Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 69 (1.9.1898)
- Date
- 1898-09-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448922--46662-2497122- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1285 t-'^t^-^ J,*;-*7_'l«’>'i.'-'- -v'T et auch im Laufe der Zeit geworden war, doch noch immer manch guten Dienst geleistet hatte. Und gerade der „Israelit" mußte es sein, der sich den Herrn Doktor vor die Klinge nahm, gerade der Israelit, das gelesenste jüdische Blatt Deutschlands und namentlich West- und Süddeutschlands, jene Gegenden, die bisher dem energischen „Sammelfleiße" der Firma „Neustadt und Sohne" ein so ertragreiches Feld geboten halten. Wirklich tragisch, höchst tragisch!! Um so größer ist natürlich die Freude gerade in orthodoxen Kreisen darüber, daß dem Herrn Neustadt endlich einmal das Handwerk gelegt werden soll, denn jetzt, wo er weiß, daß er sich gewissermaßen unter der Aufsicht des „Israelit" befindet, dürfte der Herr doch etwas strengere Selbstzucht und Selbstkritik üben. Diese Freude wird nur beeinträchtigt durch die Befürchtung, der Herr Chefredakteur werde die vielen satyrischen Feinheiten, die Ihr famoser Leitartikel neben so manchen allerdings gar nicht mißzuverstehenden Deutlichkeiten enthielt, nicht empfinden; denn Herr Dr. Louis Neustadt ist weit gröbere Kost gewöhnt, ihn hat die Natur in der That weit mehr für die Fäuste des Hausknechtes prädestinirt als für feine Nadelstiche. Ein Mann, dem in öffentlicher Versammlung (am 24. November 96) unter dem Beifall einer vielhundertköpfigen Zuhörerschaft von den ersten Männern unserer Gemeinde — dem inzwischen verstorbenen Stadtverordneten Hermann Haber und dem Herrn Amtsgerichtsrath Wöllstein — die Worte „Lügner" und „Verleumder" entgegengeschleudert wurden-, dessen Geschreibsel als „bewußte Unwahrheit" und „Schmutz" gekennzeichnet wurde, ein Mann, dessen Verhalten in einer Versammlung israelitischer Lehrer von leitender Stelle als durch parlamentarische Ausdrücke nicht charakterisirbar bezeichnet wurde — ein solcher Mensch verdient er wohl kaum, daß man Geist und Witz an ihn verschwende. Solche Gestalten discreditiren gerade die Orthodoxie, als deren Vertreter sie sich aufspielen am allermeisten und die größten Feinde des gesetzestreuen Judenthum könnten nichts Schlimmeres thun, als derartige Leute, die jede von ihnen vertretene Sache dem Fluche der Lächerlichkeit preisgeben, uns als Vorkämpfer aufstellen. Im Uebrigen kann ich Ihnen darin nicht zustimmen, wenn Sie den Herrn Chefredakteur des „Jüdischen Volksblattes" für einen unfähigen Journalisten erklären, im Gegentheil, der Herr ist sogar entschieden ein journalistisches Genie. Es genügt nämlich dem Herrn Dr. N. nicht, aus Auszügen von Programmen irgendwelcher Art, aus spaltenlanger Wiedergabe von Aufsätzen der verschiedensten Tageszeitungen, aus dem Nachdrucke des „Israelit" nur ein einziges Blatt herzustellen, o nein, sein Vaterland muß größer sein. Was wohl kein Journalist der Welt mit derartig geringem Geistesaufwand fertig bringen würde, Herr Dr. Neustadt leistet es mit größter Leichtigkeit, zwei Zeitungen bringt er auf diese Weise zustande; denn, hören und staunen Sie: das so überaus inhaltsreiche „Jüdische Volksblatt" erscheint unter dem Titel „Lehrerheim" mit ganz geringfügigen Aenderungen noch einmal und zwar als Organ des Reichsverbandes israelitischer Lehrer!! Können Sie mir jemanden nennen, der seine virtuose Handhabung der Papierscheere und des Kleisterpinsels besser fruktifizirt? Für eine Zeitung zwei Köpfe und trotzdem so kopflos! Und dabei ist Herr Dr. N. ein Mann, der — ich gebrauche seine eigenen Worte — mitten im geistigen Leben der Gegenwart steht. Folgendes pikante Histörchen, das seinerzeit in der hiesigen jüdischen Welt ungeheuere Heiterkeit erregte, und das zu bezeichnend ist, als daß ich es Ihren Lesern vorenthalten dürfte, wird Ihnen ein vollkommenes Bild von der wissenschaftlichen Bedeutung und der hohen Gelehrsamkeit des Dr. N. liefern. Herr Dr. N. ist seines Zeichens nämlich, mit Respekt sei es vermeldet, „Historiker" und hat als Resultat seiner tiefgründigen historischen Forschungen die Wissenschaft mit den Stammtafeln eines alten jüdischen Frankfurter Geschlechts beglückt. Bei seinen geneologischen Vorstudien zu diesen Stammtafeln nun passierte es ihm, daß er in den Familienregistern des Oefteren und zwar in mehreren Generationen hintereinander auf das ihm höchst räthselhafte Wort: uv'bp stieß. Ein anderer Minderbegabter Forscher hätte rathlos dagestanden, Herr Dr. Neustadt aber mit dem ihm eigenen Scharfsinn und seiner feinen historischen Spürnase vermuthete sofort, daß man es hier mit einer bis dato unbekannten Seitenlinie des Geschlechtes, mit einer Familie Schalita, zu thun habe. Seiner großartigen Entdeckung froh, ging er gerade daran, der staunenden Mitwelt seinen Fund mitzutheilen — nach einer Vision soll tatsächlich in einigen Exemplaren der Frankfurter Stammtafeln die neuendeckte Familie Schalita bereits durch den Druck verewigt sein — als sein stolzer Entdeckertraum kläglich zerstob, das räthselhafte Wort es stellte sich heraus als die Abreviatur der bekannten Wunschworte: svn b*2'.e D-sr jtkS nw, die einfach anderen Familiennamen angehängt worden war! Armer Herr Doctor! Rr. Aus Schlesien und deuNachbargevieterr. Eine höchst dankenöwerthe Einrichtung ist zu den kommenden heiligen Tagen von dem „Verbände jüdischer Gemeinden Mittel- und Niederschlesiens" getroffen worden. Es gibt in unserer Provinz eine ganze Anzahl kleiner Gemeindan, die das Bedürfniß haben, ein belehrendes und erbauendes Wort beim FesttagSgotteSdienst zu hören, die aber nicht imstande sind, aus eigenen Mitteln das Honorar für einen