Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 69 (1.9.1898)
- Date
- 1898-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1271 und Eolonisationsvetemen. Verbreitung der hebräischen Sprache, Hebung des jüdischen SelbstbewnßtseinS, Grün: düng von Schulen, .Kräftigung des Leiber durch gesunde Räumlichkeiten, körperliche Hebungen und populäre Vorträge: das sind die hauptsächlichsten Postnlate des Programms, die zu unterstützen wohl recht viele, die sich nicht zur Fahne des Zionismus bekennen, von ganzem Herzen bereit sein dürften. Rede des Hrn. Prof. Dr. Mandelstani-Kierv Hochverehrte Versannulung! Im April laufenden Jahres bin ich mit dem ehrenden Aufträge betraut worden, eine Enquete über die verschiedenen Strömungen innerhalb des Zionistcnlagcrs zu veranstalten und bei den Ziouisteufrcuuden wie Zionistenfcinden, aus den dioergirenden Ansichten das Fazit zn ziehen und den Weg anzudeuten/ den wir gemeinschaftlich betreten sollten, damit wir unserem großen Ziele naher treten. Es sind hier verschiedene Berichte eingclovsin, 2 aus Deutschland, 2 aus Oesterreich. 1 aus Frankreich und 2 aus Rußland. Ich habe verschiedene geprüft, spezielle Verschiedenheiten erspäht und kann zu meiner großen Gcnugthuung erklären, daß ich in unserem Lager selbst keine irgendwie nennenswerthkn Divergenzen wahrnehmcn kann. Ich muß mich mit den uns entgegengesetzten Meinungen beschäftigen. Ich nruß die Versammlung um Nachsicht bitten, rvcnn ich als ein in der Praxis ergrauter Arzt, im Gesichtskreis meines Berufes befangen, das Problem vom ärztlichen Standpunkt betrachte. Das Judenthum ist ein von Krankheit ergriffener Organismus, zu dessen Heilung wir hier in einenr großen Eonsilium ziisammeiigctietcn sind. Das pathologische Bild hat in scharfen und k'aren Zügen ein anderer Arzt, Herr Dr. 3iorbnu, Ihnen dargrlcgt. Es handelt sich hier um ein Sicchthum, einen chronischen Marasmus, hervorgerufcn aus Mangel an Licht, frischer Luft und guter Kost. Es scheint hier nicht ein organisches Leiden vorzuliegen, welches durch methodische Behandlung vielleicht gehoben werden könnte. Dafür spricht der Umstand, daß die Juden trotz zweitausendjähriger Diaspora nicht zu Grunde gegangen sind. So wird cs meine Aufgabe, der ich die Therapie anzuderiten habe, sein, nachzuweiscn: 1) daß die Heilmethode, die bis jetzt angewandt wurde, leine rationelle war, vielmehr an die empirische Methode der Zsirzte im Mittelalter erinnert, die ohne Diagnose gegen einzelne Symptome losstcuertcn. (Assimilation rurd Taufe.) 2 daß die Heilmethode des Zionismus das Gute hat, daß sie auf ealloneller Basis, ans experimenteller Forschung und zweitansendjähriger Beobachtung beruht, und daß sie, wenn sie energisch durchgeführt wird, zur Gesundung führen kann und m u ß. Der Status präseus des Patienten ist folgender: Von den 9—1» Millionen Juden, die auf dem weiten Erdenrund wohnen, leben 7 Millionen in Rußland, Rumänien und Oesterreich. Sie b lden, wenn auch durch die Staatsgrenze geschieden, doch eine Masse, welche alle Attribute und Mcrtmale einer einzigen Nation an sich trägt, vor allem dnrch ihre gemeinsame Religion, der sie meist noch mit der alten Zähigkeit und Treue anhangen, durch eine gemeinsame Umgangssprache, einern Jargon, der mit epigrammatischer Kürze den Geist und Charakter des Volkes wieder gibt, durch eine gemeinsame schriftliche Sprache, der althcbr irischen, welche sie lesen und schreiben tonnen. Im gemeinsamen Golns sind sie alle durch die gleiche Bindesubstanz, durch Verfolgung nnd Mißhandlung fest mit einander verkettet, sie haben durch Jahrhunderte eine gemeinsame Vergangenheit im Ghetto, gemeinschaftliche Gegenwart im Ghetto, und »ine gemeinschaftliche Zukunft, eine totale Degeneration erwartet sie, wenn nicht Wandel geschaffen wird. (Beifall.) Es wäre widersinnig, behaupten zu »vollen, daß die Inden nicht eine Nation bildeten. Wer lange Zeit unter ihnen gewohnt, muß zugeben, daß der Funke des Nationalbcwußtleins, wenn auch lat»nt, doch in ihn.n steckt und daß es nur des wärmenden Sonn nstrahls bedarf, um ihn zum Feuer anftodcrn zu lassen Dieser crdlückcnden Mehrheit steht eine kleine Minderheit gegenüber, hauptsächlich in Deutschland, in Frankreich, England und Jt lien, der men durch oberflächliche Betrachti'ng kaum an'ehen kann, daß si: außer der Religion noch gemeinschaftliche Züge mit ihren östlichen Etammcsgcnassen haben. Ihre Kultur ist hoch entwickelt, aut allen Gebieten der Wissenschaft, der Kunst und des Handels wetteifern sic mit den Ariern, spreche ii^ibre Sprache in größter Vollkommenheit, sie haben ihre Sitte ganz in sick ausgenommen. Dazu k mmt der Umstand, daß sie aller der Bürgerrechte theilhastig sind, die durch die Konstitutionen gewährleistet sind, so daß die Magenfrazefür sie befriedigend oder auch unbefriedigend, wie für ihre arischen Nachbarn g>löst ist. Es scheint daher keine Veranlassung zu sein, auch hier von (iticm kranken Organismus zu sprechen. Das bilden sich auch die Juden ein, sic sagen: Wir sind Deutsche, Franzosen, Engländer, Italiener mosaischer Religion. Die besser sitnirten Inden des Ostens ahmen sic nach und wenn man sich nach den Allssagrn dieser Juden richten sollte, so gibt es eigentlich f. ine Inden mehr: höchstens 7 Millionen jütische Bettler, die zufällig den Sabbat statt des Sonntags halten, zufällig den Jargon mauscheln, was offenbar eine schlechte Gewohnheit ist nnd die zufällig unter den größten Verfolumgen zu leiden haben nnd ihrer Menschenrechte beraubt sind. Zum großen Glück für die Juden des Ostens ist diese Auffassung eine schrecklich einseitige. Was verschlägt es sich, daß die Inden des Westens schwarzen Frack und weiße Weste tragen, wenn das Kennzeichen ihrer Rasse auf ihrem Gesichte eingegraben ist, wenn ihre Nachbarn sie mit deutlichen Ripp.nstößen fühlen lassen, daß sie Fremde, Eindringlirrgc sind)' Da Hilst nichts! ob sie wollen oder nicht, sie müssen an einem Strang mit denen des Ostens ziehen, weil durch unausgesetzte Emigration immer neuer Judenstoff eindrinot. Die jüdischen Peter Schlenrihlc nröchtcn ihren Schatten im Osten los werden, sie könrrcn cs aber nicht solarrge das Judenvolk lebt und da ist. Hier aber muß ich eine Bemerkung einschKtcn, welche meiner Ueberzcugung nach als entlastendes Moment für viele gelten kann, welche glauben, daß die Assimilation endgültig die Jndensrage von der Erde schaffen wird. Diese Bestrebungen sind n cht bei allen dem Selbsterhaltungstriebe zuznschrciben, das gilt nuv für die gewöhnlichen Menschen, bei andern liegt ein viel tieferer und viel edlerer Grund vor, der im Volkscharakter und in seinem Gcmüthslebcn ruht. Es steckt etwas Mcssianisches, Kosmopolitisches in diesem Volk, welches die Nächstenliebe, die Verbrüderung aller Menschen als Nothwendigkeit empfindet. Dies sehen wir in wunderbarer Weise bei Spinoza znm Vorsch in kommen- Deshalb sehen wir seit Mendelssohn die Edelsten und Besten thätig, sich mit der dieser Rasse eigenen Leidenschaft, mit Einsetzung ihrer ganzen Kraft sich ihres eigenen Jchs zu entäußern, zu Gunsten ihrer christlichen Mitbürger und wenn der edle Gabriel Reißer zu dem Ausspruche kam, daß, wenn man ihm in der einen Hand die Emanzipation, in der anderen die Einheit Deulschlands hinhielte, er nach derjenigen, die die Einheit verspräche, greifen würde, so kann »mit sich keine größere Selbstverleugnung denken. Diese Juden sitzen die edle Arbeit fort, diese edlen Männer