Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-08-22 · Heft 66 (22.8.1898) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 66 (22.8.1898)
Date
1898-08-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448919--46578-2497035
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1212 Vers: „And freedom shrieked when Koscinszko feil.“ „Und die Freiheit stöhnte auf, als Koscinszko fiel", zu den gewöhnlichen englischen Citaten gehört. In Galizien besteht die Mittelklasse und Intelligenz größtentheils aus Juden. Wenn Bevölkerungsausweise unserer Städte und Städtchen, trotzdem ein Uebergewicht der christlichen Einwohnerzahl verzeichnen, so hat dies seinen Grund darin, weil wir in all unseren Städten ein zahlreiches Element der Vororte haben, die politisch zur Stadt zählen, aber dem Berufe nach dem ackerbautreibenden Elemente angehören. Die Intelligenz und der christliche Mittelstand ist verhältnißmäßig wohlhabender als die entsprechende jüdische Klasse. Deshalb haben die Intelligenz und der christliche Mittelstand trotz der geringeren Anzahl mehr Totaleinkünfte als die correspondirende jüdische Intelligenz und der Mittelstand. Das stimmt mit der allgemeinen Wahrnehmung von den zahl reichen armen jüdischen Volksmassen überein. Von den Grundbesitzern abgesehen, bildet die Beamtenlaufbahn und der öffentliche Dienst mehr als die Hälfte des Einkommens des christlichen Mittelstandes, während bei den Juden in erster Reihe der Handel und dann das Gewerbe kommt. Hinsichtlich der Wohlhabenheit steht unser jüdischer Bürgerstand viel, viel tiefer als der deutsche Bürgerstand. Von dieser Seite sehe ich nichts Beängstigendes, nichts, was für die Zukunft mit einer Umwälzung des sozialen Gleichgewichtes drohen könnte. Aber in einer Beziehung hat die ärmere jüdische Bevölkerung ein Uebergewicht über die wohlhabendere christliche. Das Gros dieser Bevölkerung gehört zur Kategorie jener, die von der Hand in den Mund leben, ohne jede halbwegs ftabilisirte Existenz, sie wandelt fort am Rande des Abgrundes dahin und wenn es nur einige Tage schief geht, kann sie in diesen Abgrund stürzen, ohne sich je wieder erholen zu können. Unter dem Einstusse dieses Schreckens bildet sich ein furchtbarer Kampf ums Dasein und eine fortwährende Sorge um den nächsten Tag, was bewirkt, daß ihr vorwiegender Theil nicht bloß zu den Erwerbenden, sondern auch zu den Sparenden gehören. Die christliche Bevölkerung aber hat eine gesicherte Existenz. Der Grundbesitzer hat immer seinen Besitz und seinen Boden und kann die Folgen seines Leichtsinns auf Jahre hinausschieben und wenn eine Steigerung der Bodenpreise platzgreist, kann er sich selbst ans der größten Klemme helfen. Die Beamten beziehen feste Gehalte und nach dem Tode haben ihre Frauen und Kinder Pensionen. Deßhalb haben sie sich auch größere Bedürfnisse angeeignet und auch gesellschaftlich sind sie anspruchsvoller. In diesem Kreise macht sich der Kampf ums Dasein nicht in seiner vollen Schreckensgeftalt geltend, und man kann sie auch nicht zu den sparenden rechnen. Die Grundbesitzer haben sich schon seit Jahren daran gewöhnt mehr auszugeben, als sie einnehmen und die Beamten finden durchschnittlich kaum ihr Auslangen. Der kleinere Theil des christlichen Mittelstandes gehört zu den Erwerbenden und Sparenden, aber auch dieser Theil ist von der luxuriösen Lebensweise der Grundbesitzer und der Beamtenwelt angesteckt worden. Vorderhand will ich von der Frage der speziellen Ausbeulung und des unlauteren Geschäftsgebahrens, die man den Juden zum Vorwurfe macht, absehen. Ich werde später aus diesen Gegenstand zurückkommen, aber auch ohne diese speziellen Ursachen einer größeren Kapitalanhäufung bei den Juden, auf das Wirken der täglich wirkenden ökonomischen Faktoren Hinweisen: auf das natürliche Ergebniß der größeren Bedürfnisse der Christen und auf die größere Anzahl solcher Juden, deren gewöhnlichen Verhältnisse Sparsamkeit auferlegen. Diese Ursachen hätten ebenso gewirkt, wenn diese beiden Schichten einer Abstammung, einer Religion wären. Und o Wunder! sie reichen vollständig aus, um all diese Erscheinungen wirlhschaftlicher Natur zu erklären, zu deren Verständniß man spezielle Theorien von Rassen und Religionen ausheckte. Und ohne die semitische Raffe und ohne die jüdische Religion, hätte unter sothanen Umständen das erfolgen müssen, was wirklich erfolgte. Das heißt, das Uebergehen des Eigenth.imes von den nichtsparenden in die Hände der sparenden Klassen. Um das Uebergewicht der jüdischen Kapitalien zu erklären, genügt vollständig auf das Ueberwuchern der nichtproduktiven Carriöcen und auf die geringe Anzahl der Christen hinzumesien, welche sich produktiven Berufen widmen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Corresponvenren. Deutschland. Berlin. Charakteristisch für den Eifer, den die Juden jetzt für körperliche Uebungen an den Tag legen, ist die folgende Thatsache, die wir den Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr gegen den Antisemitismus entnehmen. Bei dem großen Hamburger Turnfest im vorigen Monat war der erste Preisträger Adolf Ftatow aus Berlin, ein Jude. Auch sein Bruder hatte einen Preis errungen und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.