Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 68 (29.8.1898)
- Date
- 1898-08-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1260 Gesammtheit oder nur eine Zahl von ihnen für einen jüdischen Verbrecher eingetreten wäre, niemand verurthcilt den jüdischen Verbrecher härter als der Jude, (Beifall) keine Heerde stoßt ihre räudigen Schafe so unerbittlich aus. Wir beschönigen nicht die Missetbaten, wir empören uns nur gegen die Flilde, die die Fehler eines einzelnen Juden de»' ganzen Stamme zur Last legen. Auch in dein Falle iDreysus ist es keinem Juden in der Welt in den Sinn gekommen Partei zu ergreifen, weil er Jude ist. Die Juden begannen erst aufzuhorchen, als sie beobachteten, daß der Fall eine anz andere Physionomie zeigte, wie andere Fälle wegen andesverrathes. Die Presse, welche zuerst allein Einzelheiten verössrntlichen konnte, war die antisemitische. Lange, ehe ein Urtheil geiällt war, zog sie ihre Folgerungen, sagte, das geschehe Frankreich ganz recht, wenn cs von einem jüdischen Offizier verrathen worden sei. Es war also klar, daß die Antisemiten den Fall als Angriffwaffe gegen das gesammte Judenthum verwenden wollten, und daß damit zunächst die französischen Juden aus den Offiziersstellen vertrieben werden sollten. Da das Judenthum in seiner Gesammtheit angegriffen wurde, so hätte es sich in seiner Gesammtheit lvehreu müssen, da dm französischen Juden ein Ebrenrecht entrissen umrbe, hätten sie sich wie ein Mann erheben müssen. Es geschah nichts vcn alledem. Mit Verblüffung mehr als mit Schmerz, mit Beschämung, Entrüstung sage ich das. Das französische Judenthum ließ sich sagen: Das kommt davon, wenn man Inden Offiziere werden läßt; aber es blieb stumm, that den Mund nicht auf, die Vertheidiguugörechte eine- Angeklagten zu fordern. Ja noch mehr! Als bereits deutlich wurde, „daß tut Falle Trenfus die ursprünglichen Bürgschaften der Gerechtigkeit mißachtet worden waren; daß Drenfus verurtheilt wurde, ohne daß man ihm sagte, weßhalb, selbst dann war keine jüdische Stimme zu hören die Gerechtigkeit gefordert hätte, Ehristen erfüllten diese Ehrenpflicht. Ehristen gebührt der Ruhm, für die Vertheidigung des Rechtes eingetreten zu sein. Aus uns lastet die Schmach, daß wir müßig dabei gestanden und zugesehen haben, wie die andern int .stampfe um das Recht ihre Haut zu Markt trugen (Beifall). Einzelne allerdings haben ihre Schuldigkeit gerhan, ich kann dies zur Erleichterung unseres Gewissens feststellen, — Bernhard Lazare, ein Jude (Großer Beifall), dann Bahare, Joseph Reinach, der mannhaft in die Reihe getreten. Sie retten einigermaßen die Ehre des Judentlmms, aber wie viele sind dieser wackeren Juden: Eine Hand voll, ein verschwindendes Häuflein.' Wir müssen schamrorh werdenwenn wir diese wenigen unerschrockenen mit den langen Reiheil christlicher Helden vergleichen, die Vermögen, Freiheit, bürgerliche Ehre, Lebe» für die Vertheidigung eines Rechtes eingeseht haben, das nur in einem sehr hohen, sehr ideellem Sinne ihr Recht lvar. Ich nenne einen Zola (Lang anhaltender Beifall, allgemeines Anfstehen), Pigumt, Scheurer, Trarienr, Pves Guyot; das sind einige der 'Rainen, die in der tragischen Vergangenheit unvergänglichen Ruhm erworben haben Es sind christliche Rainen, arische 'Rainen. Jüdische Rainen, die ich nicht über die Lippen bringen will, weil sie wie Schwefelr säure und Galle ans der Zunge brennen, Inden in entsetzlich großer Anzahl unter den schriftstellerischen Banditen sind es, die die Männer angesallen haben! Ein Jude lvar es. der das scheußliche Wort gesprochen- „Mag Drenfus unschuldig sein oder nicht, wir wollen nichts von ibm wissen." Da haben Sie das berühmte jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl. Das Volk, das zuerst von allen Völkern den Schrei nach Gerechtigkeit ansgestoßen hat, dessen unvergänglicher Ruhm bleiben wird, daß es zuerst seinen Gott als gerechten Gott und gerechten Richter begriffen und gepriesen hat, dieses Volk hielt sich fern von einem.stampf UMSRecht einzig, weil das Opfer der Ungerechtigkeit ein Jude wac. Ich habe genügend geschaut, um sagen zu tonnen, daß Zehntausende und Hunderttausende in heiligem Zorn entbrannt wären, wenn das, was Drenfus widerfahren, einem Zigeuner oder Lappen geschehen wäre. Weil es einem Juden zu,'.efügt wurde, begnügten sie sich bamtt, den .stopf zu schütteln illit Schlveigeu uitb überließen es Ehristen. die Lorbeeren Voltaires zu schmücken. Die Autisemiten haben von nnö eine bessere Meinung, als ivir von ihnen, sie glaubten keinen Augenblick, daß liiir beim Kamps ums Recht müßig bleiben könnten und nahmen an, daß der Jiiden An theil ein geheimer und bar um um so wirksamerer sein müsse- DaS erklärt, daß viele gutgläilbige Ehristen, nicht itttt* in Frankreich, sondern auch außerhalb von dem Bestände des jüdischen Svndikates felsenfest überzeugt sind. Dieses Märchen komiiit eben ihrem Bedürfnisse entgegen, an das jüdische Znsaiiimengehörigkeitsgefühl zu glauben. Diese antisemitische Erfindung zeigt, was unsere schlimm sten Feinde von uns erivartet haben- Wir selbst sind hinter den Erwartungen derer, die uns am meisten verachten, weit zurückgeblieben, lind so ist der tragische Fall zu einem ent setzlich genauen Maaße des Grades geworden, deu unsere Schwachheit, Stumpfheit, unsere gegcnsetrige Entfremdung erreicht hat. '.stach dem wird niemand die Lüge glauben, der Anliseiiiitismilü sei aiisgcbrochen, weil die Juden Partei ergriffen haben. Tie Wahrheit ist, daß sie nicht Partei ergriffen, daß die Juden leinen Finger rührten zur Rettung des Rechtes, bevor der Fall als Mordwaffe gegen ihre Ehre gebraucht wurde. Der A n t i s e m i t i s m » s i st nicht Folge des Falles D r e y s u s sondern U r s a ch e. Wäre er nicht vorher vorhanden ge wesen, so hätte der Verdacht gar nicht Drenfus getroffen und jedenfalls iväre die Schuld eines Einzelnen nicht zu einer aller Inden gemacht worden, die Bestrebungen hätten nicht eine wüthende Bolkslcidenfchaft erweckt. Der Fall Dreyfnö hat den Schleier wcggczogcn und verborgene Gesinnungen aufgedeckt, cs ist eiue Mahnung und Lehre den Juden, die immer noch an ihre endgültige Aufnahme in die Gemeinschaft wenigstens der Völker des Westens glauben- Das giebt ihm die große Bedeutung in der Geschichte der Menschheit und des Judenthums, uub selbst den ärmlichen Werth der Warnung, Aufklärung und Strafe, einen 'Werth, der es uns möglich inacht mit unserem unausrottbarem Optimismus sogar bei diesem Falle auszurnfen: <Mm r>u lctanvo! In England, das ich im vergangenen Fahre begeistert preisen konnte, bat die Regierung die Znstimmung des Hauses der Lords zu einem Gesetze erlangt, das mittellosen Ausländern die (Einwanderung verbietet- „Mittellose Auswanderer" ist ein Feigenblatt für das Wort Jllden, (Heiterkeit) das die englischen Staatsmänner zu nackt fanden- Das England, das bisher seinen Stolz darein gesetzt, die Zufluchtstärte aller Verfolgten zu sein, das den Hugnotten, den französischen Emigranten, den Flüchtlingen aller Länder den überall gehetzten Anarchisten Ausuabme gewährte, dies heilige Asvl der 'Menschheit, verschließt sich auf einmal gegen eine Rtenschengrnppe, gegen die Juden. Um die (Gründe zu beschönigen, sagen sie, der fremde Jude falle der Armenpflege zur Last, er nehme dein englischen Arbeiter das Brot Dies wiedersprichl sich selber; sind sie Bettler, so uelnnen sie dem Arbeiter das Brot nicht weg; arbeiten sie so erfolg reich daß sie das Brot ivegnellmen, so können sie keine Bettler sein, nichl der Armenpflege zur Last fallen «Beifall». Beide Klagen sind blose Vorwände, die fremden Juden sind keine Bettler, sondern strebsame Arbeiler, die sich selbst erhalten, diejenigen, welcher der Unterstützung bedürfen, em pfangen sie von den Stammesgeiiossen. Auch nehmen sie das Brot nicht weg, sondern schassen neue Gewerbe, die bis dahin nicht heimisch waren, und vermehren den Wobl stand des Landes. Das Gesetz gegen die mittellosen Ausländer ist also ein Simptom des larvierten Antisemitismus. Selbst die Vereinigten Saaten sind bau dieser Krankheit nicht frei geblieben. Das Gesetz, das öffentliche