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Der Israelit · 1898-09-29 · Heft 77-78 (29.9.1898) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 77-78 (29.9.1898)
Date
1898-09-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1424 und es ist daher nothwendig, daß wir uns mit dieser interessanten Geschichte befassen. Im Jahre 1888 entschlossen sich — auf Ueberredung von Agenten — beiläufig 80 jüdische Familien, die sich in Konstantinopel beschäftigungslos herumtrieben, nach Argentinien auszuwandern. Sie wurden mit Hilfe der Nationalregierung nach dem gelobten Lande gebracht und kamen in Buenos-Ayres in die Hände eines Kolonisators, des Dr. Predo Palacios, der mit den Einwanderern die üblichen Kontrakte abschloß und ihnen seine Kolonie in der Provinz Santa-Fe zuwies, woselbst sich die Immigranten niederließen, um Landwirtschaft zu treiben. Zur selben Zeit hatte sich Baron Moritz Hirsch in Paris entschlossen, die durch die russische Negierung vertriebenen jüdischen Familien nach Argentinien zu bringen, welches Land in Folge seiner fruchtbaren Erde, des gesunden Klimas und seines Fortschrittes den besten Punkt für das große Unternehmen zu bilden schien. Der Anfang wurde damit gemacht, daß eine Kommission von drei Herren nach Argentinien gesendet wurde, welche die Provinzen bereiste und auch die Kolonie des Dr. Palacios — welche nur kümmerlich vegetirte — eingehend untersuchte. Auf Grund der Berichte wurde die „The Jewisli Colonisation Association“ mit einem Kapital von zwei Millionen Pfund Sterling gegründet und im Jahre 1891 in London als Aktiengesellschaft registrirt, Dr. Loewenthal, der erste Direktor, kam im Monate Mai desselben Jahres nach Buenos-Ayres, um hier Grundbesitz zu erwerben. Während diese Vorarbeiten im Gange waren, hatten die Kommissionen, welche in Europa im Jnteresie der Kolonisation tätig waren, viele Familien in Odessa und in anderen Städten versammelt und veranlaßten die Uebersührung von beiläufig lausend Personen nach Buenos-Ayres. Dieses zusammengewürfelte Volk, welches sehr viele nichtentsprechende Elemente enthielt und größtentheils weder in physischer noch in moralischer Beziehung für das schwere und mühselige Leben eines Kolonisten geeignet war, langte in Buenos-Ayres zu einem Zeitpunkte an, in welchem die Gesellschaft noch kein Stückchen Land ihr eigen nannte. Um die Masie nicht ganz verwildern zu lasten, wurde dieselbe nach Mar del Plata — dem argentinischen Ostende gebracht, wo die Hotels gerade zu jener Zeit - im Winter leer standen und vcrhältnißmäßig billig gemiethet wurden. Hier stehen wir dem ersten verhängnißvollen Fehler gegenüber. Der erste Transport war höchst unglücklich gewählt, indem nur wenige Arbeitskräfte, hingegen viele Unmündige, Alte, Kranke, Wittwen u. s. w. vorhanden waren. Angelangt, fanden sie keine Beschäftigung und wurden — selbstverständlich auf Kosten der Gesellschaft — lange Zeit hindurch verpflegt, so daß die Lust zur Arbeit, welche auch sonst nicht besonders lebhaft war, ganz und gar verloren ging. In diesem Nichtsthun, in dieser Disziplinlosigkeit und in der schlechten Wahl der Elemente sind die hauptsächlichsten Gründe jener außerordentlichen Schwierigkeiten gelegen, mit welchen die Unternehmung späterhin zu kämpfen hatte. Erft Ende des Jahres 1891 wurden die ersten Besitzungen erworben, und zwar die Kolonie des Doktor Palacios. Hierdurch wurden die freiwilligen jüdischen Kolonisten daselbst vom Untergange errettet, denn -mit den Landarbeiten nicht vertraut, hatten sich diese Leute nichts erworben und lebten im größten Jammer, sozusagen im Freien, unter den größten Entbehrungen, so daß die Kindersterblichkeit in erschreckendem Maße zunahm. Im Januar Id92 wurde ein Eampo in der Provinz Buenos-Ayres erworben, welches heute die Kolonie Mauricio bildet und einige Monate später die weitausgebreiteten Ländereien in der Provinz Entre-Rios, die größten über welche die Gesellschaft verfügt. Die Einwanderer, die in Mar del Plata ein beschauliches Leben geführt hatten, kamen aus dem Regen in die Traufe, denn auch jetzt hatten sie noch keine Beschäftigung und gingen auf dem Eampo, wo die vorbereitenden Arbeiten im Gange waren, müßig herum. Die traurigen Folgen blieben nicht aus, bald zeigte es sich, daß mit diesen schwachen, verkümmerten, faulen und undisziplinirten Masten nichts anzufangen wäre und so sah sich die Direktion gezwungen, die unfähigen Elemente zu emfernen, um wenigstens den Bestand des Unternehmens nicht zu gefährden. Fast die Hälfte der Eingewanderten wurde nach Europa oder nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika gebracht, während ein Bruchtheil in Buenos-Ayres verblieb, um dort Handel zu treiben. Die bitteren Erfahrungen hatten zur Folge, daß die Einwanderung nunmehr systematisch durchgeführt wurde. In Petersburg bildete sich eine Eentralcommission, einerseits um die Auswahl der auswandernden Elemente zu treffen, andererseits, um mit der russischen Negierung die nöthigen Verhandlungen zu leiten. Damals war man noch der Ansicht, daß es gelingen würde, im Laufe von 26 Jahren 2—3 Millionen russische Juden zu kolonisiren und die russische Negierung gewährte alle möglichen Erleichterungen, um von den unbeliebten Elementen befreit zu werden. Die Subkommissionen, welche in den verschiedenen Städten Rußlands gebildet wurden, bemühten sich unter den Bittstellenden diejenigen auszuwählen, die nicht ganz mittellos waren und auch den übrigen Bedingungen einer Kolonisation entsprachen. Alte, kranke oder kinderlose Ehegatten wurden abgewiesen,

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