Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-09-05 · Heft 70 (5.9.1898) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 70 (5.9.1898)
Date
1898-09-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448923--46685-2497146
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXIX. Jahrgang. Seilage ju M 70 des Jtetaeltt“. Leitender Artikel. f)it innaflen Mriihen in Galizien. (Aentzerungerr hervorragender Polen nver die Juden.) Krakau, 4. Sept. (AorsctzliiijZ von N>'. 6«>>. In biefcm ganzen Biloe sehe ich nichts Außergewöhnliches oder Beängstigendes, außer unsere bodcn- und grenzenlose Indolenz. Wenn nicht unsere eigene superlative Ungeschicktheit, würde ich unsere gal,zischen Juden nicht als die Urtypen der Durchtriebenheit und des Raffinements, wofür sie gemeiniglich gehalten werden, betrachten, aber als sehr mittelmäßige Muster in der Geschäftsführung. Ihre Kunst besteht nicht in ihrer Erwerbsthätigkeit, sondern in ihrem Sparsystcme. Eine Bevölkerung von nahezu 700,000 ist nicht im Stande jährlich mehr als einige Millionen zu ersparen. Das soll ein Beweis ihres Raffinements sein. Wie soll man also die Franzosen oder Engländer heißen, die jährlich ca. 100 Gulden per Kopf ersparen? Rur im Vergleich mit unserer Indolenz kann man dies Durchtriebenheit nennen. Das Schicksal einer Bevölkerung von Ö Millionen, die den ganzen Grund und Boden besitzt, die alle Aemter und Würden bekleidet, soll deßhalb bedroht sein, weil die Juden jährlich einige Millionen ersparen! Wenn wir mit all unseren Mitteln außer Stande sind mit ihnen gleichen Schritt zu halten und sie noch zu überflügeln, so verdienen wir mit Stumpf und Stiel ausgerottet zu werden. Wenn wir es nicht mit unseren Juden, aber mit einer wirklich raffinirten, energischen und erpansirten Nation zu thun hätten, wenn wir unter uns 700,000 Schotten oder Jankees, Völker der angestrengten Arbeit und kühnen Unternehmungsgeistes hätte, so hätten uns diese Ankömmlinge mit Haut und Haaren aufgegessen. Und statt die Schuld in unserer eigenen Indolenz und in unserem Leichtsinn zu suchen, sollen wir die Achtung der menschlichen Rechte aufgeben? Statt des Evangeliums der Billigkeit, Gerechtigkeit und der Arbeit, sollen wir ein Evangelium des Rassenhasses, der religiösen Intoleranz und der legalen Prellereien, die jene Apostel von der korumpirtislen Stimmung eines Nachbarreiches, das einst das gebildetste in Europa war, irregeführt, verkünden? Um sich vor dem Aufgebote der eigenen Kräfte behufs Erlangung von jährlich vier Millionen, die Hälfte besten, was wir jährlich in Cigarren und Tabak in Rauch aufgehen lasten, zu bewahren, sollen wir jene Grundsätze der Menschlichkeit und des Edelmuthes, die in minder aufgeklärten Zeiten als jetzt, instinktiv die Leitsterne unserer Nation waren, opfern? Die ganze Gefahr von Seiten der Juden für das finanzielle Gleichgewicht ist also nicht größer als der Betrag, den die Gesellschaft durch eine Verzichtleistung auf die Hälfte der jährlich konsumirten Cigarren ersparen und kapitalisiren könnt". Das ist eine unserer kleinsten Beschwerden mtd dieser kann am leichtesten abgeholfen werden. Die fatale bureaukratische Richtung unserer ganzen Jugend, ist viel bedenklicher. Der Mangel an Muth und Wissen versperrt uns die Bahn zum Wettbewerbe auf wirthschafllichem Gebiete und hier könnten wir jährlich viel, viel mehr erwerben, als die Summe, auf welcher das ganze jüdische Uebergewicht bafirt. In Ermanglung einer entsprechenden ökonomischen Bildung, in einer Welt der Einbildung und der Schreckgespenster lebend, haben mir diese Juden, welche wir vor unseren Augen haben, zum Sündenbocke all unserer Mißerfolge und unserer eigenen Indolenz gemacht und ahnen kaum das Vorhandensein von anderen llrsachen unseres Verfalles, die tiefer liegen und auch schwerer zu beseitigen sind. Wenn man das Gespenst der jüdischen Ueberlegenheit, die nur insolange eine faktische ist, als unsere Indolenz anhält, beseitigt, können wir die Judenfrage ohne die kleinste Furcht erörtern, als könnte die weitgehendste Gerechtigkeit und Billigkeit ihnen gegenüber, für uns irgend welche drohende Consequenzen im Gefolge haben. Angesichts der deutschen Theorien, die den Rassenhaß mit einem ganzen Apparate einer unreifen Beweisführung begründen, verlohnt es sich einige Worte über die Christlich-germanischen zu sagen, die behaupten, daß die Juden, als ein Nomadenvolk nicht befähigt seien, die europäische Civilisation in sich aufzunehmen und sich zur moralischen Höhe der christlichen Germanen emporzuschwingen. Es ist sonderbar, daß Renan, unbestritten der beste Kenner des Semitismus, in seiner „Geschichte des jüdischen Volkes" eben diesen Traditionen des patriacharlisch-nomadischen Zustandes es zuschreibt, daß sich bei den Juden jene religiöse Bewegung herausbildete, die von den großen Propheten acht Jahrhunderte vor dem Stifter der christlichen Religion angefangen, — acht Jahrhunderte später zur Entstehung der christlichen Religion führte, ohne welche christliche Germanen die Werke ihrer christlichen Liebe mit dem Rainen des Christenthums nicht decken könnten. Was wieder den Einfluß des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.