Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-08-17 · Heft 64-65 (17.8.1898) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 64-65 (17.8.1898)
Date
1898-08-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448918--46537-2496958
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1172 ohne von uns je eine Mahnung erhalten zu haben. Wir freuen uns im Gegentheil, wenn unsere Artikel auch indirekt dazu beitragen, den echtjüdischen Geist, den dieselben athmen, in uns fernerstehende Kreise zu tragen und diesen dort wieder zu erwecken. Und nach diesen Grundsätzen werden wir aud; in Zukunft handeln- Wir rechnen uns dies nicht einmal als ein besonderes Verdienst an. Jeder, der eine ihm heilige Sache mit unerschütterlicher Ueberzengung vertritt, ist glücklich darüber, wenn Andere sich seine Ansichten 311 eigen machen, unbekümmert um kleinliche Nebenumstände. Unserm Vater Abraham würde, wenn er ängstlich und engherzig in Bezug auf die Weiterverbreilung seiner „Original-Mitthcilungen" oder wie man heule sagt, seiner „Eigen-Berichte" gewesen wäre, von der Thora wohl kaum das hohe Lob gespendet worden sein, das sie mit den Worten ,->-2 ns* ausdrückt. Um so trauriger muthet es uns an, daß diese Praxis, von einigen neu entstandenen jüdischen Blättern nicht geübt wird, daß diese vielmehr sich ausschließlich von geschäftlichen Rücksichten leiten lassen. So berichteten wir vor einiger Zeit von einer jungen Berliner jüdischen Zeitung, die jahrelang unsere Originalarbeiten, mitunter große Leitartikel, zum Abdruck brachte, uns aber mit Klage drohte, weil wir eine Miltheitung aus Rußland, die uns von dritter Seite zuging, ohne Angabe der Quelle ver ösientlichten. Heute müssen wir von einem anderen Blatte erzählen, dem unbedingt die Weltmeisterschaft in Bezug auf journalistische — Kühnheit zuerkannt werden rnuß. Ein Herr D r. Lollis Neustadt in Breslau gibt seit etwas über zwei Jahren ein Blatt, das „Indische Volksblati" heraus, das wöchentlich acht Seiten stark ist. Sechs Seiten davon sind uüt dem Abdruck aus andern Blättern vielfach angesüllt. Gedruckte Rechenschaftsberichte, ganz ohne jede Rücksicht auf die religiöse Tendenz der betreffenden Institute, Auszüge aus Broschüren u. s. w. sind das Material, das diesem Herrn zur Füllung dient, die restlichen zwei Seiten enthalten meistens aus anderen Blättern abgcdrucktc Annoncen. Dieser Herr entblödet sich nun nicht, trotzdem er anhaltend unsere Artikel für sein Blatt „umarbeitet" und nufere Annoncen abdruckt,*s uns in einer Weise des Nachdrucks seiner Artikel zu bezichtigen, die Alles seither Dagewesene tief in den Schalten stellt. Es entspricht nicht unseren tlingangssorinen, in den Ton, den Herr Louis Neustadt anzuschlagen für gut findet, herabzusinken, schreckt derselbe doch sogar nicht davor zurück, unsere Leser und Abonnenten zu beschimpfen. Wir hatten schon Angriffe gegen uns abzuwehretk, deren Lektüre uns aufrichtiges Vergnügen bereiteten; das waren so seine Nadelstiche, so satyrisch-geistreiche Bemerkungen, daß daraus zu erwiederu ein Genuß mar, aber solch grobe Keulcnschläge, wie sie die schwielige Faust des Herrn Dr. Neustadt austheilt, sollte inan eigentlich durch den Hausknecht abwehren lasten. Wir wollen deßhalb nur aus die Beschuldigungen selbst, mit denen uns Herr Nellstadt beehrt, hier etwas näher eingchen. Herr Dr. Neustadt behauptet, wir *) Mau vcrgl. mifcrni Artikel über Bismarck und den Bismarck-Artikel dcS I. V., svesteü folgende Sätze: „Jüdisches Volksvlatt vom August. Ami! III Bismarcks Willen sind, Ivic in der Regel bei den großen Männern der Geschichte. zwei Perioden zu unterscheiden. Unterschiedlich anerkennend lauten die Urtheilc über seines häligkeit nach Außen, die zur Einigung der deutschen Stämme gettihrt bat. Man macht die Beobachtung in der Geschichte, daß die Kräfte eines Menschen versagen, um mit gleichem Erfolge die Geschicke eines Volkes im Innern, ivic nach Außen zu lenken. Es scheint, als wenn der Maßstab, nach welchem die Politik hier wie dort zu betreiben ist, ein anderer ist, und daß in dem Kopfe eines Menschen so veränderte Anschauungen gleichzeitig nicht Platz haben, r hatsächlich ist die innere Politik des Fürsten Visum ck, wenn man von der den formalen Ausbau des Reiches abschließenden Gesetzgebung absieht, keineswegs als eine glückliche und am allerwenigsten als eine friedliche zrr bezeichnen. — Man hat Bismarck häufig als den Vater des Antisemitismus bezeichnet n. s. w. In der gleichen Nummer findet sich auch die „Umarbeitung" der Dr. Lchmamüschen Erzählung „Rabbi Elchanon". Die Umarbeitung besteht darin, daß während bei Dr. L. das Wicdercrkcnnen durch einen hebräischen Vers, cs bei Dr. Neustadt durch einen Zug beim Schachspiel bewirkt wird. Wenn der Herr Dr. meint, daß er damit das Nachdrucksverbot umgangen, so int er sich. Die Duelle für Dr. L's. Erzählung ist ein irr Parma bcsindliches Manuseript aus denr Anfänge des 12. Jahrhunderts, ein Machsor, das diese Begebenheit irr einer ganz kurzen Anmerkung zrr einer von Rabbi Simon aus Mainz gedichteten Hymne andeutet. Die Ausschmückung ist geistiges Eigenthunr des Begründers dieses Blattes gewesen und wird durch eine Verballbornisirung oder durch eine Rückübersetzung aus dem Russischen oder Englischen durchaus kein Capergut. „Israelit" vom t. August. Es darf als bekannt vorausgesetzt rvcrdcrr rmd es i|t dies selbst von seinen Freunden schon vielfach ausgesprochen worden, daß Bismarck, so rre'dlos arich seine Erfolge irr der äußeren Politik anerkannt werden, er irr der inneren die schwersten Mißgriffe beging. Lein Fehler lag wohl darin, daß er die Mittel, die ihm in der auswärtigen Politik zn so gewaltigen und in ihren letzten Zielen so segensreichen Erfolgen oerhalfen, daß er dieselben sieggekronten Wasscn auch gegen seine eigenen Mitbürger verwenden zu dürfen glaubte. Rücksichtslosigkeit, die das Staaisinteresse gegen äußere Feinde oft gebieterisch fordert, ist gegen die gegnerischen Parteien im Innern, die ja ans Mitbürgern bestehen. sehr selten am Platz. — Während in einem k heile der deutschen Judcuhest gegen den Vater des Autisemitismus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.