Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 69 (1.9.1898)
- Date
- 1898-09-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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'•TV7-'-' ' ‘w r* ' ' - ~C - - 1286 Prediger zu erschwingen. Dieses Mißverhältniß zwischen Wollen und Können führte dazu, daß die „Engagementsverhandlungen" mit einem geeigneten Kandidaten, bisweilen in höchst würdeloser Weise geführt wurden. Diesem Uebelstande ist nun — hoffentlich für die Dauer — dadurch ein Ende gemacht worden, daß der genannte Verband, in dessen Vorstand sich auch die beiden Breslauer Orisrabbinen beffnden, eine Anzahl hiesiger Rabbinatskandidaten verpflichtet hat, dieselben in angemeffener, gleichmäßiger Weise aus Vereinsmitteln honorirt und in die in Betracht kommenden Gemeinden entsendet. Wie wir hören, sollen diesesmal die Gemeinden Loewen, Loewenberg, Sagan und Winzig bedacht worden sein. — In Land eck, einem reizend gelegenen Badeorte der Grafschaft Glatz, in welchem alljährlich viele Hunderte unserer Glauöensgenoffen Heilung und Erholung suchen, wird eifrig an der Vermehrung des bereits seit einigen Jahren vorhandenen Bausonds für eine Synagoge gearbeitet. Es hat sich zu diesem Zwecke aus einigen daselbst ortsansässigen Israeliten und einer Anzahl ständiger Besucher des Bades ein Comii6 gebildet, das sich in diesen Tagen mit einem Aufrufe in den Tageszeitungen an die Oeffentlichkeit gewandt hat. An der Spitze des Comites steht der allverehrte Breslauer Rabbiner Dr. Ro sent hal' — Aus Ostrowo hören wir, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde beschlossen hat, Herrn Rabbiner Dr. S. Freund in Czarnikau zu einer Gastpredigt aufzufordern, und dem genannten Herrn für den Fall, daß er die auf ihn fallende Wahl zum Rabbiner annehme, eine Erhöhung seines Einkommens um 500 M. zugesichert worden sei. — Eine Schreckensnachricht wird aus Kozienice in Russisch-Polen gemeldet. Durch eine plötzlich ausgebrochene Feuersbrunst wurden 84 Wohnhäuser, fast ausnahmslos Israeliten gehörig, die Synagoge, die jüdische Schule und große Anzahl Stallungen und andere Gebäude eingeäschert. Die Synagoge, die vor 128 Jahren erbaut worden war. war erst vor Kurzem renovirt worden und repräsentirie einen Werth von 00,000 Rubeln. Das Elend unter unseren Glaubensgenoffen ist grenzenlos; etwa 2000 jüdische Familien sind obdachlos geworden und kämpiren im Freien. kr. Oe st er r.-Ungar. Monarchie. W. Wien, 29. August. Der Sekretär der israelittschen Cultusgemeinde, Dr. Theodor Lieben, der bekanntlich unmittelbar nach seinem im Februar dieses Jahres stattgehabten 25jährigen Amtsjubiläum von einer schweren Krankheit betroffen wurde, hat mit dem heutigen Tage wieder seine Thätigkeit begonnen, aus welchem Anlässe der Beamtenkörper der Cultusgemeinde ihrem obersten Chef herzliche Ovationen darbrachte. Secretär-Stellvertreter Dr. Adler hielt eine Ansprache, worin der großen Freude Ausdruck gegeben wurde, Dr. Lieben wieder gekräftigt und gesund zu wissen, und zum Schluffe sprach Dr. Adler den Wunsch aus, Dr. Lieben möge noch durch viele Jahre zur Freude Aller, die ihn kennen, seines Amtes walten. Hierauf wurde Dr. Lieben auch von allen Amtsvorständen begrüßt. Frankreich. V. Paris, 29. August. Schwer geht es den „Intellektuellen" zu Herzen, daß sie sehen müssen, wie Frankreich überall auswärts an Achtung und Liebe verliert. Zunächst im Elsaß. Michael Breal widmet heute diesem Gegenstände im „Seele" einen Leitartikel, an dessen Schluffe es heißt: Als das Elsaß von Frankreich abgetrennt wurde, fühlten wir alle den grausamen Schlag, der gegen das Land geführt wurde. Indem wir an die Tausende tüchtiger, braver und aufgeweckter Männer dachten, die das Elsaß seit zweihundert Jahren Frankreich gegeben hat, sahen wir in der Zukunst eine schreckliche Lücke. Nach allen Richtungen des Lebens war das ein Verlust an Kraft und Saft. Aber da wir einen Trost suchen mußten, sagten wir uns, daß die Quelle nicht vertrocknet sei, und daß lange noch Alles, was im Elsaß Durst nach Freiheit habe. Alles, was sich vom Licht und Fortschritt angezogen fühle, den Weg nach Frankreich nehmen werde. Wir stellten uns eine Regierung vor, die, zum Beispiel sich nehmend, was die Konstituante für die Nachkommen der alten Hugenotten that, den Söhnen und Enkeln der Annexirten von 1871 die Rückkehr erleichtern werde. Wir glaubten, daß die französische Presse sich naturgemäß zum Dolmetscher dieser Gefühle machen werde. Ich sehe jetzt, daß diese Rechnung nicht stimmt. Wenn man absichtlich die elsässische Jugend entmuthigen wollte, was konnte man Wirksameres thun? Ich spreche hier nicht von den Israeliten, die von gewissen Blättern so mit Kolb beworfen werden, daß ihnen im Vergleich damit Deutschland als das Land der Toleranz erscheinen muß; aber die elsässischen Protestanten, die sehen müssen, wie Männer von der Art Scheurer-Kestner's nnd Picquart's behandelt werden, die aufrichtigen Katholiken, die das Gesetz sich nicht durch Journalisten ohne Ueberzeugung und Gewissen vorschreiben laffen wollen, werden sie wohl den Wunsch hegen, sich in unser Kampfgewühl zu stürzen? Man muß den Muth haben, diese Dinge zu sehen, wie sie sind. Das sind nicht blos tüchtige Diener, die nun für Frankreich verloren sind; in einer mehr oder minder fernen Zeit werden es auch gute Diener sein, die unsere Nachbarn gewonnen haben. Was uns vom Elsaß noch blieb, das richtet jetzt vollends zu Grunde. Eine solche Thorheit, ein solcher Mangel an wahrem Patriotismus, nach kaum dreißig Jahren,