Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 60 (1.8.1898)
- Date
- 1898-08-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXK. Jahrgang. Der Israelit. Ein Aentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenlhum. Begründet von Dr. ITe^rtnÄun in Btainj. Montag, de« 1. August 5658 (1898). Leitender Artikel. Fürst Bismarck. Mainz, 31. Juli. In jedem Eckchen der civilisirtcn Welt, in das bedruckte Papiere fliegen oder in das der elektrische Draht seine Meldungen gelangen läßt, ist es zu der Zeit, da diese Blätter in die Hände miscrer Leser gelangen, bereits bekannt, daß der in der Ueberschrift genannte „große alte Mann" nicht rnehr unter den Lebenden weilt. Es ist hier nicht der Ort, den Bemühungen der Tagesblätter das Maß für die Größe, den Ruhm und die Unsterblichkeit des Herzogs von Lauenburg zu finden, sich anzuschließen. Diese Bemühungen können ja heute überhaupt noch nicht das Richtige treffen, da sie mehr oder weniger von dem politischen Bekenntnis; der einzelnen Zeitungen gehemmt werden und es erst einer späteren Geschichtsschreibung Vorbehalten bleibt, abschließend zu urtheilen. Wir wollen hier nur darzuthnn versuchen, wie und in lvelcher Weise der Lebensgang uns die Thätigkeit des gewaltigen Altreichskanzlers in die Speichen von Israels Schicksalsrad einzugreifcn imstande war. Es soll von vornherein hier gesagt sein: Bismarck ist von jüdischer Seite in Bezug auf sein Verhalten dem Judenthume gegenüber vielfach nicht richtig beurtheilt worden. Während in einem, wenn auch nur kleinen Theite unserer Glaubensgenossen gegen den „Vater des Antisemitismus" eine niemals zu neutralisirende Bitterkeit zurückblieb, war ein anderer Theil der deutschen Juden in Anbetracht des Umstandes, daß gerade unter seiner Leitung der Regierungsgeschäfte sich die vollständige Emancipation der Israeliten Preußens und des Reiches vollzogen hat, sowie, daß seine judenfreundlichen Aeußerungen in seinem späteren Alter und in größerer Zahl wie diejenigen judenfeinolicher Tendenz erfolgt sind, bereit, ihm Alles zu vergeben und ihm blindlings ihr Vertrauen und ihre Hochachtung entgegenzubringen. Beide Theile gingen unserer Ansicht nach in der Bethätigung ihrer Gefühle zu weit. Es ist gerade so unbegründet zu sagen, daß Bismarck ein Judenfreund, wie daß er ein Feind derselben gewesen. Er stand im Interesse des Staates und in natürlicher Consequenz seiner diplomatischen Meisterschaft so sehr über seinen persönlichen Gefühlen, daß sein öffentliches Wirken keinen Matzstab bildet, um damit 'eine persönlichen Neigungen oder Abneigungen zu erkennen. In seiner Jugend vielleicht war er ein Antisemit in dem Sinne wie heute jeder ostelbische Junker ein Antisemit ist, der die Gesammtheit seiner Bildung aus der „Kreuzzcitung" zu schöpfen pflegt d. h. er raissonirte weidlich auf die bösen Juden, ohne sie vielleicht näher wie die Samojeden und Nubier zu kennen, die damals die zoologischen Gärten Europas noch nicht bevölkerten. Die von ihm im preußischen Landtage im Jahre 1848 als 33jährigem Manne gethane und von den Antisemiten vieltausendfach benutzte Aeußerung, daß er den Judenhaß bereits mit der Muttermilch eingesogen und daß er sich einen jüdischen Richter als Vertreter seines Königs in einem preußisch-christlichen Staate nicht denken könne, diese Aeußerung stammt aus jener Zeit. Bismark war damals der Reaktionärsten einer, er zeigte sich als extremer Gegner einer constitutionellen Gestaltung des Staatswesens. Er benutzte jede Gelegenheit, um seiner Mißstimmung über die Märzerrungenschaften Ausdruck zu geben und da hat er sich auch programmgemäß in seiner wuchtigen Art gegen die Zulassung jüdischer Richter ereifert. In Frankfurt ist aber dann Anfangs der fünfziger Jahre ein erheblicher Umschwung in den politischen Anschallungen