Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 61 (4.8.1898)
- Date
- 1898-08-04
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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1144 -^->^r: * 'yw7r->K*pi Was sagt da ein Jude dazu? Wie soll da Selbstachtung im Judenthum sich entfalten? Nun, aus Selbstachtung will ich schließen, ich erwarte meinen Freund Piccolo, der wird mir Neues berichten sür den nächsten Brief; also Fortsetzung folgt. Verzeihen Sie meine Offenheit, ich bin heute schlecht gelaunt, das nächste Mal will ich braver schreiben. Ihr Tessi. Zeitungsnachrichten und Correspondenren. Deutschland. W. Berlin. In einer sehr bemerkenswerthen Schrift: „Unter jüdischen Proletariern" von R. S. Landau, die soeben in der Buchhandlung L. Rosner, hier, in Commission erschienen ist, finden wir einige Bemerkungen übr das jüdische Theater in Lodz (Russisch Polen), die hier wiedergegeben seien: „Auch Lodz hat sein jüdisches Theater. In einem großen Saal, der 6—400 Personen faßt, befindet sich die improvisirte Bühne, ein Orchesterraum für zwölf Musikanten und der Zuschauerraum: Sitzplätze und Stehpaterre. Im Hintergründe auf einer Erhöhung über dem Stehparterre erheben sich zwei Logen für das „feinere" Publikum. Diese Logen sind leer, und nur einige Kinder treiben oben ihr lustiges Spiel. Sonst ist der Zuschauerraum ganz voll. Es ist Samstag Abend. Festlich gekleidete Frauen und Mädchen sitzen in den ersten Reihen, darunter herrliche Typen mit schwarzen Haaren, schwarzen Augen und einem Gesicht voll Ernst und Selbstbewußisein. Das sind Arbeiterfrauen, Arbeiterinnen, Köchinnen, Ladenmädchen u. dgl. mit ihren Männern oder Bräutigamen. Die Brautpaare, die nur am Samstag zusammenkommen können, geben sich hier gern ein Stelldichein. Frauen vom Mittelstände finden wir hier selten; Mädchen fast nie. Die gehen lieber in's polnische Theater zur neuesten Posse von Balucki oder ZalewLki. Aber alle, die hier sind, bilden eine andächtige Gemeinde. Trotzdem sich hinten im Stehparterre die Menge mit den schwarzen, langen Röcken und schwarzen Kappen staut, herrscht im Saale eine lautlose Stille. Jedes Wort, das von der Bühne herabdringt, ist wie eine Offenbarung. Es zündet und entzückt, es berauscht und reißt fort. Die Heldenthaten der Makkabäer und Bar-Kochbas (Dramen von Goldfaden), eines Simson und einer Esther gelangen erst hier in ihrer ganzen Größe zum Bewußtsein des Volkes. So werden in ihm die Liebe zur alten Heimath und die nationale Opferwilligkeit geweckt und großgezogen. In Lustspielen und Possen werden dem Volke seine Schattenseiten vorgehalten, selbst Bigotterie wird getadelt, das Protzenthum der Reichen und die Unterwürfigkeit der Armen werden verhöhnt, und der Jagd nach Gold wird die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins entgegengehalten. Und an den Eindrücken, die die Zuhörer von hier forttragen, zehren sie dann die ganze Woche. So kommt ein Hauch Poesie in ihr jämmerliches Alltagsdasein. Wenn sie unter der Last der Sorgen schier zusammenbrechen, dann sind es die wehmüthigen Lieder und Volksmelodien aus den jüdischen Opern, die gedrückten Gemüthern Erleichterung schaffen; die Mütter singen sie ihren Säuglingen als Wiegenlieder vor, und in den Werkstätten geht dabei die Arbeit flinker von statten. Der Eigenart des jüdischen Theaters entspricht die der Schauspieler. Die meisten find Schiffbrüchige auf dem Ocean des Lebens: Kellner, Belfer (Hilfslehrer, corrumpirt von Behelfer) Friseure, Köchinnen oder Ladenmädchen, die mit ihrem Berufe unzufrieden sind, weil sie hinaus möchten in's Leben und in die Welt, die sie nicht kennen, die sie aber in vollen Zügen genießen möchten. Es giebt darunter arbeitsscheue Faullenzer, aber auch viele echte Talente, die aus der Höhe ihrer Aufgabe stehen. Diese bleiben auch nicht lange im Osten, sie gehen nach England oder Amerika, wo ihnen große Gehalte winken. Die Lodzer Truppe zählt 23 Schauspieler. Die meisten beziehen einen Monatsgehalt von 15 bis 20 Rubel; die „ersten" Schauspieler theilen das Reinerträgniß unter einander. Um halbwegs eristiren zu können, erklärte mir der „Theaterdirector", muß die Truppe 20" Rubel per Abend einnehmen, das sei aber höchstens zweimal wöchentlich der Fall. Darum machte er auch gehörige Reclame von der Bühne aus. Nach Schluß des „Doctor Almasado" hielt er an das „sehr verehrte Publikum" eine Ansprache, worin er die Vorzüge seiner Truppe gegenüber der früheren betonte und zu zahlreichem Besuch einlud. Die piece de resistanc-e der Saison werde das „berühmte Stück" „Jbn Esra" von Kaminski und die neueste Komödie „Zum Kranklachen", „Freide Notekopf" sein. Und darum kommen Sie und unterstützen Sie uns. Denn wir brauchen kein Geld, nein, nein, nur — Mazzes auf Pesach . . ." a. Köln, 5. August. Vor dem Schöffengericht stand der Kaufmann K. von hier, beschuldigt im Jahre 1898 fortgesetzt den Bestimmungen des Paragraphen 105 d der Gewerbeordnung zuwider gehandelt zu haben, indem er an Sonn- und Festtagen Nachmittags Gehülfen in seinem Handelsgewerbe beschäftigte. Der Beschuldigte bemerkte: „Ich bin Israelit und habe Samstags mein Geschäft geschlossen; die Leute, die ich an Sonntagen interne Arbeiten erledigen ließ, waren ebenfalls Israeliten, und ich habe nie christliche Gehülfen zu der fraglichen Zeit be-