Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 70 (5.9.1898)
- Date
- 1898-09-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1298 vermeintlichen semitischen Blutes betrifft, das sich in der Befähigung zu einem unrechtschaffenen Handel und verbotener Geldschäste äußern soll, so ist es eine seltsame Sache, daß man die Araber, die doch ebenso reine Semiten, wie die Juden sind, allgemein als eine sehr edle Raffe betrachtet und doch ihren nächsten Cousins, den Juden, jede Prätension zur gewöhnlichen Ehrlichkeit abspricht. Ganz ähnliche Geld- und Handelsgeschäfte, welche die semitischen Juden besorgen, sind in anderen Ländern in den Händen der arischen Armenier. In Englisch-Jndien spielen die arischen Parsen die Nach, kommen der ehemaligen Perser, ebenfalls von reinster semitischer Herkunft dieselbe Rolle. In den römischen Patriciern, die ob ihrer unerbittlichen Geld- und Bankierswirthschaft berüchtigt waren, rollte gewiß kein semitisches Blut. Aus eigener Erfahrung kann ich hinzufügen, daß ich während meiner Anwesenheit in Südungarn Gelegenheit hatte einige deutsche Städtchen kennen zu lernen, wo die arischen Connanonalen der christl. Germanen hauptsächlich von Wucher lebten, indem sie im Herbste für einen Spottpreis Mais auskauften, um ihn vor der Ernte an dieselben Bauern mit einem Nutzen von 30 bis 50 pCt. zu verkaufen. Und die letzte Schwindelaera in Frankreich war doch das Werk des erzkatholischen Herrn Bontour und Genoffen, von denen beinahe Alle Nachkommen der Helden aus den Kreuzzügen waren. In dieser Beziehung ist in der Geschichte eine spezielle Funktion der Semiten ganz und gar nicht wahrzunehmen. Wo es nur verschwenderische und leichtsinnige Gesellschaftsschichten gab, fand sich gewöhnlich eine an dere Klaffe, die daraus Nutzen zog, und wie diese beschaffen war, hing von lokalen nnb historischen Umständen, aber nicht von Raffe und Religion ab. Die Ausnützung fremden Leichtsinnes, die Jagd nach leichtem Erwerbe, das sind allgemein menschliche, nicht aber blos semitische Fehler. Aus der Geschichte geht hervor, daß die christliche Welt selbst zur heutigen Stellung der Juden beigetragen hat, so daß selbst die blutigen Verfolgungen, denen sie ausgesetzt waren, zum wichtigen Faktor in ihrer Entwickelung wurde. Wir haben also mehr als tausend Jahre angestrengt gearbeitet, um sie zu deul zu machen, was sie gegenwärtig sind, nnb jetzt bemächtigt sich unser beim Anblick des eigenen Werkes Schrecken. Bei den Juden bildet sich langsam eine Gesellschaftsschicht heraus, die sich zur größeren Verantwortlichkeit dem Lande gegenüber verpflichtet fühlt, und die sich bestrebt, ein höheres Niveau des Charakters und der Ehre zu behaupten. Diese Leute, von allen aufgeklärten Bürgern unterstützt, sollen trachten, mit vereinten Kräften einem großen Theite der Judenschaft den Uebergang zur Landwirthschaft und zum Gewerbe zu erleichtern. Polen ist das einzige Land, in welchem die Juden mehr als bloß tolerirte Ankömmlinge sein können. Schon ihre Anzahl bewirkt es, daß sie hier Wurzel fassen können und sollen. Dieselbe Erde die sie zur Zeit, als Engländer, Franzosen, Spanier und Deutsche sie vertrieben und mit Stumpf und Stiel ausrotteten, gastfreundlich aufnahm, kann ihr zweites Vaterland werden. Die gebildeten Juden sollten selbst dieses Ziel erstreben. In den Bestrebungen die obseuranzcn Bürger heran Anziehen, sollten sie selbst an der Spitze maschiren. Sie sollen selbst eine Pnrisikation der eigenen Gesellschaft durchführen, eine Amputation aller verdorrten oder faulen Zweige der antisozialen Elemente, die sich eingenistet, ausstoßen und mit der That beweisen, daß diese negativen Symptome nur eine Folge des Mißgeschickes und der Unterdrückung, aber keine angeborenen moralischen Gebrechen waren. Wenn mich jetzt Jemand fragen würde, wann die Juden sich der Ausbeutungssncht cntäußern werden, so würde ich ihm antworten: Am selben Tage und zur selben Minute an welchem wir Polen uns der Lässigkeit und des Leichtsinnes entschlagen werden. Ich glaube an die Möglichkeit einer Umwandlung unserer jüdischen Volksmaffen aus denselben Gründen, die mich zum Glauben an unsere eigene moralische Wiedergeburt veranlassen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. ck. Berlin, li.Sept. Ein deutschcksraelilischer Gemeindetag juioet am 10. und 17. n. M. in Berlin statt. Zur Berathuug steht n. A. die Veranstaltung einer Enguete über die rechtlichen Verhältnisse der jüdischen Gemeinden Deutschlands. Es sollen auch im Gemeindevorstande die nöthigen Schritte gethan werden, um die Rechte einer juristischen Person zu erlangen. O e st e r r.- U n g a r. M o u a x d; i c. Preszvurg, :>1. August. Der Schulbau für die Lehranstalten der hiesigen orthodoren israelitischen .Nultusgemeinde schreitet rasch seiner Vollendung zu. Vorgestern, lo Uhr Vormittag, wurde das Gleichenfest begangen, bei welchem der Vorstand, die Repräsentanz ilnd viele Mitglieder dieser Gemeinde anwesend waren. Bauleiter Strelinger richtete eine schwungvolle Ansprache an die Anwesenden, welche vom Vorsteher L. Gestetner in formvollendeter Rede erwidert wurde. Das erste Eljen galt unserem allgeliebten und verehrten Könige; sodann sprach Vor-