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Der Israelit · 1898-08-01 · Heft 60 (1.8.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 60 (1.8.1898)
Date
1898-08-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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des damaligen Bundesgesandten eingetreten und von diesem Wendepunkt ab datiren bereits einzelne Auslastungen Bismarck's, die auf eine viel günstigere Beurtheilung unserer Glaubensgenosten schließen lasten. Viel mag dazu die Stadt, in der er sich befand, beigetragen haben. Nicht nur, daß in der großen Handelsstadt am Main das jüdische Element von den nichtjüdischen Mitbürgern seit je geschätzt und geliebt wurde, es war auch die Stadt in der wenige Jahre vorher ein Riester im deutschen Parlament seine gewichtige Stimme zu Gunsten seiner Glaubensgenossen ertönen ließ und wo in der Paulskirche die Vertreter der deutschen Lande mit überwältigender Majorität die Freiheit des Individuums auf dem Gebiete der Religion als eine unbegrenzte bezeichneten. Diese Ideen hatten trotz der später eingetretenen Reaktion im Volke von Frankfurt Wurzel gefaßt, während in der damaligen verkehrslosen Zeit das Familiengut Schönhausen im Kreise Jerichow, wo Bismarck vorher den größten Theil seiner Zeit verlebt hatte, von solchen Ideen unberührt geblieben sein mag. Wir übergehen die Perioden der Kriege gegen Dänemark, gegen Oesterreich und Frankreich, während welchen man keine Zeit fand zu untersuchen, ob das jüdische Vermögen in höherem Maße wachse wie das arische, während welchen man im Gegentheil den semitischen Bruder freudig und beglückt als Kamps¬ und Zeltgenoffe begrüßte, dessen Blut zum Verspritzen auf dem Felde der Ehre ja den gleichen Werth besitzt wie das arische. Wir übergehen auch die ersten Jahre nach Begründung des deutschen Reiches, in welcher wegen des Kampfes Bismarcks gegen den Katholizismus und wegen seines Einvernehmens mit der nationalliberalen Partei, der damals der überwiegend größte Theil der deutschen Judenheit angehörte, kein Raum für Judenhetzen gewesen, um mit einem etwas kühnen Sprunge an das Ende der siebziger Jahre zu gelangen. Stöcker hielt damals seine ersten antisemitischen Versammlungen ab und man kann wohl von dieser Epoche den Beginn der heutigen antisemitischen Bewegung datiren. Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, und es ist dies selbst von seinen Freunden schon vielfach ausgesprochen worden, daß Bismarck, so neidlos auch seine Erfolge in der äußeren Politik anerkannt werden, er in der inneren die schwersten Mißgriffe beging. Sein Fehler lag wohl darin, daß er die Mittel, die ihm in der auswärtigen Politik zu so gewaltigen und in ihren letzten Zielen so segensreichen Erfolgen verhalfen, daß er dieselben sieggekrönten Waffen auch gegen seine eigenen Mitbürger verwenden zu dürfen glaubte. Rücksichtslosigkeit, die das Staatsinteresse gegen äußere Feinde oft gebieterisch fordert, ist gegen die gegnerischen Parteien im Innern, die ja aus Mitbürgern bestehen, sehr selten am Platz. Der äußere Feind muß niedergeworfen werden, der Gegner im Innern, so lange an seiner Anhänglichkeit an's große Vaterland nicht gezweifelt werden darf, soll gewonnen werden. Das deutsche Volk wurde durch das rothe Gespenst geschreckt und als dieses Mittel keine genügenden Erfolge zeitigte, wurde auch der Antisemitismus zu Hilfe gerufen. Der Antisemitismus als Mittel zur Bekämpfung politischer Parteien, ist eine Erfindung Bismarcks. Dieser Gedanke des großen Meisters ist deßhalb so verhängnißvoll geworden, weil er von kleineren und unfähigeren Staatsmännern übernommen und auf weite Gebiete des europäischen Auslandes übertragen wurde. Wie Bismarck über seinen Gefühlen stand, so stand er auch über seinen Werkzeugen und Mitteln. Bismarck verkannte die revolutionäre Gefahr, die im Antisemitismus liegt nie und er war der Mann dazu, den gefährlichen und unreinlichen Diener, kaum, daß er nothdürftig seine Schuldigkeit gethan, eiligst von sich abzuschütteln. Der Liberalismus, dessen Förderung zur Festigung des neugeeinten Reiches unentbehrlich war, erschien Bismarck für Zeiten normaler Verhältnisse als nicht im Staatsinteresse gelegen. Um diesen so lange geförderten Liberalismus zurückzudrängen, waren Bismarck alle Künste der Diplomatie gerade gut genug. 'Nachdem alle Stränge im Kampfe gegen den Liberalismus gerissen, kam der vermeintliche Retter in der Noth, Herr Hosprediger Adolf Stöcker. Mit volltönenden, salbungsvollen Phrasen und nicht zu leugnender Beredsamkeit versprach dieser angebliche Weltbeglücker alle freisinnigen Handwerker und soeialistischen Arbeiter Berlin's und nachher alle Arbeiter Deutschlands in seine „christlich-sociale" Bewegung hinüberzulenken und Bismarck, mit Juden seither vielfach befreundet, mit Juden anhaltend Geschäfte machend, der Juden auf seinen Gütern als Pächter hatte, der den nationalliberalen jüdischen Abgeordneten Laster und Bamberger Jahre lang freudig zugestimmt hatte, dieser selbe Bismarck zögerte in seiner rücksichtslosen, Alles niedcrtretendeu Art, keinen Moment, dem Herrn Hofprediger die Sonne seiner Gnade in unbegrenztem Maße leuchten zu lasten. Nicht etwa aus Antisemitismus oder, weil er die Schädlichkeit des Judenthums einsehen gelernt hatte! Gottbewahre! Der inzwischen allzu kräftig gewordenen socialdemokratischen Meute sollte die jüdische Beute vorgeworfen werden, damit der socialdemokratische Hunger nicht Dinge fresse, die der Allgewaltige etwa noch brauchen könnte. Aber der Fürst sollte sich, wie in so vielen Fragen der inneren Politik, auch hierin schwer täuschen. Im Anfang jubelte der Berliner Mob denl Hetzer im Talar vieltausendstimmig zu. War es doch so etwas Funkelnagelneues, aus die so angesehe-

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