Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 69 (1.9.1898)
- Date
- 1898-09-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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1294 sicht geht aber dahin, daß der Testamentsvollstrecker durch diesen auf seinen Einfluß allein zurückzuführenden Akt der Chcwra eine Art von Quittung über seine nothgedrungene Demission habe ertheilen wollen. Der geschädigte Verein hat sich bei namhaften Juristen Gutachten erbeten, ob dies neue, ihm ungünstige Testament anfechtbar sei, weil Frau Fiebermann vei Errichtung des neuen Testaments kaum noch im vollen Besitz ihrer Geisteskräfte gewesen sein soll. Da auch die Verwandten der Frau Fiebermann, erbittert darüber, daß sie zum Theil leer ausgehen, zum Theil nicht einmal die Kostbarkeiten des Nachlasses zu Taxpreisen für sich erwerben konnten, das Testament anzufechten bereit sein sollen, so ist eine Reihe von Prozeßen in Aussicht, deren mehr oder minder interessante Enthüllungen demnächst mitgetheilt werden sollen. O e ft e r r.- U n g a r. Monarchie. 8 Wien, 23. August. (Ein Erzbischof der koscher speist.) Gestern ist der hiesige Weihbischof und Titular-Erzbischof von Selimbria Dr. CarlAngerer gestorben. Derselbe war wegen seiner Judenfreundlichkeit hier bekannt und darum bei unseren Antisemiten sehr verhaßt. Derselbe pflegte in früheren Zeiten oft bei dem nun gleichfalls schon verstorbenen Baron Moritz Königswart er zu Tische geladen zu sein, und hatte der Wirth seine Freude daran, wenn er seinem ehrwürdigen Gaste solche Speisen vorsetzen konnte, daß man hätte meinen können, sie kommen aus einer christlichen Küche, während sie streng rituell zubereilet waren. Unsere antisemitischen Gemeinderäthe weigerten sich vor einigen Jahren entschieden, dem Verstorbenen, als er sein Priesterjubiläum feierte, das Ehrenbürgerrecht der Stadt zu verleihen. England.? London. Der Streit im zionistischen Lager dauert noch immer fort und hat sich jetzt auch in die Provinz verpflanzt. Den Herzlisten ist ein neuer Bundesgenosse in dem bekannten russischen Arzte, Hosrath Dembo, entstanden, der jetzt die großen Gemeinden Nordenglands bereist und die Huldigungen der Herzlisten entgegennimmt. Die Mehrzahl der Chovcvi Zion dagegen schließt sich Oberst Goldsmid und Air. Prag, ihren alten Führern, an. — In dem Standard-Theater ging am Dienstag, 9. August, eine Premiere Zola, der Wahrheitssucher von Rackaw, vor vollbesetztem Hause in Scene. Das Stück ist im Jargon geschrieben für die in London ansässigen russischen Juden und hat deren größten Beifall gefunden. Es ist indeß in der Thal ein ganz bedeutendes Werk, das sich weit über die gewöhnliche Höhe der Jargvndramen erhebt und den Beifall voll verdient, der ihm zu Theil wird.? London. Ein Correspondent der „Times," der jetzt Bosnien bereist, berichtet über die dortigen Juden Folgendes: Die spanischen Juden, welche hierher im 10. Jahrhundert einwanderten, bilden in Serajewo eine recht beträchtliche Gemeinde. Sie stehen vollkommen auf demselben Fuß, wie die anderen religiösen Gemeinschaften und bei den Festen, die Madame Kallay, die Frau des Statthalters gibt, sieht man neben einander bie Geistlichen aller Religionen, den Oberrabbiner Seite an Seite mit den Hochwürdenträgeru der Griechisch-Orthodoxen, Katholiken und Muhamedaner.? London. Die Zuschauer im Jargontheater hatten am 14. August Gelegenheit ein Theaterstück Faigele von dem Verfasser des „Kapitän Dreyfuß" zu hören, das Anspruch machen kann, als ein ernstes Kunstwerk behandelt zu werden. Nur feine ungenügende Kenntniß des Englischen hindert den Verfasser Mr. Rackow auf großen englischen Theatern sich Erfolge zu erwerben. Rußland.? St. Petersburg. Die Kommission für die Zulasiung von Juden in Nischnei-Nowgorod hat bisher von etwa 2000 Gesuchen 1200 angenommen, den Rest ablehnend erledigt. Eine Streitfrage war die Zulasiung der jüdischen Schauspieler und Artisten zur Meßzeit; erst wollte man ablehnend entscheiden, allein alle Theaterdirektoren erklärten, dann ihr Theater resp. Circus schließen zu müsien, denn ohne die jüdischen Künstler seien sie außer Stande ein Ensemble zu bilden. — Ju Jaruga leben 33 jüdische Familien, die seit 1872 von der Negierung Land gepachtet haben und dort Wein bauen. In diesem Jahre ist aber die Ecnte total verhagelt, so daß die armen Leute vor völligem Ruin standen. Da traf die Baronin v. Hirsch als Helferin in der Roth ein und bewilligte den jüdischen Bauern von Tarugaein Darlehen von 5000 Rubel, das in kleinen Raten von 1901 an zurückgezahlt werden soll. — In Warschau und Lodz werden je eine jüdische Mädchenschule mit Erlaubniß der Behörde neu gegründet. In Odessa ist soeben ein Buch erschienen in hebräischer Sprache, in dem ein Herr Beilenson den Nachweis Vorbringen will, daß er von Jehuda Hanassi abstammt, also von König David, und daß ihm der Thron in dem neu gegründeten Reich Israel gebührt. 8 Derbent, am Kaspisee. An dem westlichen Ufer des Kaspisees - - das östliche Ufer bildet bekanntlich eine Sandwüste und ist daher fast gänzlich unbewohnt — wohnen schon seit Jahrhunderten zweierlei Juden, persische und russische, die sich nicht nur in der Sprache, sondern auch in ihrer Tracht, ihrer Lebensweise und in ihrem Ritus streng von einander unterscheiden. Dazu kommt auch noch der