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Der Israelit · 1898-07-28 · Heft 59 (28.7.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 59 (28.7.1898)
Date
1898-07-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1085 einen Koscherwein, wie ich ihn liefere, nirgends kaufen kann. Von der Lese an bis zum Verkorken der Flaschen geht der Wein nur durch jüdische Hände und kein Zusatz noch irgend ein Schönungsmittel verwenden wir, das den Wein osur machen könnte." „Du bist fast zu gewissenhaft, mein Vater. Du willst Deinen Wein sogar auch nur au Jehudim verkaufen und lieferst den Wein zu Kiddusch und Hawdoloh für unsere Gemeinde und für fast alle Gemeinden der Umgegend unentgeltlich." „Das thue ich sehr gerne, aber leider ist man darin auch nicht mehr gewissenhaft genug. Mau nimmt auch zu Kiddusch und Hawdoloh vielfach jajin nesech." „Die meisten Leute machen darin überhaupt keinen Unterschied, ja sie kennen nicht einmal das Verbot des jajin nesech." „Schlimm genug, daß unsere Jugend so unwissend in taurosenu hakdauscho ist; unverantwortlich handeln die Eltern, die nicht ihr Alles daran setzen, daß ihre Kinder in unserer heiligen Lehre unterrichtet, nach unserem heiligen Neligionsgesetz erzogen werden." „Und doch ist nicht immer die Erziehung daran schuld, daß die Kinder mißrathen. Mehr oder weniger liegt in jedem Menschen die Anlage zu dem, was und wie er später einmal wird. Die Erziehung uttb Gewöhnung hat einen großen Einfluß auf den Eharakter des Menschen und der Grundsatz, daß Eltern nicht für ihre Kinder leiden sollen, nimmt die Verantwortlichkeit für mißrathene Kinder den Eltern noch lange nicht ab." „So hältst Du Dich auch verantwortlich für die Thateu Willis?" „Ja, mein Simon. Ich halte mich für schuldig. Die Schuld, die ich als junger Mann nicht kannte, hat mir das Alter klar vor Augen geführt. Wo ich meinte zu lieben, habe ich gehaßt, so bitter gehaßt, wie Amalek einst Israel haßte." „Das verstehe ich nicht, mein Vater. Hast Du nicht alles gethan, um Deine Kinder l'tauroh ulmaasim towim zu erziehen? Erfüllen wir nicht alle unsere religiösen und kindlichen Pflichten bis ins Kleinste? Kannst Du etwas dafür, wenn Willi draußen in der Fremde leicht geworden ist in der Erfüllung der Mizwos und sich nicht scheut vor dem Begehen derAweros? Mit dem 13. Jahre geht die Verantwortung vom Vater aus den Knaben über. Er wird alsdann in religiöser Hinsicht ein Mann —" „Ha, ha, ha.' Sieh sie Dir nur an, diese dreizehnjährigen Männer von heute! Sie gleichen eher Kindern als Jünglingen. Sie sind Blinde, die man ohne Führer hinausstellt auf die Straße des Lebens, sie sind hilf- und schutzlos jedem Unheil vreisgegeben. Und wurdest Du einen Vater nicht anklagen, deffen blinder Knabe zu Falle gekommen, weil er ohne Führer auf die Straße gesetzt worden? Würdest Du es nicht verstehen, daß der Vater den blinden Knaben noch mehr lieben könnte, als seine übrigen Kinder, gerade weil er sich nicht frei von Schuld an seinem Falle sprechen kann?" „Du bist sicher frei von Schuld, was Willi betrisst. So lange er im elterlichen Hause war, gab's doch keinen besseren, frommeren Sohn als er. War er nicht ein Muster für uns alle, Eure und seines Lehrers Freude? Vielleicht kehrt er um; vielleicht sieht er das Sündhafte seines seitherigen Lebenswandels ein —" „Mate mir nicht Zukunftsbilder vor, deren Verwirklichung ich einst hoffte, die ich aber schon längst zu den übrigen getäuschten Hoffnungen meines Lebens gelegt habe. Mein Willi ist uns verloren, verloren für immer." „Nein, Vater, das kann ich nicht glauben. Lies nur Willis letzten Brief. Mit welcher Liebe und Verehrung, mit welcher Achtung und Ehrfurcht spricht er von Dir." „Ich habe seinen Brief nicht gelesen. Dn weißt, daß ich keinen seiner Briese lese, weil sie nichts als Phrasen sind, elende Phrasen, mit denen er sein Gewissen zu täuschen versucht." „Nimm mir es nicht übel, Vater, aber ich meine, Du bist Willi gegenüber zu hart. Der liebe Gott selbst schickt dem Roscho Gelegenheit zur Umkehr, und Dn willst Deinem Sohne die Umkehr erschweren?" „Das größte Glück, welches der Allgütige mir für meinen Lebensabend bescheeren könnte, wäre, wenn mein Erstgeborener wieder so zu mir käme, wie er als Knabe und Jüngling war. Bescheiden und fromm, tugendhaft und al§ treuer, echter Jehudi. Aber daraus darf ich nicht hoffen. Wer dem Moloch unserer Zeit verfallen ist nnd ihm seine bessere Ueberzeugung ge opfert hat, den erwartest Du vergebens in den treuen Gemeinden Israel«?. Mit tausend Fäden ist er an den Götzen unserer Zeit geketttet. und jeder Dag schlingt neue Fäden um ihn und fesselt ihn fester. Da ist kein Entrinnen mehr. Weder Vater noch Mutter, weder Bruder noch Schwester, können ihn bestimmen zurückzukehreu. L, mein Simon, Dein Bruder Willi war ein Knabe, wie es selten einer giebt. Seine geistigen Fähigkeiten und Talente ließen ihn seinem Alter weit voraus eilen. Seine körperliche Schönheit, seine Gewandtheit, machten ihn zum Liebling aller, die ihn kannten. Deine Mutter und ich, wir hüteten ihn wie unseren Augapfel. So lange er in unserem .Hause weilte, war er brav, fromm und gut. Er Z wollte studieren, Rabbiner werden, und ich träumte schon, in ihm einer der Männer zu sehen, auf welche Israel stolz sein darf. Auf Empfehlung eines Freundes brachte ich ihn in das

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