieth noch die abgelaufene schwere Krankheit. An Rüben blieb trotz aller grenzenlosen, inneren Glückseligkeit, ein stiller, wehmüthig angehauchter Crnst haften. Cs war zu viel gewesen! Die übermäßige Spannung hatte in seinen seelischen und körperlichen Kräften eine tiefe Erschlaffung zurückgelaffen. Und dann — es bedrückte ihn auch das Bewußtsein des unvortheilhaften Lichtes, in welchem sich sein Charakter gezeigt hatte. Er hatte die Feuerprobe nicht bestanden ... er war nicht von dem Holze, von welchem die moralischen Helden geschnitzt waren! Wie heroisch groß erschien ihm demgegenüber in ihrer stillen, fromm-ergebenen Weise Dina, die keinen Augenblick zu hoffen aufgehört hatte, sich keinen Augenblick hatte die Seele von kleinlicher, lähmender Verzagtheit überwältigen kaffen. Und während er die Errettung des Kindes als eine unverdiente Gnade ansehen mußte, konnte sie dieselbe gewiß als durch ihr gottgefälliges Verhalten mit bewirkt betrachten — wenn irgend Menschen berechtigt sind, sich Verdienste zuzuschreiben. Der bittere Vorwurf eines an dem Kinde begangenen Unrechts kränkte ihn, welchen er vergebens bemüht war, durch fast krankhaft übertriebene Zärtlichkeiten zum Schweigen zu bringen. Er war ja gleich am zweiten Tage der Krankheit so zerschmettert, so ohne Hoffnung, daß er das Kind hätte sterben lassen können, ohne eine Hand zu rühren . . . So düster und voll Gram das Haus gewesen, so voll Glück und Helligkeit war es nun wieder geworden. Am letzen Chanukkatage — es war der Tag, an welchem Schulamit das erste Mal das Bett verlaffen und mit unsicherem Gang durchs Zimmer schreiten konnte — veranstaltete Rüben Friedberg ein Genesungsfest, an welchem der ganze, kleine Ort theilnahm. In glänzend erhellten Gemächern saßen an langen Tafeln die Gäste, an der Spitze der ehrwürdige Rabbiner, der mit dem edlen, durchgeistigten Antlitz und dem lang herabwallenden Silberbart einer biblischen Patriarchenfigur glich. Man erzählte sich lange im Dorfe von der Köstlichkeit und dem Glanz dieses Gastmahls. Rüben Friedberg schonte kein Geld; was lag ihm an dem Gelbe! Die Befriedigung des süßen Bedürfnisses, Glück und Freude um sich zu sehen, war ihm durch nichts zu theuer erkauft. In einer Ecke war eine kleine Tafel hergerichtet worden, wo Schulamit als kleine Hausfrau waltete, mit anmuthigem Liebreiz ihre Gespielinnen bewirthend. Strahlend wie Heller Sonnenschein waren die Blicke, welche die glücklichen Eltern nach diesem Winkel sandten. Doch lange hielt das arme Kind nicht Stand, seine schwachen Kräfte ermatteten nur zu bald und es mußte früh zu Bette gebracht werden. Daß der Arzt bei dem Feste nicht fehlte, bedarf wohl kaum gesagt zu werden. Der Gute war ein Freund der Darbietungen von Küche und Keller und die Tafel Friedbergs war nach beiden Seittzn hin mustergiltig. Er saß neben der Hausfrau und der Wein machte ihn noch gesprächiger als gewöhnlich. „Gott sei Dank", rief er aus, „ich bin in der Lage, wieder eine Wunderkur in mein Tagebuch einzutragen, welche sich der Ihnen jüngst erzählten würdig an die Seite stellen darf." Er lachte überlaut. „Wissen Sie," fuhr er fort, „jetzt darf ich'S Ihnen schon sagen — ich unterließ es nie, wenn ich zu Ihnen ging, beim Nachbar anzufragen, wie eS bei Ihnen eigentlich stehe. Es ist eine schreckliche Krankheit!" er schüttelte sich — „über welche wir so gut wie gar nichts wissen. Uebrigens, die heißen Dämpfe, die sind unbezahlbar. Doch nein, ich bin aufrichtig — die Natur, die Natur — die ist es, die helfen muß!" „Oder," sagte Rüben, der die Worte gehört hatte mit bedeutungsvollem Ernst, indem er mit dem Finger in die Höhe zeigte, „der dort oben —" Der Arzt zuckte mit den Achseln. „Das verstehe ich nicht," warf er gedankenlos hin, „vielleicht, daß Sie Recht haben." Es war ein acht jüdisches Freudenfest, bei welchem seine Veranlassung noch die weihevolle Stimmung steigerte, die bei jüdischen Lustbarkeiten den Frohsinn zu mildern pflegt. Der greise Rabbi hielt eine Rede, deren verhüllte Anspielung auf seinen Fall Rüben herausfühlte. Er sprach davon, daß die Wege Gottes dunkel, unerklärlich seien, und die Pflicht des Menschen sei, unentwegt zu glauben und zu hoffen. Dann wurden fromme Lieder gesungen, bei welchen sich insbesondere die „Bachurim" hervorthaten. Mitternacht war schon vorüber, als die frohe Versammlung auseinanderging. Ein jeder drängte sich vor dem Weggehen zum Hausherrn, drückte ihm herzlich warnl die Hand und