Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 77-78 (29.9.1898)
- Date
- 1898-09-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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: ■•T''." . T- 1426 Stimmen, die im Namen der Gerechtigkeit für die Unschuld des verurtheilten Kapitän Dreyfus sich erhoben, zu übertönen, zu überschreien. Die Revision des Prozesses Dreyfus muß unterbleiben, so brüllte der haßerfüllte Chorus, obwohl sich herausstellte, daß die fanatischsten Ankläger des unglücklichen Mannes, der auf der Teufelsinsel schmachtet, Esterhazy, du Paty de Clam und Henry verbrecherische Schurken waren. Wären die Antisemiten ihrer verlegenen Logik treu geblieben, so hätten sie sagen müssen: Die antisemitischen Ankläger des Juden Dreyfus sind als Schurken entlarvt worden — es ist also bewiesen, daß alle Antisemiten Schurken sind. Aber die Antisemiten sind nur unlogisch, wenn es sich um die Juden handelt und sie brachten Methode in ihren Wahnsinn, indem sie sich in dem Gedanken fanden: Die Revision darf nicht ftattfinden, denn der Jude Dreyfus muß ein Verräther sein und bleiben. Aber die Böswilligkeit sollte doch nicht triumphieren. Die Anschläge der Antisemiten, die wegen eines Juden alle verurtheilen, sind vereitelt. An dem Neujahrstage fand die Sitzung des französischen Ministerrathes statt, in welchem der erste entscheidende Schritt zur Revision geschah. Und an dem Tage, an welchem endgiltig bestimmt wird, wer leben und wer sterben, wer erniedrigt und wer erhöht, wer in seiner Heimath ruhig weilen und wer im Exile schmachten soll — am heiligen Versöhnungstage kam die Botschaft, daß die französische Regierung die Revision des Prozesses Dreyfus beschlossen habe. Der Tag des Gerichtes ist angebrochen. Aber bevor noch in einem neuerlichen Gerichtsverfahren von gerechten, unbefangenen und unbeeinflußten Richtern darüber entschieden wurde, ob Dreyfus schuldig oder unschuldig sei, hat ganz Frankreich, hat die ganze Welt die klare und unzweifelhafte Wahrheit erhalten, daß es zu mindest drei Schuldige in dieser Sache giebt — die Antisemiten sind. Eszterhüzy, du Patty de Clam und Henry, die Ankläger des Juden Dreyfus sind als Schuldige entlarvt. Ueber sie ist das Urtheil gesprochen worden, sie sind bereits erniedrigt worden und einer von ihnen hat selbst schon die Todesstrafe über sich verhängt. Der Tag des Gerichtes ist angebrochen. Möge er, so schließt die Wiener „Neuzeit" diesen Artikel, mit dem vollen Siege der Gerechten und mit der schmachvollen Niederlage der bösen Verleumder enden. Vermischtes Kapstadt. Eine neue jüdische Gemeinde ist dieser Tage in Kronstadt im Crange-Freistaat gegründet worden. Feuilleton. —dG Verkauft. Eine Erzählung aus Ungarn. 12) Von Samuel B. Rosner. Von diesem Momente an, wußte Rüben nichts mehr. Mit zurückgesunkenem Kopf, die Augen geschlossen, lag er auf dem Kanapee — der Paroxismus seiner Gefühle hatte den Höhepunkt erreicht und wurde von einer lähmenden Betäubung abgelöft . . So lag er lange Zeit, abgewendet von der Außenwelt, den Geist von einer dumpfen, verworrenen Bewußtlosigkeit umsponnen. War die Verbindung blos unterbrochen, oder gänzlich abgebrochen? Wird er den Weg aus dem finsteren Labyrinth wieder hinaussinden? . . . Plötzlich zuckte sein ganzer Körper heftig zusammen. Eine Empfindung, zunächst eine rein physische, durchfuhr ihn — ein elektrischer. Schlag, vom Scheitel ausgehend, durchdrang ihn blitzartig bis zur Sohle. Die intellektuelle Erkenntniß der Ursache erreichte erst einige Sekunden später sein Bewußtsein . . Worin bestand diese Ursache, gleichsam der elektrische Jnductor? Worte waren es. zauberhaft mächtig klingende Worte, die er vernahm — „Ihr Kind ist gerettet!" Die Denkmaschine war in einem Augenblick in Bewegung. Wer hatte das gesprochen — wer konnte das sprechen? War denn das, was einst sein Kind, seine Schulamit gewesen, nicht todt, nicht für ewig der Verwesung anheimgefallen? Welches Mittel sollte sie gerettet haben? Hatte er denn nicht Alles, Alles versucht, den Himmel und die Erde geplündert, sie verkauft — um nur ihr junges Dasein der Vernichtung zu entziehen — und alles nutzlos, vergebens? — — Hatte er nicht den letzten, matten Strahl des Lebens in ihrem glanzlosen Aug' erlöschen gesehen? Zaghaftig öffnete er den Blick, er fürchete wieder zum alten Jammer und Elend zu erwachen . . Der Arzt stand neben seiner Frau, welche die verschlungenen Hände vor die Brust pressend, den dankbaren in Thränen schwimmenden Blick nach oben richtete. Er erhob sich langsam und blickte den Arzt starr und fragend an. Dieser befühlte den Puls des Kindes, welches ruhig dalag. Der Athem ging, wenn auch noch immer rasselnd, doch um vieles leichter; ein sanftes Roth war über die fahlen Wangen gehaucht. Auf der Stirne war ein zartgekörnter, schimmernder Schweiß hervorgetreten. „Das Kind ist außer Gefahr", wiederholte der Arzt.