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Der Israelit · 1898-09-22 · Heft 75-76 (22.9.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 75-76 (22.9.1898)
Date
1898-09-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1403 unschuldiges Blut von Israel, daß es nicht vergossen werde?" „Ich will es abwenden," lautete die Antwort. „Wollt Ihr erwerben das Kind dieses Mannes, Schulamit baß Dina, daß es von dieser Stunde sei wie eines Eurer Kinder, auf daß es ausgche aus dem verfinsterten Zelte dieses Mannes und eingehe in Euer Zelt, welches rein ist von den Schatten des Todes?" „Ich will es erwerben." „Und Ihr, Nuwen ben Gitl,*) ich frage Euch: Wollt Ihr verkaufen diesem Weibe Euer Kind Schulamit, auf daß cs aufhöre von dieser Stunde an genannt zu werden Euer Kind und werde wie eines der Kinder dieses Weibes; aus daß es ausgehe aus Eurem verfinsterten Zelte und eingehe in das Zelt dieses Weibes, welches rein ist von den Schatten des Todes?" „Ich will es ihr verkaufen." „Amen!" Lautlose Stille entstand tvieder im Gemache, nur durch das Rascheln eines Zederkiels uilterbrocheil, der über das Papier eilte. Der Rabbi setzte in hebräischer Courrentschrift die Perkaufspakte auf und las dann dieselben laut vor. Dann schob er das Papier Rüben zu. „Besiegelt es mit Eurer Unterschrift." Rüben setzte mit zitternder Hand seinen Rainen unter das Schriftstück. „Und auch Ihr, Minjam." Mirjam setzte ihre Hornbrille auf und that mit harter Mühe, wie ihr geheißen wurde. Mit den leise gemurmelten Worten: „Hakol schorer wekajom**)" übergab der Rabbiner Mirjam das zusammengefaltcte Papier, welche es sorgsam in dem Kasten aufbewahrte. Es tag dort nicht allein; es berauben sich dort bereits einige ähnliche Dokumente über „gekaufte" Kinder und sie war auf diese Weise mit der Zeit zu einer der kinderreichsten Frauen ihrer Zeit geworden. Der Rabbi nahm nun das mitgebrachte „Tehilim" aus der Tasche ttnd beide begannen ans demsclben niit lauter, cigeuthümlich singender Stimme zu rezitieren. Der eine einen Vers, der andere einen andern. Sic sangen den Psalm 107.- .... Und sie schreien zum Herrn aus ihrer Noth Der sie reklet aus ihrer Angst .... .... Befreit sic von düsteren Todesschatten Zerreißt ihre Fesseln und Bande .... Mancher Tropfen fiel aus den Augen der Männer auf die vergilbten Blätter des Buches nieder. - Schweigend, wie sie eingetrcten waren, entfernten *1 Sohn der Gitl. **) Alles sei fest und rechtskräftig. sich die Männer dann wieder. Der Rabbiner begleitete Rüben bis m das Krankenzimmer, welches von heißem, schwer duftendem Qualm erfüllt war. Er breitete segnend die Hände über das Haupt des schwer keuchenden Kittdes und ließ sich dann neben dem Bette nieder. Er blieb lange und sprach viel von Gottvertrauen, von frommer Demuth, von der Unerforschlichkeit der göttlichen Rathschlüssc und noch viel dergleichen mehr. Ach — das läßt sich so schön sagen und so begeistert anhören, wenn man frohen Gemüthes und glücklichen Sinnes ist. Wenn aber Geist imd Herz von der Verzweiflung zerwühlt werden, wenn furchtbare Qualen die Seele zerreißen — dann lechzt sie nach Errettung, nach Hülfe und nicht nach Worten. — Die Worte des Rabbi, so treu und voll Theilnahme sie auch waren, fanden keinen Eingang in die Seele Rubens, ja sie schmerzten ihn sogar. Was gab es da zu trösten, zu beschönigen? Es war unerhört, unfaßbar schrecklich, aber es mußte sein, man konnte sich nicht helfen ... das war Alles! Wieder regte sich in ihm ein wilder finsterer Trotz und knirschend rief ein Dämon in ihm: „Wenn es doch schon vorüber wäre!" Das Gegentheil zu Rüben, welcher ganz seiner Verzweiflung hingegeben, sich ilin nichts mehr zu kümmern schien und mit einer Empfindung unnatürlicher Furcht das Kind mied, bildete Dina. Obwohl sic sich nur mit Mühe aufrecht zu erhalten vermochte, lag sie der Pflege des Kindes und der Vollführung der Anordnungen des Arztes mit demselben Ecker ob als in der ersten Stunde. Sie hatte noch nichts preisgegeben, sie war ttvch von der Hoffnung beseelt, das Kind zu retten. Keine überlaute Klage kam über ihre Lippen, kein verzweifeltes Wort; nur in ihrem Blicke lag das ganze, unaussprechliche Leid ihrer Seele. Gegen Früh geberdete sich das Kind sehr unruhig. Da es nicht mehr zu sprechen vermochte, streckte es die abgemagertcn Aermchen aus, znm Zeichen, daß es ausgenommen zu werden wünsche. Sorgsam in warme Decken gehüllt, nahm sie Dina auf die Arme. Sie erhob das entstellte, blaffe Köpfchen und ließ einen müden, glanzlosen Blick durch das Zimmer schweifen. Ach, was war das für ein Blick! Wo war die einstige, bestrickende Schönheit des Auges hingekommen? Am Tische lag eine Kipfel; das Kind streckte die Hand verlangend danach aus und man reichte sie ihr. Mit hastiger Gier nahm sie das Gebäck zum Munde, aber kaum berührte sie damit die mit Bläschen bedeckte Lippen, als sic es schmerzlich wimmernd wieder zur Erde fallen ließ. Doch lange duldete es sie auch auf den Armen der Mutter nicht, sie verlangte wieder in ein anderes Bett gelegt ju werden. Mit Grauen beobachtete Rüben das veränderte Benehmen des Kindes. Er

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