Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 69 (1.9.1898)
- Date
- 1898-09-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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1287 schien mir nicht möglich. Ich habe das Bedürfniß gefühlt, es öffentlich zu sagen, da das Attentat täglich fortgesetzt wird, zum Skandal für Europa, zur Genuglhuung für unsere Feinde, zur Trauer für alle Franzosen, die nicht blind sind. Schweiz. Basel, 29. August. (Eine Skizze vom Congreß.) Stolz flattern in den Lüften auf dem Basler Stadlkasino die Banner in weiß und himmelblau, deren Spitzen mit dem Mogen-dowid versehen sind. Eine lebhafte Bewegung herrscht in den Straßen der Stadt, eine noch größere in den Seitengängen des Casino. Eine herzinnige Begeisterung ist selbst in den Zügen der Unbetheiligten zu lesen. Es ist ein schwellender Strom von schwärmerischer Begeisterung, welcher auch die nüchternen, nicht auf der Anschauung des Zionismus Stehenden mit sich reißt. In den Sitzungssälen herrscht reges Leben und Treiben, es wird von Morgens acht Uhr bis zwölf in die Nacht hinein gearbeitet. Unter den Delegirten befinden sich auch viele Damen, ein Beweis, daß der Zionismus auf dem Boden der Frauenemanzipation steht. Werden nun in der Sitzung mit Ernst und Würde die Tagesfrageu erledigt, hat Dr. Nordau mit seiner Rede Thränen den Augen erpreßt durch das entworfene Bild der Leiden Israels, so kann man der umsichtigen Leitung des Dr. Herzls seine Anerkennung nicht versagen. Die zwei Matadoren des Zionistenkongreffes , Dr. Nordau und Dr. Hcrzl sind wahrlich zwei imponirende Gestalten. Während Dr. Nordau mit seinem greisen Haupte, mit seinem Silberbart einen milden, vertrauenerweckenden Eindruck macht, charakterisirt Dr. Herzl mit seiner hohen, classischen Gestalt und seiner zündenden Rede den Mann der That. Auf den Wandelgängen herrscht sehr buntes Treiben; dort bietet einer Ansichtskarten des Congreffes feil, da werden Mogen-dowid und das Bild des verstorbenen Rabbi Schmuel Mohilewers verkauft. Und welche Sprache bekommt man da nicht zu hören!? Das reine Babel. Da erklären drei russische Rabbiner, daß inan an den Tagen des Zionistenkongrcffcs kein zu sagen habe, weil cs ein x“:e~ »er sei. Dort geißelt wieder ein anderer russischer Rabbiner in einem ihn umringenden Kreis diejenigen, welche sich damit entschuldigen, daß sie nicht beten, weil sie die heilige Sprache nicht verstehen. Schon das Bewußtsein, in der Sprache der Propheten, in der Sprache, in welcher unser kostbarstes Gut, die rrm geschrieben wurde, zum Allvater sprechen zu dürfen, sollte uns mit hoher Andacht erfüllen. Dort erlaubt sich ein Berliner Junge, einen Witz über eine in Nordaus Rede enthaltene Phrase. Nordau sagte nämlich: Es gibt Bauchjuden und Auchjuden, d. h. Juden, die bezüglich ihres Bauches Juden sind, auf achten, sonst nichts. Hauchjuden, die nur noch durch Hauch Juden sind. „Mäneken" — sagte da der Berliner. — „Auch bei den Zionisten gibt es solche. Die nämlich ihrem Bauche nach keine Zionisten sind, weil sie rnv'iv effen, beispielsweise Nordau und Herzl. „Was sind die Motive des Zionismus?" fragte ein christlicher Redacteur einen jüdischen Kollegen. „Ein neues Bekenntniß," war die Antwort, „für diejenigen, die die Schalheit des Reformjudenthums ihrer Väter erkannt, abersichnicht zur strengen Zucht derOrthodoxie aufschwingen können, ihnen bietet der Zionismus das Gewünschte, sie können für Zion und Judenthum schwärmen und wie Herzl am Versöhnungstag ihre Sandwiches verzehren, oder sie können wie Nordau die Erhabenheit der 613 Ge- und Verbote schildern und dabei Nichtjüdinncn heirathen." Wie wir Gesetzestreuen über diese Bewegung denken, ist schon vielfach in diesen Blättern erörtert worden. Nur der Israelit der kein auf n'ap'n hat, kann durch seine eigene Kraft eine Wandlung in Israels Leiden Hervorrufen wollen. Jedoch wollen wir der Bewegung keinesweges die Bedeutung der N'LN absprechen. Israeliten deren Herzen ganz erstarrt und verknöchert waren, die sich schämten öffentlich zu bekennen, daß sie Juden sind, die kommen schaarenweise zum Zionistenkongreß. Vielleicht werden sie narrb nbv "pna noch :rraj& mvft zurückkehren? England.? London In der vorigen Woche veranstaltete die Iewish Lad's Brigade eine Lagerübung ganz nach militärischem Zuschnitt. Die Knaben zogen hinaus nach den Hügeln Sandhills genannt, wo sie Zeltlager ausschlugen und unter Aufsicht jüdischer aktiver Offiziere des englischen Heeres alle Arten Hebungen Vornahmen, wie sie die englischen Mlliztruppen bei ihren jährlichen Lagerdiensten vornehmen müffen. Die Iewish Lad's Brigade ist bekanntlich auf Veranlaffung von Oberst Goloshmid geschaffen und hat den Zweck auf die Knaben, die ihr angehören, durch die Gewöhnung an Disziplin und durch körperliche Uebungen psychisch und physisch einzuwirken. Gegründet vor zwei Jahren mit 18 Knaben versammeite sie diesmal schon 459 junge Burschen und leistet erzieherisch sehr gute Dienste. > Vermischtem. < Ja Saloniki sind 2vJ Familien aus Larissa angcfotnmeu, die sich liier nicderlassen wallen, um den Verfolgungen der griechischen Bevölkerung zu entgehen. Es sind tüchtige Arbeiter, die ihr Brod schon finden werden: einstweilen erhielten sie von der jüdischen Gemeinde eine Geldunterstützung und von dem reichen Muhammedaner Mustapha Ariss Effendi freie Wohnungen in seinen Häusern.