Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 66 (22.8.1898)
- Date
- 1898-08-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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HXH. Jahrgang. Mögt M M 66 -es „Israelit“. Leitender Artikel. Sie lSWe» Mriihrn I« . (Aenßernngen hervorragender Polen über die Juden.) Krakau, im August. Den Judenhetzen in Galizien ist die dumpfe Stille des Ausnahmezustandes gefolgt, dafür rauscht es gewaltig im Blätterwalde. Jede Partei will ihre Hände in Unschuld waschen und beinahe in jedem Journale Galiziens begegnet man unter langen Abhandlungen über die Ilrsachen der Exzesse. Im konservativen „Czas" publicirt Graf Tarnowski, der Präsident der Krakauer Akademie der Wissenschaften, eine endlose Artikelserie über dieses Thema, er macht gar die fortschrittlichen Elemente für die Ausschreitungen verantwortlich, kann aber auch nicht umhin, seinen Parteigenosien auch einen Theil an der Schuld zuzusprechen. St. Szezeponowski, ein Führer der Liberalen, ein hervorragender Großindustrieller Galiziens, der größte Nationalökonom Polens und Herausgeber des Tageblattes „Sloro Polskie," veröffentlichte dieser Tage in seinem Organe eine Abhandlung über den Antisemitismus, die in Galizien förmlich Aussehen erregt hat. Mit Rücksicht auf die hervorragende Stellung des Verfaffers und auf den tiefernsten Ton, der aus dem Aufsätze spricht, wollen wir denselben in deutscher Übertragung in den Haupizügen reproduciren, wobei wir uns nicht verhehlen, daß speziell der deutsche Leser nicht alle Ansichten des polnischen Publieisten theilen wird. Nun lasten wir die Abhandlung folgen: „Der Antisemitisums ist ein sehr wichtiges Merkmal des Rückfalles in die Barbarei, der sich, dem Beispiele Deutschlands folgend, in der ganzen Welt vollzieht, er ist ein Theil jener geistigen Epidemie, die von Deutschland ausgehend, sich über die ganze Welt ausbreitet. Unsere Nation befindet sich in dieser Beziehung in einer totalen Ausnahmslage. Allenthalben bilden die Juden ein kleines, zerstreutes Häuflein der Einwohnerschaft, bei uns aber geben sie eine mächtige soziale Schichte mit einem eigenen nationalen Gepräge ab. Die Judenfrage gehört bei. uns zu jenen Kardinalfragen, von deren Lösung das künftige Schicksal unserer Nationalität abhängig ist. Auf dent Territorium der ehemaligen polnischen Republik zählen wir gegewärtig 20 Millionen Polen und vier Millionen Juden, das heißt mehr, als ihrer während der Unabhängigkeit Palästinas war und mehr als die Hälfte der Juden überhaupt. Ich glaube, daß die bloße Zusammenstellung dieser Ziffern schon genügt, um in vorhinein jegliche Pläne, die nicht darauf abzielen, solch ein zahlreiches und mächtiges Element der Gesammtheit anzugliedern, auszuschließen. Jndesten herrscht bei uns auch betreff dieser Lebensfrage Rathlosigkeit, Engherzigkeit und Begriffsverwirrung. Die öffentliche Meinung spiegelt sich bei uns hinsichtlich der Judenfrage in allerhand Schattirungen ab. Es gibt solche, die die Juden als ein nothwen digesUebel,das manwenigstens eindämmen muß,ansehen, eS gibt solche, die sie als ein großes Unglück, das jeder sozialen Wiedergeburt der Nation im Wege steht, betrachten. ES gibt auch solche und zu ihnen gehören Mickiewiez und Lelewel, der größte Dichter und der größte Historiker Polens, die selbst dabittere Brod der Verbannung gekostet haben und bei ihrer Umgebung selbst erproben konnten, wie viel Demüthigung die Abhängigkeit und die Verfolgung für alle schwächeren Individuen im Gefolge haben — und die von manchen negativen Seiten der Juden nicht beeinträchtigt, es giebt auch solche, sage ich, die die Anwesenheit solch zahlreicher Nachkommen des auserwählten Volkes unter uns als ein Fingerzeig der Vorsehung ansehen, als ein nothwendiges und natürliches Bündniß zweier Nationen, die in ihrer Prophetenliteratur und in der Widerstandsfähigkeit den gräßlichsten Verfolgungen gegenüber, so viel Aehnlichkeit aufweisen. Was bisher das größte Hinderniß zu einer objektiven Beurtheilung der Judenfrage abgab, ist der Umstand, daß die Juden bis dato wohl unter uns, aber nicht mit uns wohnten. Die Schuld ist eine gegenseitige: unsererseits eine nicht genügende, gesellschaftliche Toleranz für die gebildeten Juden — welche Intoleranz von der gesellschaftlichen Gleichberechtigung, deren sich die Juden schon seit hundert Jahren in den gebildeten Kreisen Deutschlands, Frankreichs und England erfreuen, absteht — und ihrerseits ein nicht ausreichendes Bestreben sich die Sprache und Literatur eines Volkes, das sie zur Zeit, als andere Nationen sie verdrängten, gastfreundlich aufnahm, anzueignen. Obwohl in den letzten Jahren große Fortschritte zu verzeichnen sind, bekennen sich doch zu wenig Juden zum Polenthum. Und doch gertren sich unsere Inden im Auslande, in England und Amerika, als Polen, selbst wenn sie kein-Wort polnisch sprechen, so daß der " englische und amerikanische Pöbel die Polen mit den Juden ganz identificirt. Der gebildete Engländer kennt die Ode des Dichters Campbell an Polen, deren 0291