Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 61 (4.8.1898)
- Date
- 1898-08-04
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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1X1IX. Jahrgang. Brilagr,» M fi l -r» „Israelis. Feuilleton. Weiseöriefe culs dem Karze. Zur Abmechlnng ging ich in diesem Jahre nicht nach Nordern-y, sondern in den schönen Harz. Hier aus den herrlichen Bergen in den rauschenden Wäldern fühle ich mich frei von dein Aerger des Berufes. Hier sehe ich nicht jene jüdischen Slntifemitcn, die mit stolzem Lächeln am jüdischen Hotel in Norderney vorübergehend die dort speisenden Inden betrachten, um dann selbst im nichtjüdischen Hotel zu imponiren, hier im Harz ist wenig Badeleben, man lebt wandernd und wandert lebend. Das sind wir Juden einmal gewohnt, und da ein frommer Jude sich freut, seiner Neberzeugung einmal Opfer bringen zu können, so seufzt er nicht unaufhörlich über den Mangel an jüdischen Hotels im Harze, sondern, er lebt wie er es kann, und er verhungert doch nicht. Ja, es ist ein Jammer, das; dieses schöne Fleckchen Erde dem frommen Juden fast unzugänglich ist, da im ganz n Harze kaum ein einziges Hotel sich befindet, in dein ein frommer Jehudi mit gutem Gewissen essen kann. Wie ich es «lache, will ich nicht ausplaudern, sonst würde meine gastfreundliche Hausfrau bald überfluthel werden. Aber ist dem llebel nicht abzuhelfen? Kann nicht in Suderode, oder Ballenstedt in Thale oder Alexisbad eine einfache jüdische Restauration errichtet werden? Jst's keiner der sich hinunterwagt? Aber wenn Restaurationen errichtet werden, so müssen sie, bei aller Einfachheit, reinlich sein, denn der Jude ist dem Juden gegenüber doppelt anspruchsvoll. Ileberhaupt, — und das lernt man alljährlich in den Badeorten, — sieht es im Innern unserer GlaubenSgenossenschast noch sehr bedenklich aus. Sie werden sagen, der Schreiber dieser Zeilen scheint den „Israelit" für ein antisemitisches Blatt zu halten, und er gibt den antisemitischen Zeitungen Stoff zum Abdruck, — nein, ich stehe auf dem Standpunkte, daß man die Krankheiten im Innern nicht zu verschweigen braucht, sondern offen sie bekämpfen muß, das kann beiti anständigen Nichtjuden mir imponiren. Die vielgerügte Protzerei in den Badeorten, die man gerade bei den in christlichen Hotels sich breitmachenden Jüdinnen findet, ist ein Uebel, vor dem nicht genug gewarnt werden kann, und diese Putzsucht und Protzerei hat es bewirkt, oaß ein I ausgesprochen antisemitisches Seebad, wie Borkum so ausblühen konnte. Ich habe immer Vergnügen, wenn ein I jüd. Kurgast aus Borkum „hinausgeekelt" wird, denn! der Jude, der Borkum aufsucht, hat keinen Funken Ehrgefühl, abgesehen davon, daß er dort gezwungen ist, im nichtjüdischen Hotel zu speisen. Nun, das ist eben das verderbliche Eindrängen, die Afsimilationssncht einzelner Resormjuden, die nicht in ein anderes Bad gehen wollen, „weil zu viele Juden dort sind," sich gerne, vertrauend auf etwas germanisches Aussehen, hineindrängen, in nichtjüdische Kreise, mithelfen, wenn auf die Juden losgezogen wird, und dann, wenn der Schwindel entdeckt wird, feige flüchten müssen. Gott sei Dank sind diese Fälle vereinzelt. Doch eine große Anzahl Juden leidet an dem Mangel der Selbstachtung. Etwas mehr Stolz wäre häufig sehr angebracht. Womit brüstet sich mancher Jude am Liebsten? Wenn er sagen kann, daß er christlichen Verkehr hat. Ich habe auch christlichen Verkehr, und habe gewiß nichts dagegen einzuwenden, doch in kleineren Städten, da gibt es überall vereinzelte jüdische Familien, der Herr Rechtsanwalt, oder Doktor, oder Amtsrichter, oder auch Kaufleute, die lieber bei einem tief unter ihnen stehenden Nichtjuden sich eindrängen, als mit einem einzigen ihrer Glaubensgenoffen verkehren. Sie nennen das feiner, und haben nicht die geringste Selbstachtung, fühlen sich beglückt, daß sie zugelassen wurden, als ob der Jude weniger wäre, als andere Menschen. Doch — ich ärgere mich schon wieder, ich bin ja im Harze und will die schöne Natur genießen Aber wenn man so lustwandelnd durch die Berge zieht, da wogen die mannigfaltigsten Gedanken durch den Kops und all die Erfahrungen und Enttäuschungen des verfloffenen Arbeitsjahres ziehen mit neuen Farben lebendig an der Seele vorüber. Zwar kommt man sich winzig klein vor in der großen schönen Natur, aber man muß nur sich selbst achten, Selbstbewußtsein bewahren, dann ist man größer, als wofür man sich selbst hält. Ich komme immer wieder auf mein altes Thema zurück, denn da fällt mir eine Correspondenz ein, die ich einmal in einer jüd. Zeitung gelesen, die mich schon wieder ärgert, ja doppelt ärgert, weil selbst ein Rabbiner keine Selbstachtung halte. Da kam in das Städtchen Z. ein Bischof, und es steht za lesen. „Unser allverehrter Herr Rabbiner Dr. X. war zwar nicht zum Empfange geladen, doch ließ er es sich in seiner bekannten Friedensliebe nicht nehmen, bei der Abfahrt des Bischofs in „Amtstracht" am Bahnhofe zu sein. Der Bischof bemerkte dies auch, und huldigte den Rabbiner einiger freundlichen Worte." So steht es in der jüd. Zeitung.