Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 60 (1.8.1898)
- Date
- 1898-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1101 lten reichen und vornehmen Juden, an die bislang sich Niemand heranwagte nach Herzenslust schimpfen zu dürfen, war es doch auch so bequem für alle Miseren dieser Welt einen Sündenbock gefunden zu haben! Auch die Juden, leider muß es gesagt sein, sorgten dafür, daß die neue Bewegung populär wurde, sie waren im Anfang die eifrigsten Besucher der Versammlungen, sie kauften massenhaft die wie Pilze aus der Erde wachsenden antisemitischen Zeitungen und sprachen und schrieben viel mehr, wie nöthig war über dieselbe. Aber die Zunahme der Berliner Bewegung sollte nicht lange dauern. Wenn auch der einmal entfachte Antisemitismus sich auf übrige Theile Deutschlands und andere Länder übertrug, in Berlin ging es bergab mit ihm. Die sozialdemokratische Partei sorgte schon dafür die Arbeiter darüber aufzuklären, daß das Kapital einen interconfessionellen Charakter habe. Dazu kam, daß die Persönlichkeit Stöckers durch allerhand Prozesse viel von ihrer VolkSthümlichkeit einbüßte und die Christlich-Sozialen, früher so und so viele Tausende, schmolzen auf ebensoviele Hunderte zusammen. Als Bismarck sah, daß die sozialdemokratische Bewegung auch den christlichsozialen Damm überschwemmt hatte, ließ er Stöcker, der auch anfing, gegen ihn heimlich zu intriguiren, fallen. Zu Beginn des Jahres 1885 mußte auf Befehl Bismarcks die conservative Partei bei ihrer Neubildung Stöcker und Luckhardt ausschließen, während der Vorsitzende des Vorstandes der israelitischen Gemeinde zu Berlin, Justizrath Siegmund Meyer, ostentativ von einer Anzahl hocharistokratischer Männer in ein Comitö zur Feier von Bismarcks siebzigstem Geburtstag gewählt wurde. Von dieser Zeit ab stand Bismarck der judenseindlichen Bewegung kühl bis an's Herz gegenüber. Bald wurden über philosemitische, auch manchmal über antisemitisch angehauchte Aeußerungen des Fürsten berichtet, im Großen und Ganzen blieb ihm aber der Antisemitismus so gleichgiltig, wie vor der Zeit, in der er glaubte, diese Bewegung für seine Zwecke ausnutzen zu können. Es ist eine Eigenthümlichkeit des jüdischen Stammes, dankbar zu sein. Wir wollen daher nicht vergessen, daß das deutsche Volk dem Fürsten Bismarck die Verfassung des Deutschen Reichs verdankt, welche die letzten Schranken, die der Emancipation entgegenstanden, in allen deutschen Landen hinweggeräumt hat. Uns aber mag sein Leben und die mit ihm so eng verknüpfte Geschichte der letzten Jahrzehnte eine große Lehre geben. Nicht die Liebe der Völker zu uns ist es, die den seit Jahrtausenden in ihnen schlummernden Judenhaß zuweilen uns als erloschen erscheinen läßt und den wir etwa durch Assimilation oder durch Aufgabe unserer heiligen Gesetze löschen können, es ist vielmehr die göttliche Vorsehung, die die Umstände fügt und die Verhältnisse gestaltet, es ist der Lenker des Weltalls, der versuchen will, ob auch im Glücke sich Israel bewähre und da zeigt sich denn die Wahrheit des prophetischen Wortes: „Durch das Recht nur wird Zion erlöst werden." Uebet und thuet das Rechte, dann werden die Völker auch Euch gegenüber Gerechtigkeit walten lassen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. V. Breslau, 1. Aug. Eine bemerken«werthe Entscheidung ist, wie gemeldet wird, vom II. Senat des Ober-Verwaltungsgericht gefällt worden. Darnach haben Kirchen und gottesdienstliche Gebäude der staatlich aufgenommenen Religions-Gesellschaft einen Miethswerth überhaupt nicht, und ist es deßhalb unzulässig, die Kirchengemeinden nach einem fingirten Miethswerth derselben zur Communal-Einkommensteuer heranzuziehen. Dieser Grundsatz finde jedoch auf die Synagogen keine Auwendnng. Friedberg (Hesien). Der hiesige 'israelitische Krankenverein feiert am Sonntag den 7. August d. I. das Fest seines 100jährigen Bestehens. Derselbe schaut auf eine sehr segensreiche Thätigkeit zurück und die Feier, zu der auch frühere, von hier weggezogene Mitglieder eingeladen sind, verspricht, nach den getroffenen Vorbereitungen zu schließen, einerecht recht gelungene zu werden. 2. Limburg, 28. Juli. (Der Verein israelitischer Lehrer Nassaus) hielt am 17. d. Mts. hier im „Preußischen Hof" seine Generalversammlung ab. wozu sich auch die drei Herren Bezirksrabbiner Dr. Silberstein (Wiesbaden), Dr. Weingarten (Ems) und Dr. Landau (Weilburg) eingefunden hatten. Kollege Lehmann (Weilburg) referirte über „die materielle Lage des jüdischen Lehrerstandes". Referent erledigte sich seiner Aufgabe in geschickter Weise und erntete großen Beifall. Was als Hauptpunkt die Tagesordnung zierte, war die Gründung einer Unterstützungskasse. Dieser Theil beschäftigte die Versammlung recht lange und rief eine große Debatte hervor. Zuletzt einigten sich die Ansichten dahin, diesen Punkt der Tagesordnung zum Beschluß zu erheben, was auch geschah. Es wurde eine Kommission ernannt, bestehend aus den Herren Katzenstein-Schierstein, Oppenheimer-Hadamar, Meier-