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Der Israelit · 1898-08-08 · Heft 62 (8.8.1898) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 62 (8.8.1898)
Date
1898-08-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1137 ganze Bittcrniß der Roth, des Hungers, der Külte, der Nahrungssorgen, der Verfolgung durch die Gläubiger bis auf die Neige ausgekoftet Hallen. Wenn es sich dabei um einen Angehörigen der „besseren Stände" handelt, so liest man dabei häufig die Bemerkung, daß die Scham ihn von der Enthüllung seiner Lage vor seinen reichen Freunden zurückgehalten und veranlaßt habe, lieber in den Tod zu gehen. Die „öffentliche Meinung" findet dies erklärlich, aber das Sprüchwort besteht ruhig weiter, daß Armuth nicht schündet. Eitel Lug und Trug! Wehe dem Armen, der, von der Noth getrieben, die Theilnahme seiner Mitmenschen anruft. Zu „fordern" hat er nicht, sondern zu bitten : Einen „Bittenden" von sich zu stoßen, oder ihm mit hartem Worte, mit unfreundlichem Blicke ein Stück Brod hinzuwerfen, das würde doch mit der vielgepriesenen „Humanität" des Culturmenschen nicht harmoniren. Aber man weiß sich zu Helsen: man nennt den „Bittenden" einen Bettler und vom Bettler zum Strolch ist nur Ein Schritt. „Solches Bettlerpack" sich vom Leibe zu halten, ist das gute Recht Aller, die sich zu der „Gesellschaft" rechnen dürfen. Der bekannte russische Minister und gefeierte Schriftsteller Tolstoi erzählt, wie er einmal an einem schwülen Sommertage mit einer großen Zahl andrer Gäste, die alle den „oberen Zehntausend" angehörten, in Genf in dem großen Hotel Diß am Ufer des Sees gesessen, und, während man sich auf den Veranden und prächtigen Vorplätzen in dem Genüsse der vom See herüberwehenden köstlich erquickenden Luft dem Scherz und Frohsinn hingab, ein Krüppel mit seinem Leierkasten vor dem Hotel auftrat und durch Spiel und Gesang das Herz der reichen Leute zu rühren und ein Almosen zu erlangen suchte. Tolstoi sagte, er habe einmal aufgemerkt, wieviele dieser „feinen" Leute sich herbeilassen würden, dem in der Hitze sich abquälenden, schwerbetroffenen Manne ein Almosen zu reichen. Nicht ein Einziger hat dies gethan! Man habe ruhig weiter gescherzt und sich amüsirt, ohne daß auch nur e i n Mensch sich um den „Bettler" gekümmert hätte. Da habe er sich in sein Tagebuch, mit dem Datum des Tages, diesen Vorfall eingeschrieben und zum dauernden Gedächtniß mit Rothstift unterstrichen. Er fügte hinzu: „O, du vielgepriesene Cultur des 19. Jahrhunderts, welch' eine erbärmliche Lüge bist du doch!" Was antwortet der Culturmensch, wenn man ihm die schnöde Verhöhnung der „Nächstenliebe" vorhält, die sich in der Behandlung der Armen, der „Bettler" zeigt? Es geht mit dem bestell Willen nicht anders, nran darf sich mit dem „Gesindel" nicht zuviel einlassen. Es sind jedoch meistens nur „Strolche", „Gauner", „Wegelagerer", die man sich vom Halse halten nmß, mit denen sich einzulaffen bedenklich und gefährlich wäre. Welches ist aber die Ursache, daß die Armuth den Menschen auf diese niedere Stufe herabdrttckt? Gerade die Behandlung ist es, die ihm widerfährt! Wenn nran seinen Mitmenschen, den Noth und Elend dazu treiben, die Hilfe der Vermögenden anzustehen, als „Bettler" von sich abstößt, wenn man ihn als „Lump" und „Strolch" behandelt, was bleibt ihm dann schließlich anderes übrig, als ein solcher zu werden?! Aber das Sprüchwort lehrt: „Armuth schündet nicht!" Das ist der cireulu.^ vitiosus, in dem sich die Gesellschaft bewegt! Wie das gewitterdräueude schwarze Gewölk vordem hervorbrechenden Sonnenstrahl, so verschrvindet diese Welt des Jammers vor dem erhebenden Gotteswort : »nx 'ni „Fürchte dich vor deinem Gotte und es lebe dein Bruder bei dir!" Die Worte “pp^ö zaubern dir eine Welt des Friedens und des Segens hervor, in der der Mensch nicht der Herr, sondern nur der Hüter und Vermalter seines Vermögens ist, von dem er verpflichtet ist, seinem Menschenbruder zu spenden, daß dieser neben ihm leben könne. Die ganze soziale Gesetzgebung der Thora beruht auf diesem Prinzip. Ein Proletariat konnte nicht entstehen, ein Klaffenhaß war absolut undenkbar. Der Bedürftige war nicht auf die Gutherzigkeit, die Gnade, die Laune des Besitzenden angewiesen. Ferner hatte er das Recht, die unentbehrlichen Eristenzmittel zu fordern, dieser die Pflicht, sie nach Maßgabe seines Könnens gewähren. Denn, „dein Bruder-ist es", spricht das Gotteswort, und „er soll neben dir leben". Aber nicht nur deinem Glaubensgenoffen sollst du beispringen, sondern dem ara *u, dem „Fremdling und Beisassen", den du wanken siehst in seinem Vermögensstand *py m ns»:; ia nprnn?, den sollst du halten, ihm ausreichende Hilfe bringen, und hättest bn es schon vierunb fünfmal gethan, so thue es inuuer wieder, vorausgesetzt, daß bu ihn nicht durch deine Hilfeleistung zum Leichtsinn und Verderben bringst; -py 'ni d a ß e r s e i n e n L e b e n s - unterhalt bei dir finde, tz'ri npinni *irn d’Cj?d 'n ix "i vx npmn vx p:ai r-D ■py ‘rn ny*i nirirP vrcßc -;x ’'£x tziy n npirm (Fortsetzung folgt.)

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