Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-09-29 · Heft 77-78 (29.9.1898) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 77-78 (29.9.1898)
Date
1898-09-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448929--46835-2497164
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1423 vereint gedeihliche Frucht fürs thätige Leben zu treiben, ist die erste Bedingung, daß kein Zwiespalt in die jugendliche Brust, das kindliche Gemüthund Geistesleben sich einschleiche. Wehe ihm, wenn Schule und Haus einander entgegenarbeiten, und wenn die That hier zum Verräther an der Unterweisung dort wird. Wohl hat man sich gewöhnt, ob mit Recht oder Unrecht, soll hier nicht zur Beurtheilung gelangen, vom jüdischen Grundgesetz der Sabbatheiligung zu schweigen vor Kindern, deren Umgebung ihres wahren Judenthums mit der Sabbatheiligung sich entledigt. Aber welcher Lehrer wird es wagen, vom Verbot des „Tragens" am Sabbat den Kindern die Mittheilung vorzuenthalten, die gerade im Vertrauen darauf seinem Unterrichte anvertraut werden, daß sie alles das lernen, was den Juden zum Juden bildet, auf daß er mit Kenntniß und Streben ausgerüstet ins Leben trete, Jude zu sein und zu bleiben, mit Ueberzeugung und Muth sein Judenthum durch die That zu bekunden. Und da lernt das Kind die Mischnah : „man bläst am Rausch Haschonoh, wenn er auf einen Sabbat fällt, nicht ins Schaufor", und es lernt, man nimmt am Sukkoth, wenn er auf einen Sabbat fällt, nicht Luiow, es lernt den Grund, weil man am Sabbat nie und nichts „tragen" darf. Und das Kind kommt zu Dir, jüdischer Vater, Du rüstest Dich mit Deiner Gattin, des Kindes Mutter, Deinen Tribut der konventionellen Höflichkeit zu bringen, und Dein Kind sieht — wie Du Deine Visitenkarten an Dich nimmst, sieht, wie die Mutter, um ihren Putz vor möglicher Schädigung zu schützen, zum Schirm greift. Das naive Kind sollte da die Frage unterdrücken: „wie, Vater, ein Schaufor darf man nicht „tragen", die große mato soll man eher nicht erfüllen, als daß man das Verbot des „Tragens" übertrete, und zur Erledigung der Pflichtbesuche darf man Karten wohl „tragen"?! Lulow soll man nicht „benschen", die Sorge für seelisches Wohl unterlassen, damit man nicht „trage" — und um das Kleid zu schonen, wäre der Schirm erlaubt?! And hüte Dich, statt dieses erste Staunen zu beschwichtigen, es durch ein zweites zu erhöhen, indem Du die Zweifel zu verscheuchen wähnend antwortest, das Gesetz ist so wichtig nicht, seine Uebertretung keine schwere Sünde. Mit solchem Worte hättest Du den Keim mit der Wurzel ausgerodet, der etwa Hoffnung läßt, auf irgendwelche religiöse Zukunft Deines Kindes. Du hättest es gelehrt zu unterscheiden zwischen Gesetz und Gesetz, Grade zu vertheilen, die zu ersinnen, uns unmöglich ist. Denn das alte Wort, daß wir „den Lohn der Ausführung der einzelnen Gebote nicht kennen", heißt doch in modern rationalistischem Gewände nichts mehr und auch nichts minder, als daß uns Sinn und Zweck und Werth und Erfolg des Gehorsams im einzelnen nicht erschlossen sind und sich im einzelnen nicht ergründen lassen. Hast Du solche Aeußerung gethan, dann fürchte nicht; es bleibt die Zeit nicht aus, in der in späterem Jünglingsalter das Kind sich einlebt in den kritischen Geist seiner Zeit, und dann erinnert es sich der Worte, die aus seiner Jugendzeit aus dem Munde der väterlichen Jdealgestalt zu ihm herübertönen, dann versteht es das vorschnell unbewußt gesprochene Wort nach seiner Weise, und schmähend und schändend das Andenken des Vaters, streift der reifende Mann sein Judenihum allmählich ab. Nicht zu schwarz ist das Zukunftswerk Deiner Inkonsequenz Dir hier gezeichnet. — Inkonsequenz im eigenen Handeln und in der Erziehung liegt überall dort zu Grunde, wo ein „frommer" Vater und eine „fromme" Mutter erschreckt in hilfloser Klage die Hände ringt, ob des Erfolges ihrer Erziehungsthätigkeit. Drum laßt uns nicht gedankenlos die Feste feiern, wie sie fallen. Befolgen wie ihre Lehren, die sie, ohne zu reden, laut uns künden, dann dürfen wir in ruhigem Vertrauen auf eine frohe Hoffnung des Judenthums in Festesfreude freudig und jubelnd das Hüttenfest begehen, und im heitern Genuß der Gegenwart die Zukunft mit dem beglückenden Gedanken erwarten nH izm. Die Kolonien des Barons Hirsch. Von Friedrich Balassa. Es ist schon sehr viel über die Kolonien geschrieben und berichtet worden, welche im fernen Welttheil, in dem neuen Goldlande Argentinien durch den verstorbenen Baron Hirsch gegründet worden sind. Zumeist aber sind es tendenziöse Berichte, die uns zu Augen kommen, einerseits von interressirter Seite, rosig gefärbt, anderseits von solchen Besuchern, die eine jüdische Kolonie nicht ohne Vorurtheil zu betrachten im Stande sind und drittens, namentlich in jüngster Zeit, von den Zionisten, die das größte Interesse daran haben, nichtpalästinensische Ansiedlungen in möglichst ungünstigem Lichte erscheinen zu lassen. Anläßlich meiner Studienreise in Argentinien habe ich unter Anderem auch diese höchst interessante Niederlassung, die Ausführung eines modernen Staates sozialistischen Charakters, besucht und mich über den Zustand und die Entwicklungsfähigkeit dieser neuerzogenen Landwirthe aus eigener Anschauung unterrichtet. Die Entwicklungsgeschichte der Kolonie erklärt so Manches, was man anderen Ursachen unterschiebt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.