Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 69 (1.9.1898)
- Date
- 1898-09-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1276 nicht an dem Wort der Bibel, daß Palästina ein Land ist, wo Milch und Honig fließt Fleiß und ehrliche Arbeit wird die Sandwüsten in blühende Gärten verwandeln. Aber wir dürfen nicht eher beginnen, als bis wir den Weg, den wir unvorgenommen, gesichert haben. Von einer Kolonisation jetzt kann nicht die Rede sein, wo das Einwanderungsverbot noch in Kraft besteht. Wir könnten uns nur einschmuggeln und das wollen wir nicht. Wir wollen mit Hilfe der Bank einen billigen Kredit schaffen, und wollen, so lange wir noch einwandern können, die jüdische Kolonisation so intensiv wie möglich betreiben. In erster Linie muß die nationale Regeneration, die Hebung des jüdischen Volksthums in die Hand genommen werden, wo Juden wohnen und wo Zionisten vorhanden sind, ohne in einen Chauvinismus zu verfallen, der ebenso lächerlich als verderblich ist. Wir wollen es dahin bringen, daß eS aufhört, daß sich der Jude seiner Abstammung schäme, und daß Eltern von Befriedigung erfüllt sind, wenn rhre Kinder keine jüdischen Gesichtszüge tragen. (Beifall) Diese Hebung des jüdischen Nationalbewußtseins kann nur auf die Weise bewerkstelligt werden, daß die Jugend sich mit der glorreichen Vergangenheit ihres Volkes vertraut macht und die edlen Vorbilder seiner Geschichte in ihren Geist aufnehmen. Wir legen den größten Werth daraus, daß der Unterricht der Jugend in jüdisch.r Geschichte und hebräischer Sprache so intensiv wie möglich betrieben wird, die hebräische Sprache, die der Heranwachsenden GtMre.tion den Schlüssel des nationalen Geistes in die Hand drückt. (Beifall.) Diese Aufgabe fallt für die Juden des Westens schwerer. Aber Großes kann überhaupt nur durch Energie und konsequente Arbeit Stande gebracht werden. Die Schulkommission hätte zur Beschaffung nützlicher Jugmdschriften in hebräischer Sprache zu sorgen. Diese Arbeit muß sich je nach den Ländern und Gesetzen verschieden gcsialten. Was den Verhältnissen des einen Landes entspricht, paßt in einem andern vielleicht nicht. Das kann ihm manchmal besonderen Schaden zufügcn: cö muß wie bei dcr Behandlung der Kranken jedesmal iudividualisirt werden. Während in Deutschland außer dem Unterricht in heb räischer Sprache, jüdische Turn- und Geselligkeits-Vereine ins Leben gerufen werden müssen, während durch Äander rabbiner das nationale Bewußtsein gehoben wird, müssen wir uns im Osten mit verschiedenen elementaren Dingen beschäftigen, mit Creicrung von Elementarschulen und Beschaffung von tüchtigen Lehrern. Wir müssen überall, wo Zionisten wohnen, für gute frische Luft in den Schulen sorgen und uns angelegen sein lassen, daß die kranke Jugend durch Gymnastik gestählt und widerstandsfähig gemacht wird. (Beifall.) Nicht am wenigsten müssen wir in die religiöse Erziehung eingreifen, wir müssen sorgen, daß der Geist nicht Überladen werde und aus die Uebung des Körpers großes Gewicht gelegt werde, größeres als auf die des Geistes (Beifall) : men» 8rrna ill corpore sano. In dieser Richtung sollen uns die Engländer als leuchtendes Vorbild dienen, denn wenn es ihnen gelungen ist in die entlegensten Gegenden der Erde zu dringen und die erste Kolonialmacht dcr Erde zu werden, so haben sie es in erster Linie dem persönlichen Muthe zu verdanken, den sie durch fleißige Leibesübung sich erworben. Auch wir müssen eine solche Geueration heranbllden, damit sie der schwierigen Aufgabe gewachsen sei. (Großer Beifall.» Im Oflln. müssen dirjenMn Acrzte, d.e Zionisten si»d, so oft, und so viel wie möglich populäre Vorträge halten und Schriften über Hygiene, über Sauberkeit und Reinheit in Haus und Herd verbreiten. Denn ich muß eingestehen, daß die breiten Schichten durch Armuth und Entbehrungen so weit gekommen sind, die Elementarvorschriften her mosaischen Reinlichkeitslehre zu vernachlässigen und Krankheiten zu Dutzenden zu züchten. Ferner müssen wir auch die Nichtzionisten durch Wort und Schreit, durch Versammlungen, zur Errichtung von Fachschulen anfeuern, und die Nationalbank so schnell wie möglich realisircn und Filialen zur Schaffung eines billigen Krebst s für Gewerbetreibende und landwirthschaftlichc Unternehmungen jeder Art eröffnen. Nun bin ich auch mit dem zweiten Thcile meiner Aufgabe fertig und ich glaube gezeigt zu haben, daß die Behandluugswei e, die wir Vorschlägen, auf rationellerer Basis beruht, als Assimilntionsversuchc und Taufe. Aus dem Gesagten geht hervor, daß wir nicht einseitig, sondern symptomatisch nach innen und außen alles thun wollen, was zu thun ist. Indem ich schließe, will ich noch die Bemerkung machen, daß das national-jüdffche Programm, wie eine wahre Erlösung gewirkt hat. Es ist kaum zu schildern, welche Bewegung wir in den breitesten Schichten des Volkes hervorgerufen haben, das muß man selber gesellen haben. Da mir für das arme Volk, das scheinbar von Gott und den Menschen verlassen ist, Arbeit wollen, so ist diese Begeisterung unser Trost und unsere Hoffnung! (Brausender Beifall!) Darauf theili Herr Dr- Friedemann mit, daß die Prüfnngscommission 18 Mandate beanstandet hat, und fordert den Kongreß auf, sich über die Gültigkeit der selben zu erklären. 14 derselben, werden für diesmal für gültig erklärt, die übrigen annullirt. Eine längere Debatte über einen Antrag auf Aenverung dcr Tagesordnung endigt mit dem Beschluß der Beibehaltung derselben, worauf die Vormittagsitzung gegen 2 Uhr geschlossen wird. Dritter Tag. Die Dienstagsitzung wird durch folgendes Referat von Herrn Dr. Wolffohn über die Kolonialbank eröffnet: Dr. W o l f s o h n. Verehrte Versammlung: Bei der Inangriffnahme eines Unternehmens ist es erstens nothwcndig, zu wissen, ob das Unternehmen auch nothwendig ist, und das zweite, ob die Möglichkeit vorhanden. das Unternehmen m'sJ Leben zu rufen Erst dann darf zur praktischen Thätigkeit geschritten werden. Auch der Eongrcß rvird diese beiden Fragen prüfen müssen, wenn Sie dem ihnen vorgelegten Bankproj kt Ihre Zustimmung geben wollen. Die erste Frage, ob die Bank für uns nothwendig. ist sehr leicht zu beantworten. Es ist selbstverständlich, daß wir, wenn wir das uns gesteckte Ziel erreichen »vollen, auch eine rein geschäftliche, kaufmännische Verwaltung haben müssen und die beste Form für eine Verwal'ung ist offenbar die einer Bank. Soll das, rvas wir hier theoretisch vorbereitcn, sollen unsere Hoffnungen sich verwirklichen, soll unser Ziel erreicht werden, dann müssen wir u»rs ein nationales Finanzinstrument schaffen und das einzig geeignete Instrument ist die jüdische Nationalbank. Das Aktionskomitee, das erst im vorigen Jahre seine Thätigkeit begonnen hat, »var sich wohl bewußt, daß auch Sie davon überzeugt sein werden. Schmieriger aber «rschcint es, den Beweis für die Möglichkeit zu liefern, Das Komitee konnte m.d durfte dein Kongreß kerne Vorlage machen, für deren Ausführbarkeit es keinen Beweis hatte. Ein altes Sprichwort sagt: Probieren geht über Studieren. Das Aktiv Skoinitee hat nach diesem Rezept verfahren und eine Probesubskriplion beschlossen, die zeigen soll, ob die Kraft, die wir dem Zioirismus zumuthcn, überschätzt worden ist oder nicht. Die Vorkonferenz in Wien, von der Ihnen schon Bericht erstattet worden ist, hat daher den Beschluß gefaßt, ohne jede neitere Vorbereitung in eine Subskription cinzuircten und zwar mit dem Modus einer lOprozentifchen Anzahlung. Eine merkwürdige Subkription wurde gegen jede gewohnte Praxis, ohne Bankiers und Finanziers, ja sogar ohne Prospekte und Statuten eingeleitct, sie hatte nur den Zweck, als Kraftprobe zu dienen und als solche hat sie sich glänzend bewährt. (Großer Beifall).