Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 63 (11.8.1898)
- Date
- 1898-08-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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LLLIX. Jahrgang. Erste Krilage;u M 63 -es «Asrarkt". Leitender Slrtikel- 8tt tteuefte gesihWs-i>hiI«si»>hlslhe VerW übet Das jniüetitfyu. Von Nabb. l>i\ Max f&eevmann. Es hängt mit der relativen Jugend der modernen jüdischen Wissenschaft zusammen, daß sie nur selten zum Gegenstand der konstruktiven und philosophischen Behandlung gemacht wurde. Noch immer war der Boden der Einzelfacta zu unsicher, ganze Phasen lagen im Dunkel, wichtige Thatsachen, Fragen waren noch ungelöst, daher galt es immer als unberechtigte Kühnheit, eine systematische Darstellung des inneren Sinnes und des immanenten Gehaltes der jüdischen Geschichte zu wagen. Nur kühne Schwarmgeister ha^ r dennoch mit mehr oder minder Glück gewagt, die Fülle der Thatsachen in ein geistiges Schema zu fassen oder besser sie nach dem in ihnen schlummerndem Geiste zu befragen. Solche geschichts-philosophische Wagnisse lieferte zuerst der jüdische Magus des Nordens, der große Hamburger Chacham im biblischen Orient, ihm folgte dessen genialer Schüler Samson Raphael Hirsch, von dessen Ideen sich Grätz, der ja viele Anregungen dem Frankfurter Rabbi verdankte, in einem Artikel der Frankelschen Monatsschrift über den Joeengang der Jüd. Geschichte beeinflußt zeigt. Nun liegt wieder eine neue Construktion der jüdischen Geschichtswahrheilen vor uns, die es verdient ihren Vorgängern würdig an die Seite gestellt zu werden. Es ist die jüngst erschienene Schrift: „S. M. Dubenow. Die jüd. Geschichte, ein geschichtsphilosophischer Versuch", die uns die Verlagshandlung S. Ealvary, Berlin in autorifirtcr Uebersetzung vorlegt. Die schwere Ausgabe, die sich der Verfasser stellt, ist nach seinen eigenen Worten, die Seele der jüdischen Geschichte, wie sie im Körper der Thatsachen verdeckt ist, ihrer Hülle zu entkleiden und uns als den Gehalt vor Augen zu führen. Es handelt sich also um eine systematische Darlegung der immanenten Ideen, die unserer Geschichte zu Grunde liegen, und die sich in allen Phasen ihrer Entwickelung in ihr ausprägen. Israel ist ihm in der ersten Hälfte seiner Geschichte der Religionslehrcr, in der zweiten der Denker und Dulder und zeigt wie Israel in der ersten Hälfte seiner Geschichte aus die gläubige, und durch das gewaltige Martyrium tut Namen dieser Wahrheiten der zweiten Hälfte auch auf die denkende Menschheit herzerhebend und gemüthsveredelnd wirken muß, dann geht er zu einer philosophisch'historischen Synthese über, in der die „Grundformation" der jüdischen Geschichte ausgezeigt und philosophisch charakterisirt werden. Der ersten Phase, dem Mosaismus folgt, nach dem Verfasser, als zweite der Prophetismus; indem aber der Prophetismus, im Gegensatz zur alten Frömmigkeit, die in Opferzeremonien und im Naiional-Eult eine Hauptstütze der Religion erblickt, die religiöse Gedankenwelt aus den Fesseln der Formen und der Nationalität befreit und zum Universalismus fortführt, sei er, meint Dubnow, die Antithese des Mosaismus. Diese Anschauung des Verfassers scheitert unseres Erachtens an einer besonnenen Prüfung der Quellen. Stellen, wie JesaiaS 58 V. 8, Jeremias 17, V. 21, Ezechiel 4, V. 14, Maleachi3, B. 22 zeigen deutlich, daß die Propheten durchaus auf dem Boden des Mosaismus stehen und lediglich gegen die f a l s ch verstandene Frömmigkeit eifern. Auch die Thatsache, daß Jesaias, Ezechiel, Haggaj, Zacharja und Maleachi mit aller Kraft ihrer Beredsamkeit und aller Gluth ihrer Begeisterung für die Auferbauung des Heiligthums und die Wahrung des Opferkuttus eintreten, beweist, daß die prophetische Opposition sich nicht gegen den Tempeldienst an sich, sondern gegen dessen mißbräuchliche tteberschätzung richtet. Der Rabbinismus, der nach der Periode der Soserim, „der Schullehrer der Judenheit" den Prosetismus ablöste, zerfallt nach dem Verfasser in vier Perioden (I. in die Hegemonie der morgenländischen Juden, 11. in die Hegemonie der spanischen, III. der deutsch'polnischen Juden und IV. die Aufklärungszeit), deren charakteristische Eigenheiten in herzerfrischender Lebendigkeit dargestellt werden. Der Verfasser bekundet hierbei einen ungemein seinen psychologischen Spürsinn, und mit dessen Hilfe gelingt es tf)iu wirklich, die „Seele der jüdischen Geschichte von ihrer körperlichen Hülle zu befreien, und uns vor Augen zu führen. Der Stil, in dem dies geschieht, ist von solcher Begeisterung durchglüht, von so plastischer Anschaulichkeit und mit so geistsprühenden Apercus gewürzt, daß der Leser unwillkürlich gepackt und widerstandslos fortgerissen wird. Einige wenige Proben seien hier zur Charakterisiruug dieses Stils herausgegriffen. So schildert der Vers, die Bedeutung der zweiten Hälfte der jüdischen Geschichte, — „der Tiasporatragödie" mit den Worten (auf S.17). „Und doch ist gerade sie durch ihre ungewöhnlichen Eigenschaften und hochtragischen Züge in ganz besonderm Maße zu erbauen geeignet. Das jüdische Volk ist nicht bloß beachtenswerth in den Momenten