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Der Israelit · 1898-08-29 · Heft 68 (29.8.1898) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 68 (29.8.1898)
Date
1898-08-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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uwpyjUL* ' J|1,IJJP|I!(JPJ(,I 1161 Leben kennt keinen Judenhaß, wohl aber züchtet ihn die Gesellschaft, die .Aahl der (Rasthöfe und Lehranstalten, die ausdrücklich Anden die Aufnahme verweigern, ergeben eine beständige Zunahme Das also ist die Lage In den Ländern des Ostens verfolgt man die Juden ohne Beschönigung in den Ländern deö Westens haßt und verfolgt man die Hilden unter heuchlerischen Vortvänden. Ueberall aber haßt und verfolgt man die Inden. Damit man uns nicht der Undankbarkeit zeihe, so wollen wir die wenigen Länder anführen, wo die Hilden nicht geplagt werden, das ist: Holland, Belgien, A t ft li e tt , die Skandinavij ch c u L ä n d e r und die freie Schweiz, (Laug anhaltender tosender Beifall.» deren köstliche Lust nns heute die Brust weitet und deren mannliafteu Söhne vorgestern Abend liier uns mit brüderlichem Zurufen ehrten, die uns bis an den Grnnd der Seele bewegten. Hier lverden untere Brüder als Bollmcnichen, als Bollbürgcr anerkannt tind nur ein niißtönender Nuf aus dem ungewaschenen Munde eines Gassenjungen erinnert sic daran, das; auch hier die Anden nicht aufgehört haben als Sonde« bestandtbeil zu gelten. Aber diese Länder, gleichsam Inseln im wilden Oeean des Antisernitismus, zählen zufainmen kaum mehr als Juden. Ich möchte ihnen nicht zu nahe treten, wenn ich behaupte, daß auch ihre (^crechtigteit auf eine scharfe Probe gestellt würde, weint bic verfolgten Anden aus anderen Ländern in großer.^ahl zn strömten. <Se!>r richtig!) Die jüdischen Gegner des Zionismus, denen wir dieses Bild der Welt vor Augen halten, können nicht leugnen, daß cs die Wirklichkeit getreu wieder gibt. Aber sie machen mit Kopf und Händen die bekannten beschwichtigenden Bewegungen und seufze»: „Ja einzelne bedauerliche Erscheinungen dürfen nicht verallgemeinert werden, der Antisemitismus ist eine häßliche sagesmode und wird vor übergehen." Wie! Ihr seht, daß die Seuche in neuen Ländern, daß sic an netten Stellen, wo man sie seit Jahrzehnten verloschen hielt, wieder aufflackert mrd ihr sprecht von vereinzelten Erscheinungen L Ahr wagt cs das rofchc Borübcrgchcn des Antisemilisiitus;n weissagen, obschon der ganze Verlauf der jüdischen Geschichte mit den Stimmen von 7<> Generationen stöhnender Juden die Lügenhaftigkeit der Weissagungen iu's Ohr schreit! Eure Prophezeiung ist nichts anders als eine Form des betrügerischen Bankerotts. «Allgemeine Znslimmmig.) Seid doch ehrlich, habt doch den Muth euerer Kaltherzigkeit, sagt doch dem jüdischen Bolle gerade heraus: „Uns geht cs leidlich, wir haben nicht zu klagen und wünschen feine Veränderungen. Ihr aber die Verfolgten, Gedemüthigtcn, Gemarterten, ihr geht uns nichts an." Hättet Ihr wenigstens die verhältnißmäßigc Anständigkeit, die wahren Beweggründe anzugeben, wir könnten Euch verzeihen,- das Iiidcnvolk würde Euch streichen aus der Rechnung und diese würde dadurch klarer Das Jüdische Volk würde erkennen, wer wirklich an der Heilung tcv tausendjährigen Leiden arbeitet und würde erkennen, daß ihr pflichtvergessene Scheinärzte seien, die sich damit begnügen dem Schwerkranken ein Schlafmittel zu reichen, damit er nicht Ähre Nachtruhe störe. Die Behandlungsweise mag bei dem Sterbenden dem nicht zu hoffen ist, eine Berechtigung baden, um ihm den Todeskampf zu erleichtern- Wir aber geben daS F u d e n t h u m noch lange nicht p c rloren- (Tosender Beifall). Wir hoffen es wieder in blühender Gesundheit daher wandeln zu sehen und gegenüber einem solchen Kranken ist die Therapie, die das Ende beschleunigen soll, ein Verbrechen- Eine Darstellung der Lage deS jüdischen Volkes wäre höchst einseitig und unvollständig, wenn sie sich darauf beschränken würde, zu zeigen wie sich die verschiedenen Völker au unfern Brüdern stellen. Ebenso wichtig wie dieses Verhältniß, ist meiner Empfindung nach, die innere Verfassung des jüdischen Volkes selbst. Der Anblick ist unerfreulich und könnte Kleinmüthigen allen (Glauben an unsere Zukunft rauben. Die erste Wirkung des Zionismus auf das jüdische Volk erweckt iu meinem Geiste die Erinnerung an gewisse Anblicke der Natur, die Ihnen alle geläufig sind. Eine Winterlandfchaft har ihre Schönheit, der eisgepanzerte Strom die Schneedecke, gibt ein düsteres Bild von Grabesruhe, von weihevoller Stimmung. Die Frühlingslandschaft hat andere Schönheiten die Felder grünen, neues Leben waltet, die Wasser murmeln. Nun aber der llebergang von dem einen zum andern: die erste Wirkung der Frühlingssonnc ist, daß sie die Winterlaudschaft zerstört, ohne sie sofort ersetzen zu können Zwischen beiden liegt ein häßlicher Zwischenraum, der unleidlich wäre, wenn die Gewißheit, daß er zu neuer Schönheit überleitet, seine Häßlichkeit nicht erträglich machen würde- Die blanke Eisdecke triibt sich zu grauem beschmutztem Eisbräu, das reine glatte Sckmcclager schmilzt und läßt bodenlosen Schlamm zurück: eine Weile ist die ganze große Landschaft eine ein» zige große Kothpfütze, bis sie sich allmälig mit Grün überzieht und sich mit bunten Blumen schmückt. Etwas ähnliches erleben wir gegegenwärtig in: Judenthum, eö gleicht sehr einer Winterlandschaft, alles war starr alles war bleich und kalt aber die reglosen Formen waren monnmental, das Bild hatte Majestät, die Majestät des Todes. Sogar unter den Juden, aber noch viel mehr unter den Ehristcn giebt es Liebhaber romantischer Anblicke, die die Poesie dieses Bildes empfinden und ihnen konnte es Entweihung scheinen, daß die Strenge dieser unbewegten Linien gelöst, daß die Einförmigkeit dieser reinen Schneedecke durch hervorbrechende Erde unterbrochen wird. Da kam der Zionimus gleich einer Frühlingsonne und begann die Eiswüste anzuglühen. (Bravo!) In den günstig gelegenen Winkeln und in den geschützten Mulden brachen sofort die Spitzen der ersten Grashälmchen, der ersten Schneeglöckchen hervor sonst weit und breit nichts alsein ungeheuerer Morast. (Sehr richtig, großer Beifall!). In diesem Hochmoor waten wir gegenwärtig in diesem Schlammboden versinken wir bei jedem Schritt bis an die Hüften, welche Widerwärtigkeit und welche Mühsal! Alle Niederträchtigkeit, welche das Iudenthum in sich schließt, die Jahrhunderte verborgen lag, treibt gegenwärtig auf der Oberfläche. Ein einziger Blick in den Kalender muß genügen, uns darüber wegzuhelsen- Wir kennen keine Entmuthigung, denn wir wissen ja. daß der Frühling ganz nahe ist «Großer Beifall-'), und daß er immer damit beginnt die peinliche Winterwelt zu versumpfen, aber nicht säumt, den Sumpf iu blühende Gefilde umzuzaubern. Der Zionismus erweckt das Iudenthum zu neuem Leben, geistig und leiblich. Aber er bewirkt auch eine scharfe Scheidung zwischen dem Lebendigen und Abgestorbenen. Erst jetzt können wir uns Rechenschaft geben, welche entsetzliche Verheerungen die IN Jahrhunderte unter uns angcrichtet: zum ersten Male seit dem Verzweislungskampf des Bar Kochba, tritt wieder mt das Iudenthum die Forderung heran, eine Gesammt-Anstrengung zu machen, der Welt z-n zeigen, wieviel es an Lebenskraft in sich schließt. Da müssen wir uns überzeugeit, daß vieles was lebendig schien, thatsächlich todt war. Viele Juden sind auch äußerlich abge fallcn. Dieser Prozentsatz hat seit der Zerstörung des zweite«: Tempels keinen Augenblick stille gestanden, ist aber in den letzten Jahrzehnten lebhafter geworden. Ungleich größer aber ist die Zahl der Inden, die über den inneren Abfall nicht klar geworden, obschon er thatsächlich stattgefunden; sie halten sich selbst und die Welt sie für Juden; sie waren Juden nur aus Gewohnheit, Bequemlichkeit, auS Geistes« trägheit- Wohl setzte sie ihr Iudenthum Verfolgungen auS, aber theils hatten sie nicht genug Ehrgefühl unter den Verfolgungen zu leiden, theils fühlten sie sich als interessantes Opfer, was kein unangenehmer Seelenzustand ist. In Stunden der Schwärinerei, glaubten sie den Dich-

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