Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-09-01 · Heft 69 (1.9.1898) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 69 (1.9.1898)
Date
1898-09-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448922--46652-2497112
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXJLIX. Jahrgang. Erste Beilage M M 69 des Jferadit“. L«tt«n»«rArtir«l. Zweiter Iionistsn-Longrsß. Stenogr. Original-Bericht f. d. „Israelit". F. u. ß. Basel, 31. August. (Fortsetzung aus dem Haupiblatt.) Vorbedingung einer nationalen Entwicklung ist immer eigener Boden und eigener Erdgcruch, wie sich einer unserer verehrten Redner das letzte Jahr ausgcdrückt hat. Diesen engeren Boden besitzen alle Völker und Völkerchcn der weiten Erde mit Ausnahme des jüdischen Volkes, welches als ein Gespenst unter den lebensfreudigen Ariern herumirrt und in siinen heiligcn Büch,rn einen spärlichen (!) Ersatz für das verlorene Heil sucht. Wir müssen eigenes Land und eigenen Boden besitzen, aus dem wir wie der Riese Antäus neue Kräfte ziehen können und wenn Völkerschaften, wie Montenegriner, Rumänier, Serben die für die Kultur nichts geleistet, als besondere Nationalitäten anerkannt werden wollen, so haben die Juden, die in der Geschichte der Menschheit eine so hervorragende Rolle gespielt haben, das größte Anrecht auf eine selbstständige Entwicklung. Und wenn die holländischen Boers, die sich vor 150 Jahren angesiedelt haben, trotz ihrer mangelhaften Kultur einen.Staat zu gründen vermögen, welcher nun eine Macht ist, mit dun man rechnen muß, sollte uns, die wir mit dem ausdauernsten Fleiß eine beispiellose Bedürfnislosigkeit verbinden können, nicht eher Aehnliches gelingen? (Großer Beifall). Das Land, das wir brauchen, ist unser altes Heimathland P a l ä st i n a, mit dem wir mit tausend sichtbaren und unsichtbaren Fäden Zusammenhängen, das von einer Bevölkerung umgaben, die uns stammesverwandt ist. Wir wollen nicht den gewöhnlichen, mit Blut und Eisen gebahnten Weg gehen, wir wollen uns konzentriren, um einen einen kleinen Flecken zu finden, wo wir uns friedlich der Arbeit des Geistes und des Körpers widmen können Wir hoffen dabei auf das Wohlwollen der Negierungen, wir hoffen auf die Sympathie der edlen oberen Zehntausend der christlichen Nationen, die mit uns fühlen, und die im Namen der Gerechtigkeit uns helfen müssen. Die Aufgabe die wir uns gestellt, ist eine Ricfenaufgabe, und wir unterschätzen sie nicht Wir sind nicht zu naiv zu glauben, daß wir unser Ziel von heute auf morgen erreichen werden. Aber wir haben Geduld und danken den Ariern, dich sic uns gründlich Geduld gelehrt haben. (Heiterkeit). Aber ein zähes, zielbewußtes, methodisches Vorgehen kann uns dazu führen und das Streben und Ringen selbst ist der eiste Schritt zum Heil. (Stürmischer Beifall). Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken, wie viel mehr ein Volk, das nach Unabhängigkeit ringt. Uebrigens ist es ein absichtlich verbreiteter Jrrthum, dw uns zumuthet, in absehbarer Zeit 7 Millionen Juden aus den heiligen Boden zu verpflanzen Uns kommt es allerdings darauf an, daß wir so viel wie möglich armes Volk vom Untergang retten. Und nun komme ich auf das Punktum saliena meiner Aufgabe: Wenn die theorethtschen Erwägungen ins Praktische umzusetzen seien, welche Behandlungsweisc im Einzelnen anzuwenden sei. Vorher gestatten Sie mir kurz Bericht über unser Verhältnis zu den sogenannten Zionsfrcunden, zu den C h o w e w e - Zions-Vereinen zu geben. Mit dem unserem Volke eigenthüinlichen, grittelnden, grübelnden, haorspaltenden Verstände haben es Freund und Feind zustande gebracht, zwischen uns und den Chowewezioniften Mißhelligkeiten hervorzurufcn, wo eigentlich keine sein sollten, wo wir im Dienste für das jüdische Volk zusammen marschieren sollten. Man tat es verstanden, uns -uscheiden und uns sogar mit dem schlauen Namen: praktischen und „politischen" Zionismus getauft. Der politische Zionismus hat bisher nichts unternommen, waS nicht praktische Bedeutung gehabt hätte, während der p aktische in manchen Dingen unprakti ch vorgegangen ist und die reinste Sffyphus-Arbeit verrichtet hätte, wenn ihm nicht der politische neues Leben eingehaucht hatte. (Beifall). Unbedingt müss n wir anerkennen, daß die Chowewe- Zionisten uns die größten Dienste erwiesen haben, indem sie nur den Bewe 8 erbracht, daß der Jude, einmal aus dem Ghetto heraus, in gesunde Bedingungen versetzt, in kurzer Zeit sich häutet, und ein tüchtiger und fleißiger Mensch werden kann. Einen großen Dienst haben sie uns erwiesen, indem sie die Keimbildung eines national-jüdischen Centrums besorgten und dasselbe zum Embryo auSgebrütet haben, das schon in der Gestatt von Acker- und Weinbauern wahrzun hmen ist Das hat den allergrößten Werth; was wir aber vermissen, ist der nationale Gedanke. Die Chowewe-Zionisten in Westen haben es vermieden, diesen Gedanken hervorzuheben, das gab ihrem Werke den Anstrich eines neutralen Standpunkts, die des Ostens haben ihn auf ihre Fahne geschrieben, ihn aber bis zur Unkenntlichst't verflacht und trotz sechszehnjähriger Arbeit das Volk kühl und kalt gelassen bis ans Herz. Einen Einzelnen kann man unterstützen, ein Volk füttert man nicht mit Almosen. (Beifall.) Wir machen ihnen keine Vorwürfe. Es wäre unbillig zu verlangen, daß die edlen Männer, die so Gutes gethan, noch mehr thun sollten. Ihre Thätigkeit stört uns nicht, und daß wir uns ehrlicher Weise gegen sie verhalten, beweist die Thatsache, daß wir Zionisten, die wir früher den Chowewe angchört haben, nicht aufgehort haben unfern Beitrag zu liefern. Die gleiche Loyalität erwarten wir auch von ihnen, und wünschen, daß auch sie uns nicht stören. Seit der Zionismus ins Volk gedrungen, sind die Beiträge bedeutend gewachsen: Der Volksinstinkt scheint es besser begriffen zu haben, daß wir einem und demselben Ziele dienen müssen. — Um unser Programm nochmals zu formuliren. wiederhole ich, daß wir zwei Ziele verfolgen: Die jüdische Nation als solche wachzurufen und den größtmöglichen Theik vor dem Hungertode zu retten und einem menschenwürdigen Dasein entgegenzusühren. Teßhalb sind wir entschlossen, am vorjährigen Baseler Programm feftzuhal en und alle Kraft aufzubietcu, um für das Judenthum eine öffentlichrechtliche Heimstätte zu b. schassen- (Großer Beifall) Wie wollen durch Gründung einer jüdischen Nationalbank die Kolonisation in Palästina in große:em Stile betreiben als lis jetzt und uns nicht damit begnügen, aus den Juden einige Tausend Bauern zu machen- Mit dem ewigen „nur langsam voran" kommen wir nicht vorwärts. 16 Jabre haben wir mit dem Weinbau experementirt und den Erfolg gesehen; sollen wir aber so lange warten, ob Weizen und Roggen, oder das Zuckerrohr gedeiht? So.kommen wir nicht aus dem Experimentiren heraus- Wir zweifeln gar

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.