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Der Israelit · 1898-09-29 · Heft 77-78 (29.9.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 77-78 (29.9.1898)
Date
1898-09-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1422 wiederum nicht die Sucht zu prunken ist es, die ihn den schönsten Zweig und den „ausgesuchtesten" Apfel wählen läßt; es ist die Begeisterung für das Gesetz, die jedes Gebot ihm lieb und Werth macht, jedes Opfer gering erscheinen läßt. Aber bei aller Treue und allem Muth, bei allem Eifer und bei aller Hingabe, bei aller Bereitwilligkeit und Freigiebigkeit, allem Wissen und guten Willen — auf die eine unmerklich kleine Unbequemlichkeit kann er nicht verzichten; er kennt den Fehler und meidet ihn nicht — er entweiht den Sabbat durch die Übertretung des rrxrh mna nnwr, r,s'n oder des rrro rm* n mam wk — „er trägt am Sabbat". Wohl ist es zu begreifen, wenn jener Unwissende, der die Grenzen des Verbotes betreffs „Kaufs und Verkaufs" am Sabbat nicht kennt und nicht beachtet, seine Börse mit sich führt; wenn jener von kleinlicher Denkart Beseelte aus Furcht, es könnte jemand seine Geheimnisse enthüllen, eher das göttliche Gebot mißachtet, eher sein besseres Selbst, als seine Briefschaften etwaiger Neugier preisgiebt — aber er, der das Gesetz nach Sinn und Inhalt kennt und liebt, ehrt und bethätigt, dem keine Mühe zu groß und keine Forderung zu viel, die das Gemeinwohl des Judenthums an ihn richtet, der nichts Höheres, nichts Heiligeres mit Herz und Seele anbetet, als Tauroh und ihren Spender, er soll so wenig Selbstbeherrschung zeigen und sündigen, wo so gering der Vortheil der aus der Sünde erwächst, und anderseits so gering die Einschränkung, die die Unterlassung des Vergehens auferlegt? Doch „das Verbot ist nicht so gewichtig, die Sünde ist nicht so gewaltig!" Wie? Du könntest Dir denken, daß ein Mann mit Deiner Anschauung, im Grade Deiner Frömmigkeit Schaufor zu „hören" versäumt? Nimmer! oder das Sukkothfest ohne Lulow und Esrog begeht? Nimmer! Nun so denke doch den Gedanken durch und lasse ihn zu Deinem Herzen mit der ganzen Macht seiner Bedeutung reden! Warum denn vernahmen wir in diesem Jahre am ersten Tage des Rausch Haschonoh-Festes nicht des Schaufors Stimme, warum nimmst Du am ersten Tage des Sukkoth- Festes Dein Lulow nicht? Nun, Du weißt es, die altehrwürdige Neligionsquelle, die Mischnah, sagt es Dir: Wenn Rausch Haschonoh auf Sabbat fällt, wird nicht in's Schaufor geblasen, damit man es nicht „trage"; und es wird nicht das Lulow genommen, damit man es am Sabbat nicht „trage". Braucht Dir noch gesagt zu werden, was Du jetzt selbst siehst? Sieh, wie gewaltig das Wort der Weisen im Gesetze herrscht, daß es mit Macht die Ausführung eines Taurohgebotes hindern kann, wenn es selbst als Wächter eines Tauroh - Verbotes dasteht. Die “cn? ma» und im erscheinen Dir als unendlich mächtige Faktoren, auf denen die Grundpfeiler des jüdischen Gesetzes ruhen, und die gewaltige Geistesmacht, die sich erheben darf und rufen kann „heute nicht", sollte Deine Achtung nicht fordern dürfen, Du müßtest nicht stumm und in Ehrerbietung Dich vor ihr beugen? Oder ein anderes! Gehen wir auf die Quelle zurück! Welch größere mate kann gerade der sich denken, der am fernsten dem Gesetze steht, als einen Beitrag zum Bau der Verehrungsstätte des göttlichen Namens. Denke Dir, welche Namen mit wieviel Hunderten und Tausenden an erster Stelle auf einem Spendenverzeichniß zu einem Synagogenbau figuriren würden und denke dies verftändnißlose Staunen, wollte man sagen: „am Sabbat werden keine Gaben entgegengenommen"! Und doch durften zum ersten Bau der Gotteswohnung in der Wüste, deren erhabene Heiligkeit wohl durch keinen Tempel in der späteren Geschichte Israels überragt wurde, am Sabbat kein Beitrag gebracht werden. Und die Wichtigkeit des Verbotes zu „tragen" spräche noch nicht für sich selbst? Als ob es in den Dingen der Wahrheit darauf ankäme, wie groß die Abweichung von derselben uns erschiene! Ob die Unwahrheit im einzelnen Fall für engere oder weitere Kreise keine schlimmen Konsequenzen nach sich zieht, oder ob die Lüge ihre Netze spinnt und Existenzen vernichtet, Familien ihres Glückes beraubt, Völker aufwühlt und zum Bürgerkrieg verhetzt oder Staaten auf blutigen Schlachtgeülden in grimmer Wuth erbittert gegen einander führt; das Prinzip ist in beiden Fällen gleichmäßig verletzt! Und darin liegt der Schlüssel zu der Lösung des Räthsels. In Zeiten, in denen jeder das Gesetz „von seinem Standpunkt aus" zu betrachten sich unterfängt, da muß die Losung der Treuen sein: Konsequenz aus Prinzip! Du weißt nicht, was Bedeutung und Wichtigkeit des „Tragens" ist? — Weißt Du denn, warum Du die Speisegesetze beobachtest, warum Du Wolle und Leinen nicht zusammen gewebt und genäht auf Deinem Körper trägst? Nein? Und doch bist Du nie in. Deinem Leben von diesen Geboten abgewichen?! So laß denn auch das eine Gesetz des „Tragens" Dir eine Blüthe mehr in den Kranz flechten, mit dem Du Dein segensreiches Haupt als Gottesstreiter auf Deinem Erdenwallen dereinst wirst schmücken dürfen, wenn Du wieder heimkehrst zu Deinem König, um an den Stufen seines Thrones seinen Lohn zu empfangen. Und Du wirft in Dich gehen, bedenkst Du nur noch das eine schwerwiegende Moment. Es liegt Dir, jüdischer Vater, der Du ernstlich besorgt bist um die Erhaltung des Judenthums für die Zukunft nichts mehr'am Herzen, als die Erziehung Deiner Kinder. Und auf daß im Kinderherzen die Lehren der Er- » ziehung in harmonischer Einheit sich verbinden, um

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