Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 68 (29.8.1898)
- Date
- 1898-08-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIX. Jahrgang. Beilage M M 68 -es „Israelit". Leitender Artikel Zum }raeitcu ZiMtllcn-CvMkß. Stcn»gr. Original-Bericht f. d. „Israelit". Basel, 28. August. (Fortsetzung ans dem Hanptblatt.) Nede des Herrn Dr. Nordau. Geehrte Versammlung! "Wieder ist mir die Aufgabe geworden, eine zusammenfassende Darstelung der allgemeinen Lage des indischen Volkes zugeben, cs ist eine undankbare Aufgabe, denn sie rerurlheilt nttd) zu Wiederholungen, ich habe heute nichts wesentlich anderes zu sagen, als im vergangenen Fahre, es ist nirgends besser und on manchen Siellen schlechter geworden- In Rußland hat sich kaum etwas geändert. Tie Wirkung des Gesetzes, das die Juden aus den Schankwirthschasten verdrängt, macht sich geltend. Ter Zugang zu deu hohen Bsidungsanstalren ist in Zukunft noch mehr erschwert und verlegt. Einer der höchsten Würdenträger des Reiches hatte «ine berühmt gewordene Unterredung mit der "Abordnung eines jüdischen Wohlthäiigkeitöveieine?, in dieser^anerkann'e er die ausgezeichneten Eigenschaften unseres Ltammes mit schmeichelhaften Ausdrücken, er gab die entsetzliche Lage unserer Brüder zu und beklagte sie mit rührenden Gefühlstönen. Er gab tief bewegt der lieberzeugung Ausdruck, daß das Elend mit icdem Jahre zunehme, fügte jedoch mit ergreifendem Schmerze hinzu, die Nückficht auf das arme, wehrlose Russenvolk gestatte bei aller chiistlicher Nächstenliebe nicht den allzu gefährlich überlegenen Juden Freizügigkeit und das Recht auf Bildung zuzugestehen. In Rumänien verschloß die Regierung den Inden die Etaatsschulc. Richt nur deui Leibe sondern auch dein Geiste wollen sie die Nahrung vorentl,alten. TaS Volk, e'n Herz und eine Seele mit der Regierung plünderte und verwüstete in Bukarest und Galaz die jüdischen Läden, ich sage das Volk und nicht der Pöbel; denn unter den Angreifern befand sich ein guter Theil Hochschüler und gebildeter Bürger die bei dem Juden, dem Fremden, Einbruch aus edler Vaterlandsliebe unter den Augen der wohlwollend znseycnden Behörde verübt, die auf die edle Begeisterung des des Volkes stolz war. In Galizien brach eine weitverbreitete Volksbewegllng aus, die das Einschreiten der Truppen, Anwendung von Wasiengerralt, Verhängung des Standrecht nöthjg machten. An vi'lcn Orren wurden die Juden an Leib und «Lcele bedroht, viele verivundet, Hunderte beraubt und zu Bettlern gemacht. Aehnlich, nur in geringerem Umfange erging es in Böhmen. Rußland, Rumänien, Gak'Z'ea. nun ja das sind die llassischen Länder der Judcnnoth, es ist selbstverständlich, daß in diesen Ländern unsere Brüder verfolgt, bedroht und znrückgcdrängt werden, cs ist überflüssig das anzusühren, langweilig Einzelheiten darüber anzugeben. Tas ist der zurückgebliebene Osten, dem die Sonne der Aufklärung noch nicht tagt. Aber siche da der vorgeschrittene Westen bietet einen ganz ähnlichen Anblick. In den Ländern der höchsten Freiheit und Bildung, wo philosophische Duldung den Glaubenshaß wo Brüderlichkeit den Instinkt gegen fremde Rassen überwand, ertönt gleichfalls lustig der Ruf: Tod den Juden. Frankreich, das Frankreich der großen Umwälzung der Erklärung der Menschenrechte, das zuerst das Beispiel der gesetzlichen Gleichberechtigung der Juden gab, steht heute an der Spitze der antisemitischen Bewegung, noch nickt in den amtlichen Handlungen, noch unausgesprochen, doch darum nicht minder thatsächlich. Die Arbeit der langsamen aber sichern und unwiderstehlichen Ausschließung der Juden aus den Ehrenstellen ist in vollem Zuge. Tie Zurückdrän» gung der Juden in eine abgesonderte Stellung, die Wiederausrichtung unsichtbarer, doch sehr wirksamer Ghettomauern, wird voll Eifer in Angriff genommen. In A l g e r i e n ist die Judenverfolgung bereits weitergediehen, hier ist es nicht bei lärmenden Strassenaufzügen, Ri Beleidigung von Einzelnen, beim Einwerfen von Schaufenstern geblieben, es wurde durchgreifend geplündert und auch ein wenig gemordet. Vielfach wird die Aufhebung der Eiemieur'schen Verordnungen gefordert; und die Angebereien der Hetzpreße hat Tausende jüdischer Proletarier, hunderter kleinere Geschäftleute, ihres täglichen Brodes beraubt. Ten Anlaß diesen Ausbruches in Frankreich kennen Sie alle: Es ist der „Fall Drcyfus. Dieser Kongreß, der eine Vertretung des Judenthums in seiner Gesammtheit ist. hat keine Ursache, sich mi dem Falle selbst zu beschäftigen. Es ist keine Angelegenheit des jüdischen Volkes, sondern eine solche des französischen Volkes. Nur die ihn begleitenden Nebcnumstände berühren das jüdische Volks-Interesse. Bei diesen Nebenumständen will ich also mit Ihrer Erlaubniß kurz verweilen. Die französischen Antisemiten haben ein einfältiges Märchen von einen jüdischen Syndikat erfunden, das unbeschränkte Gelomittel auswenden soll, um eine ver» brecherische Verschwörung gegen den französischen Staat aiizuzctteln. Die Albernheit einer Beschuldigung ist leider md)‘ immer ein Grund, daß, sie keinen Glauben findet. Tie Mehrheit des französischen Volkes glaubt thatsächlich an das Märchen. Es ist deshalb nicht überflüssig, daß wir cs als das bezeichnen, was es ist: als eine thörichte, boshafte Erfindung, ein würdiges Seitcnstück zum Blutmärchen, mit a n t i s e m i t i s ch e n Lügnern polemisieren wir nicht! (Beifall.) Wo sie physisch st ä r k e r sind, können sie nur ernrorden, unsere Verachtung überwinden, können sie nicht! (Lebhafter Beifall.) Den Anständigen nntcr den leichtgläubigen und irregeleiteten Franzosen aber sagen wir: Seid versichert, daß kein Jude der Well einen Grund hat. Euch Böses zu wünschen oder zuzufügen; die Juden der meisten Länder bewahren Euch Dankbarkeit und Liebe (Bravo!) und selbst die deutschen Juden, die nicht vergessen können, daß Ihr ihrem Vatcrlande, dem sic hingebende Söhne und treue Bürger sind, feindlich gesinnt seid, selbst die Deutschen Juden überselien nicht, daß Jl>r in ruhmreichen Zeiten teurer Geschichte Leuchten der Menschheit, Führer Ihres Fortschrittes wäret: und sie gönnen Euch von Herzen Gedeihen und Wohlergehen, so lange Ihr mit Ihrem Vaterlande Friede haltet. Wenn man Franzosen, die an das Syndikat glauben, fragt, wie sie sich das vorstellen, weßhalb wohl das Syndikat dazu komme, Drevfus zu ocrtheidigen, antworten sie: „Man weiß ja welches Zusammengehörigkeitsgefühl alle Juden verknüpft. Sagen wir .von dem Zusammengehörigkeitsgefühl ein Wort. Wo hat man cs jemals erlebt, daß die Juden in ihrer