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Der Israelit · 1898-08-11 · Heft 63 (11.8.1898) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 63 (11.8.1898)
Date
1898-08-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
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1160 seiner Machtentfaltung und Selbstständigkeit, sondern auch in den Zeiten der Schwäche und der drückenden Abhängigkeit, da es feine geistige Entwickelung mit Aufopferung des eigenen Selbst ununterbrochen erkaufen mußte. Ein Denker, von Dornen umwunden, ist nicht minder ehrfurchtgebietend als ein Denker, vom Lorbeer gekrönt. Die Flamlnen der Scheiterhaufen, auf denen die Märtyrer für ihre Ideen den Heldentod starben, stnd in ihrer Art ebenso überwältigend, wie die Flammen auf dem Gipfel des Sinai. Von beiden wird mit gleicher Kraft, nur auf ungleichem Wege, das Herz ergriffen, das sittliche Gefühl geweckt u. f. m." Den Gegensatz zwischen dem Hellenismus und Judenthum stellt er (auf S. 3b), wie folgt dar: „Es war keine gewöhnliche Begegnung zweier Völker, ja nicht einmal zweier Kulturen, sondern der Zusammenstoß zwischen zwei einander schroff entgegengesetzten, ja einander ausschließenden Weltanschauungen. Es war ein Zweikampf zwischen „dem Ewigen", dem Wesen, Schöpfer des Alls, dem unsichtbaren geistigen dader Menschheit auf wunderbare Weise religiössittliche Joeale offenbart hatte und zwischen Zeus, der aus dem Olymp hauste, die höchste N.rturkraft persomfizirte, ungeheure Quantitäten van Ambrosia und Necktar vertilgte und ein ziemlich liederliches Leben, sowohl auf dem Olymp als auch außerhalb desselben führte. Der Hellene und Judäer konnten sich unmöglich auf religiös-sittlichem Boden näher treten. Jener vergötterte die Natur selbst, den Körper, dieser vergötterte den Schöpfer der Natur, den göttlichen Geist. Der Hellene verehrte vornehmlich die äußere Schönheit und die physische Kraft; der Judäer verehrte die innere Schönheit und das Heldenthum des Geistes u. s. f." Die synagogale Poesie charakterisirt er auf S. 53 mit den Worten: „Statt der mannigfaltigen, lyrischen Poesie Gabirols und Halevis, die - das Wohl und Wehe nicht blos der Nation, sondern auch des Individuums besiegt, und sich in eine psychologische Analyse vertieft, dringen jetzt an unser Ohr die wehmüthigen, herzzerreißenden Töne der synagogalen Poesie, die markerschütternden Stoßseufzer, die der gepreßten Brust des todtgehetzten Volkes sich entringen, die fchwermüthigen und jammererfüllten Gebete, die so oft die morschen Wände 'der mittelalterlichen Synagogen in den Augenblicken erschütterten, da sie von Betenden gefüllt, von den entmenschten Kreuzfahrern in Brand gesteckt wurden. Ein gewaltiger Akkord hallt aus dieser Poesie wieder: Noritnii te salutantl" Der Kürze des Raumes halber müssen wir uns leider versagen, weitere Proben anzuführen und müssen aus das Buch selbst verweisen. Heben wir nur noch einige Einzelheiten hervor. S. 58 heißt es von der „Commenratorenschule der Tosaphisten," daß sie „durch ihre kleinlichen Grübeleien und kasuistischen Silbenstechereien das talmudische Schrlftthum lediglich verwickelter und unverständlicher gemacht hätten." Dieses Urtheil im Munde eines Mannes, der die Toßaphot sicherlich genau kennt, ist recht auffällig. Zunächst sind die Toßaphot keine Commentare, sondern Fortsetzungen und Weiterspinnungen der talmudischen Debatte zwecks Ermrung der Halacha für irgend einen Fall der Praxis, daher ihr Name. Conscquenter Weise hätte dann der Verfasser über den ganzen Talmud so aburtheilen müssen, denn die Toßaphot operiren mit denselben logischen Mitteln und ganz nach derselben Methode, wie die Gemara; daß die Toßaphot dabei in demselben Sinne, wie die Gemara die Mischna, auch exegetisch den Talmud beleuchtet, ist selbstverständlich. Man kann Debatten nicht weiterspinnen und fortsetzen., die man nicht verstanden hat. Eine Stütze für die Auffassung des Wortes „Toßaphot" finden wir im error: roc ecl. Berlin 1831 S. 21 in der Stelle: pov xb^ bis msmn d'ü'ive heti nee*, woraus deutlich erhellt, daß man damals Eserin und irvro als verschiedene Begriffe auffaßte. Prof. E o h n—Marburg erklärte übrigens seiner Zeit vor Gericht, daß derjenige, der keine Toßaphot verstünde, keine Seite des Talmuv richtig aufzufaffen vermöge. Und in der That ist man bei vielen Talmudstellen erst durch irgend einen Hinweis der Toßaphisten imstande, den objektiv richtigen Sinn zu ermitteln. Cf. Berachot 2 b s. V. xübn, 3a s. v. “[b irn, 3 b s. v. ron px, 5 b s. v. xn, 26 a s. v. rwx, s. v. nvbv und unzählige andere Beispiele in allen nws. Noch in einer andern Beziehung läßt der Verfasser die wünschenswerthe geschichtliche Gerechtigkeit vermissen. Bei seiner Vorliebe für die rationalistischen Strömungen und Strebungen in allen Phasen des Judenthums fehlt ihm das richtige Verständniß, die jüdische Mystik im Mittelalter nach Gebühr zu würdigen. Das Sefer Chassidim und das Nokeach-Bnch, klassische Produkte des mystisch-religiösen Geisteslebens der deutschen Juden, sieht er lediglich von abergläubischen Betrachtungen über das Jenseits angefüllt, ohne auch nur mit einem Worte zu erwähnen, daß das Judenthum nach seiner ethischen Seite nie herrlicher ausgeprägt ward, als in diesen Schriften. Es verdiente hervorgehoben zu werden, daß zur Zeit furchtbarster Judenverfolgungen diese Bücher Liebe und Gerechtigkeit auch gegen Nrchtjuden predigen. Vgl. Sefer Chassidim §. 133. Auf jedem Blatt dieser herrlichen Bücher, die an Erhabenheit der Gesinnung und Hoheit der sittlichen Forderungen ihresgleichen nur in Bibel und Talmud haben, finden sich Perlen reinster Frömmigkeit und edelster Menschenliebe. Es ist daher unmöglich zu eitiren. Heben wir nur folgendes, feinsinniges und freisinniges Geschichtchen (Sefer Chassidim § 5 und 6) hervor, das

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